Theaterlandschaft Griechenland Inmitten einer Multiplikation

Theater EMBROS
Theater EMBROS | Foto: Theater EMBROS

Während die dramatisch verschlechterten Arbeitsbedingungen und der Mangel an professionellen Perspektiven für griechische Theaterleute auf die Stimmung drücken, macht zugleich eine lebendige künstlerische Szene von sich reden. Die dort entstehenden Theaterarbeiten verstehen sich oft nicht nur als Kunst, sondern auch als soziale Praxis. Eleni Varopoulou schildert die gegenwärtige junge Theaterszene in einem krisengeschüttelten EU-Land.

April 2013. Griechenland heute: Das bedeutet auch für die Theaterleute extremen ökonomischen Druck - persönlich und in der Arbeit - sowie permanente Unsicherheit. Ein katastrophal zu nennender Abbau des öffentlichen Theatersektors und der Subventionen sind weitere Faktoren, unter denen die Theaterleute leiden. Während die dramatisch verschlechterten Arbeitsbedingungen und der fast gänzliche Mangel an professionellen Perspektiven auf die Stimmung drücken, macht jedoch erstaunlicher- und erfreulicherweise eine sehr lebendige Theaterszene von sich reden. Die dort entstehenden Theaterarbeiten verstehen sich oft nicht nur als Kunst, sondern auch als soziale Praxis. Mit Erfindungsreichtum und Risikobereitschaft praktizieren sie eine neue Radikalität, die interessante Überlebensstrategien und zugleich künstlerisch neue Wege hervorbringt, sich an das Publikum zu adressieren, und vielfach manifestiert sich ein spektakuläres Widerstandspotential, das in den künstlerischen und politischen Positionen hervortritt.

Umgewandelte Räume

Angesichts der schwierigen Lage ist es verblüffend, dass gegenwärtig allein in Athen im vergangenen Jahr rund 400 Produktionen entstanden sind. Die Aufführungen sind fast immer gut besucht, oft ausverkauft. Dabei hilft es gewiss, dass Eintrittskarten oft stark verbilligt abgegeben werden, der Eintritt überhaupt frei ist oder man nach dem Motto zahlt „Gebt, was ihr wollt!“. Überall werden unkonventionelle alternative Räumlichkeiten erschlossen, immer wieder stößt man auf eine eben eröffnete Galerie, ein Studio oder ein neues Bar-Theater. Ein verlassenes Gebäude wird in ein multifunktionales kulturelles Zentrum umgewandelt; Veranstaltungen, die in einer alten Gerberei oder Druckerei, in Lofts, privaten Wohnungen, in den überdachten Parkraumflächen, im Erdgeschoss von Wohnhäusern oder auf Plätzen unter freiem Himmel stattfinden, machen andersartige Theatererfahrungen möglich.

Nach zwölf Jahren Aktivität im „Bios“, einem Musik- und Bar-Raum mit industrieller Vergangenheit, wo artists in residence, Performer und ausländische Gastspiele alle Ecken des Gebäudes bespielten und ihre Theatertexte und Konzepte entwickelten, ist auf einmal eine „Bios“-Filiale dabei, in ein verlassenes Verlagshaus einzuziehen, in dem früher drei der beliebtesten Illustrierten der Nachkriegszeit residierten. Ein zweites Zuhause sichert sich das Attis Theater in der neuen Räumlichkeit Attis-Neos Choros in Psiri.

Utopien pflegen

Weitere Teile eines künstlerischen Booms mit vielen autonomen, emanzipierten, privaten Aktivitäten, die den urbanen Raum kulturell zu besetzen suchen, sind „Camp“ (Contemporary Art Meeting Point) in einem Gebäude mit Blick auf den historischen Kotzia-Platz, aber auch die „Knot Gallery“ oder das „KET“ (Kentro Elegchou Tileorassion) in einer vormaligen Fernsehreparaturwerkstatt. Als im Jahr 2011 die „Mavili-Bewegung“ eine Besetzung des seit 2007 verlassenen Embros-Theaters unternahm, um darin ihre Aktivitäten als Künstlerkollektiv durchzuführen (Aufführungen, Gastspiele, Vorträge, Diskussionsrunden), wurde die künstlerische Intervention in den urbanen Raum noch direkter politisch. Die alte Druckerei Embros, früher Sitz des Theaters Morfès mit einem stark literarischen Repertoire, wurde nun zum Schauplatz eines dringlich aktuellen Aktivismus, in dem Kunst, Politik und Leben verbunden waren.

Vieles in der pausenlosen und unaufhaltsam scheinenden Bewegung ist, wie man sich denken kann, im Moment unter den dürftigen materiellen Umständen nur durch einen hohen Grad von Selbstausbeutung der Künstler möglich, die aber von ihrer vitalen Lust auf Veränderung zehren. Unbezahlte Arbeit und minimale Einnahmen sind die Regel, aber diese Realitäten lassen in dem konkreten sozialen und politischen Kontext Griechenlands bei den meisten der jungen Theaterleute den Wunsch nach Theaterutopien nur stärker werden, wobei die wichtigsten Ideen vielleicht das Experimentieren und die gerade in schlechten Zeiten gemeinsame Praxis sind.

Privates Mäzenatentum

Was die aktuelle Situation von der Theaterszene der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts gründlich unterscheidet, ist in pragmatischer Hinsicht vor allem der Rückzug des Staates aus der Kunstförderung. In einer Zeit unerbittlicher Ausgabenkürzung ist das System der Subventionen und staatlichen Hilfe für die freie Szene zerschlagen. Der Staat verabschiedet sich von seiner bisherigen Rolle als Kunstmäzen. Viele kleinere Theater können in der wirtschaftlichen Krisensituation ohne diese finanzielle Unterstützung nicht überleben. Aber auch etablierte Theaterinstitutionen wie das Nationaltheater in Athen oder das Staatstheater Nordgriechenlands in Thessaloniki haben massive Budgetkürzungen zu verkraften, und eine bedeutende Kulturinstitution wie das Megaron (Athens Concert Hall), die seit ihrer Eröffnung 1991 ein breit gefächertes Musikprogramm und anspruchsvolle Theateraufführungen zu präsentieren pflegte, muss hart um ihre ökonomischen Mittel und ihren Status kämpfen.

Anstelle des Staats intervenieren nun mehr und mehr private Strukturen und Träger, die über ökonomische Mittel und Konzepte verfügen. Sie definieren Kunstansprüche und protegieren bestimmte Theatergruppen und Künstler. So spielt das einflussreiche Onassis Kulturzentrum seit 2010 eine wichtige Rolle nicht nur bei internationalen Gastspielen, sondern auch als Ort und finanzieller Träger für griechische Theaterproduktionen. Mit Aufträgen, die sie an Künstler der jungen Generation vergibt, fördert auch die Michalis Cacoyannis-Stiftung in ihrem eigenen Haus erfolgreich das künstlerische Leben, während die Niarchos-Stiftung gegenwärtig in die Bauarbeiten an einem imposanten und für die kulturellen Aktivitäten vielversprechenden Opernhauskomplex involviert ist.

Abgrenzung und Transgression

An den Arbeiten verschiedener heute aktiver Theatergruppen wird deutlich, dass die junge Generation an eine postdramatische Geste anknüpft. Man findet Dekonstruktion von klassischen Texten und Opern, auch von exemplarischen neugriechischen Dramen, die als nationales Erbe von der Renaissancezeit bis in die Gegenwart gelten. Ebenso entwickelten sich hybride Formen mit Pop- und Rockelementen, die sich als Meta-Kabarett oder Meta-Epitheorissi (Revue-Theater) definieren. Interventionen im städtischen Raum und Dokumentartheater entfalten sich, es gibt Divised Theatre, Community Theatre, Mitwirkungen von Immigranten, Nicht-Professionellen und Erfahrungsgemeinschaften, die Referenzräume und produktive Kontakte besonders mit Deutschland und England ins Spiel bringen. Aus der großen Zahl von Gruppierungen wäre zu erwähnen: Die mittlerweile auch in Deutschland bekannten „Blitz“ mit ihrem fragmentarischen Logos und den performativen Kommentaren; „Kanigunda“, deren Produktion „Poli-Kratos“ einen scharfen kritischen Blick auf die Stadt Athen und ihre urbane Geschichte wirft; "Projektor", in der Anestis Azas - neben seinen sonstigen dokumentarischen Theaterproduktionen mit Prodromos Tsinikoris – als Regisseur aktiv ist; die Gruppe „Choros“, zu der Simos Kakalas gehört, der besonders durch eine Re-Lektüre der Renaissancetragödien von Georgios Chortatzis auffiel, „Sforaris theatre co“ von Yannis Kalavrianos, „deviant GaZe“ mit Yorgos Zamboulakis und Thanos Vovolis, die vor kurzem mit einer „Hamletmaschine“ als Performance und Installation von sich reden machten; „Pequod“ oder „Bijoux de Kant“, bei der der bildende Künstler Yannis Skourletis mitwirkt. Das Thema, wie man klassische Opern in freier Weise transformieren und durch heutige Fragestellungen neu beleuchten kann, beschäftigt nicht nur einige Musiktheatergruppen, sondern auch den Theaterregisseur Alexandros Efklidis.

Die wichtigsten Theaterautoren der jüngeren Generation tendieren zu einer stark subjektiven und aggressiven Schreibweise mit radikaler Geste bei der Umschreibung oder Übermalung von älteren Dramen; Themen, Bilder und Extremsituationen werden postmodern aufgemischt oder Alltägliches poetisch gestaltet. Das verbindet sie, nicht anders als die Theatermacher selbst, mit einer wachsenden Kultur des Protests, für die Abgrenzung und Transgression ebenso wichtig sind wie die Selbstbehauptung.

Gekürzte Fassung eines Beitrags für„Nachkritik – Das unabhängige Theaterportal“ zum Heidelberger Stückemarkt.