Kaamos Radio sendet Winterstimmungen und -Stimmen aus Mänttä
„Ich mag die Dunkelheit!“

Zwei Personen.
Foto: Gabi Schaffner

Kaamos

Die Straßen in Mänttä sprudeln nicht gerade über vor Leben. Wollige Hunde werden ausgeführt, ein paar Jugendliche plauschen vor den Eingängen der zwei Supermärkte, die Menschen umzirkeln einander vorsichtig vor den Kühltheken und an den Kassen, es ist immerhin Coronazeit. Im Hintergrund der Stadt die Papierfabrik als Hauptarbeitgeber und das örtliche Heizkraftwerk, die entlang der Tehtaankatu beständig fauchen und summen.

Ich war als Künstlerin in diese mittelfinnische Stadt gekommen, um dort eine temporäre Radiostation einzurichten: Kaamos Radio. Unter dem Titel Kaamos lässt sich einiges der finnischen Kultur zusammenfassen: Die lichtlose Zeit des arktischen Winters oberhalb des 60. Breitengrades, das Gefühl von Winter allgemein, Tod und Wiedergeburt, ein Bedürfnis nach Wärme und Zusammengehörigkeit, ein Zustand mentalen Winterschlafs, die Stille in der Natur, das Licht des Schneemeers, das sich über die Landschaft breitet. 

Hören Sie sich hier die Aufnahmen von Kaamosradio Mänttä an:


Radio

Kaamos Radio gestaltete sich als improvisierte Radiostation mit einem Studio, dass weder über Glaswände verfügte, noch über den exklusiven Geruch einer wie auch immer definierten Hochkultur. Ein Tisch, ein Mixer, zwei Mikrofone, ein Computer. Der Audiostream wurde über einen Server an kleine Apps auf verschiedenen Webseiten gesendet, von denen aus die Welt das Geschehen im Studio verfolgen konnte. 
Zunächst einmal aber: Wie gelangen die Menschen und Töne in dieses Studio? Wie kommt man von einer Tabula rasa zu einem Radioprogramm, das von und für die Bewohner eines Ortes gemacht sein soll? Wie gelingt es Menschen zu treffen in dieser Zeit, in dieser Stadt?
Ein Artikel in der Lokalzeitung brachte Erfolge, dazu wurde ich tatkräftig unterstützt von Anita Hannunen, der Koordinatorin des Residenzprogramms der Serlachius-Museen, deren Ausschreibung ich zugleich meinen zweimonatigen Aufenthalt verdankte. 

Dichten und Verdichten

„Die Leute hier sind zurückhaltend, ja schüchtern! Und man darf nicht vergessen, es ist auch die Zeit des Winterschlafs“. Matti Kivilahti hatte mir drei „Kaamos“-Gedichte über E-Mail gesendet, nun saßen wir im Halbdunkel des Kolo-Pubs und sprachen über: die Stadt, seine Arbeit als Poet, seinen Beruf als Pfarrer der örtlichen Gemeinde und vieles mehr. Zur Radiosendung am 13. Februar 2021 erschien Matti zusammen mit seinem Dichterfreund Tomi Voronin. Andere, wie die die Dichterin Janna Korhonen und die Sängerin Merja Kääriäinen bevorzugten es, im Vorfeld zu Kaamos Radio beizutragen. So schickte mir Janna selbst eingesprochene Tonaufnahmen, Merja hingegen stand mit ihrem Bruder Hannu sowie dem Gitarristen Keijo Tuominen und seinem Sohn Leevi am Sonntag vor der Sendung vor den Türen der Residenz. „Meine Mutter hat lange in Lappland gelebt und dort dieses Gedicht geschrieben. Dann habe ich den Artikel in der Zeitung gelesen und war ganz aufgeregt. Ich habe eine Melodie gemacht und das Lied zusammen mit Keijo geprobt. Nun können wir es fürs Radio aufnehmen.“  

Senden

Kaamos Radio übertrug zwei mehrstündige Sendungen aus dem Studio der Residenz, die beide Male um einen speziell für Kaamos Radio kreierten, sechsstündigen Gast-Radiostream des Künstlers Marold Langer-Philippsen live aus Bratislava ergänzt wurden. Teil des Programms war außerdem ein Open Call an die internationale Gemeinschaft der Klang- und Radioschaffenden, sich mit Kompositionen zum Sujet zu beteiligen. Das Programm am 13. Februar begann um 18 Uhr (CET), gemeinsam mit den Künstler*innen und Gästen im Studio und wechselte gegen Mitternacht nach Bratislava, wo unsere Zuhörer*innen auf eine radiophone Reise zum Mars eingeladen waren. Am 20. Februar sendeten wir von 8 Uhr (CET) morgens bis 2 Uhr morgens, also insgesamt 16 Stunden mit der Fortsetzung der Marsreise im Gepäck. 

Empfangen

Es mag ungewöhnlich erscheinen, Livesendungen mit einer Dauer von über 10 Stunden zu kreieren. Kaamos Radio stellt jedoch – ganz wie sein Ursprungsprojekt Datscha Radio in Berlin – auch ein Experiment in Sachen Radiomachen dar. Gängige Vorstellungen von Exklusivität, Sender und Empfänger, Taktung und Dauer werden unterwandert, um eine ausgedehnte Stimm- und Klanglandschaft zu erschaffen, die für unterschiedliche Formen der Partizipation und des Zuhörens offen bleibt: Radio als Lebenskunst – Leben als Radiokunst. 

Nachhören

13. 02. 2021 Kaamos Radio I/Aelita I von Marold Langer-Philippsen 
20. 02. 2021 Kaamos Radio II/Aelita II von Marold Langer-Philippsen
Nachzuhören ab April 2021 auf Datscha Radio/Mixcloud

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