Gegen den Perfektionsmüll

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Del Keens, Gründer der Modelagentur Misfit Models

Gleichmäßige Proportionen und ein schönes Gesicht findet Del Keens langweilig. Für seine Modelagentur Misfit Models in Berlin sucht er Menschen mit einem außergewöhnlichen Look. Warum sind diese Außenseiter heute gefragter als je zuvor?

Feine Gesichtszüge, eine ebenmäßige Haut, große, schlanke Körper – so sehen die typischen Models auf den Laufstegen und in Werbekampagnen aus. Manchmal scheinen sie unnatürlich schön, oft sind sie nach kurzer Zeit wieder vergessen, ersetzt durch ein anderes gefälliges Gesicht, das uns etwas verkaufen will.

Models können aber auch tiefe Augenringe und Falten haben, Piercings und Tattoos im Gesicht, verkürzte Gliedmaßen oder einen dicken Bauch. Del Keens verschafft ihnen Jobs. Seine Agentur Misfit Models bedient Kunden, die abseits des gängigen Schönheitsideals unverkennbare Gesichter für ihre Produkte suchen.

Auch Del Keens Gesicht kann man nicht so leicht vergessen. Unter seinen Knopfaugen hängen dicke Tränensäcke, dazu kommen Segelohren, schiefe Zähne und ein paar Falten, die er noch nicht hatte, als er vor etwa 20 Jahren in London auf der Straße entdeckt wurde. Del arbeitete zu dieser Zeit als Paketkurier und war überrascht von der Anfrage des heute sehr bekannten Fashionfotografen David Sims, dass gerade er als Model arbeiten soll. So begann eine erfolgreiche Arbeit als „Ugly Model“ bei der gleichnamigen Londoner Agentur. Unter anderem stand Del für Vogue, Diesel oder Calvin Klein vor der Kamera.

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Marc:
„Durch meine Sucht nach Tattoos und Piercings sehe ich inzwischen sehr auffällig aus und genieße es, wenn ich merke, dass sich die Leute auf der Straße nach mir umdrehen und mich gelegentlich sogar fragen, ob sie ein Foto mit mir machen dürfen. Da liegt der Gedanke nahe, daraus mehr zu machen, wenn das offensichtlich bei den Leuten ganz gut ankommt.
In meinem Ingenieursberuf, den ich ursprünglich auch aus gewisser Leidenschaft gewählt habe, geht es leider mehr und mehr ums Geld. Das macht leider immer weniger Spaß. Deshalb tut es mir gut, an den Wochenenden meine Leidenschaften so richtig auszuleben. Wenn die Arbeitswoche hart war, ist mein Outfit samstags und sonntags umso schriller.“

Kampf dem Schönheitswahn

Heute stellt er sich als Anti-Model „eingekreist von magersüchtigen, botoxeingespritzten, fitnessdeformierten und silikonisierten Übermenschenfassaden“ gegen den von Medien propagierten „Perfektionsmüll“ und alle, die „das Althergebrachte weiterhin kopieren und sich somit, wenn vielleicht auch unbewusst, daran beteiligen eine menschlich entfremdete Kultur am Leben zu halten.“ So heißt es auf der Website der Agentur – eine Kampfansage gegen den Normierungsdruck der Schönheitsindustrie.

2006 kam Del für seine damalige Freundin nach Deutschland und versuchte weiter als Model tätig zu sein. Nachdem er keine passende Agentur finden konnte, gründete er diese eben selber. Mittlerweile führt seine Kartei mehr als 500 Models, die die unterschiedlichsten Merkmale aufweisen: bunte Haare, krauser Bart oder komplett kahl, Narben, im Rollstuhl, muskulös oder klapperdürr. Alles, aber nicht „normal“ schön.

So sind auch die Kampagnen, für die die Models gebucht werden, selten normal. Deshalb gehört neben einem außergewöhnlichen Aussehen für viele Jobs auch eine gesunde Portion Selbstbewusstsein dazu sowie die Fähigkeit über sich selbst lachen zu können. Respekt für seine Models verlangt Del Keens natürlich trotzdem und akzeptiert dafür auch die meisten Anfragen, „solange es bezahlte Arbeit ist und das angefragte Model die vom Kunden gewollte Rolle gerne spielt.“

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Kim: „Warum sollte jemand im Rollstuhl nicht auf einem Werbeplakat zu sehen sein?“

Wie wird man ein Misfit Model?

„Warum sollte jemand im Rollstuhl nicht auf einem Werbeplakat zu sehen sein?“, denkt auch Kim. Sie sagt, es sei nie wirklich ihr Wunsch gewesen zu modeln. „Aber ich glaube es hat schon immer in mir gesteckt, dass ich wollte, dass auch behinderte Menschen mehr in den Medien gezeigt werden.“ Die 24-jährige ist seit 2014 bei Misfit Models und konnte unter anderem schon für eine Kampagne der Aktion Mensch modeln. Dass die Aktion Mensch mit einem Rollstuhlmodel wirbt, ist nicht so ungewöhnlich. Dass diese Werbungen auf großen Billboards und im Fernsehen zu sehen sind, leider immer noch. „Ich finde es toll, was Del auf die Beine gestellt hat und dass er auch anderen die Chancen gibt, von seinen Erfahrungen zu profitieren und die Medienwelt offener zu gestalten.“

Kim ist über einen Fernsehbeitrag auf die Agentur gestoßen. Präsenz in den Medien ist sehr wichtig für Misfit Models, um neue besondere Gesichter zu finden und potentielle Kunden auf sich aufmerksam zu machen. Dafür hat Del eine verständliche Begründung: „Ich spreche selten Leute auf der Straße an, denn sofern sie mich nicht kennen, denken sie, dass ich verrückt bin oder Witze mache, sie nach dem Modeln zu fragen.“

Über Facebook hat Jasmin zu Misfit Models gefunden. „Del Keens ist sehr nett und zeigt, dass man als Model nicht super aussehen muss.“ Jasmin ist ihrem Umfeld eigentlich unter einem männlichen Namen bekannt. Als Crossdresser lebt sie das Frausein aber gerne ab und zu aus und modelt nebenbei auch für einen Transgender Shop. Einen Job konnte sie über die Agentur noch nicht ergattern. „Vielleicht bin ich doch zu normal.“

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Jasmin: „Vielleicht bin ich doch zu normal?“

Models, mit denen sich die Kunden identifizieren

Dass „Außenseiter“, Menschen mit einem visuellen „Makel“, in der Modebranche immer gefragter werden, zeigen international erfolgreiche Beispiele, wie Winnie Harlow, die die Weißfleckenkrankheit hat, das Albino-Model Shaun Ross oder Mario Galla, der eine Beinprothese trägt. Ihre Einzigartigkeiten bleiben im Gedächtnis und sorgen so für einen guten PR-Effekt. Mit ihren feinen Gesichtszügen und körperlichen Modelmaßen passen sie aber immer noch in das klassische Schönheitsideal und sind so kaum mit den Talenten von Misfit Models zu vergleichen.

Doch auch diese erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit. „Unsere Kunden buchen meine Talente für alle Medienformate, hauptsächlich aber für Werbung, da sie Menschen brauchen, mit denen sich ihre Konsumenten identifizieren können“, berichtet Del Keens. Besonders gefragt seien die „working class looking guys“. Die Kunden wollen also nicht mehr nur ein besonderes Gesicht, mit dem sie unter den unzähligen Werbebotschaften auffallen können, sondern ihren Konsumenten eine Figur bieten, mit der diese sich wirklich identifizieren können. Denn auch die Verbraucher wollen nicht mehr die unrealistischen Schönlinge sehen, die ihnen nicht nur exklusive Mode, sondern auch Alltagsprodukte wie Shampoo oder Autos verkaufen wollen.

Und zu guter Letzt sind es die Models selbst, die sich zeigen wollen, die sich und andere wie sie in den Medien vertreten wollen. Denn sie sind keine Außenseiter oder „hässliche“ Models. Es sind Menschen wie du und ich, denen wir auf der Straße begegnen, die uns am Schalter gegenübersitzen oder im Supermarkt unseren Einkauf abkassieren. Wenn sie uns Bananen und Brot verkaufen, warum sollten sie uns nicht auch Mode und Autos verkaufen können?

Misfits: Englisch für Außenseiter
Anne Weißbach

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Oktober 2016
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