Mit Büchern aufwachsen Leseförderung von Anfang an

Mit Büchern aufwachsen
Mit Büchern aufwachsen | © colourbox.com

Bekanntlich sind Bücher in Griechenland kein integraler Bestandteil des Alltags. Dafür gibt es viele, auch historisch bedingte Gründe. Ausschlaggebend für die schwach ausgeprägte Lesekultur ist die Tatsache, dass die Freude am Buch nicht systematisch von frühster Kindheit an gefördert wird. Alle daran Beteiligten sind gleichermaßen verantwortlich: Familie, Schule, Bibliotheken, Verlage und Bildungspolitik. Während die meisten Einrichtungen in den vergangenen Jahren die Problematik erkannt haben, stellen die Entscheidungsträger der Bildungspolitik offenbar die einzige Ausnahme dar. Nach wie vor besteht Unklarheit über die künftige öffentliche Leseförderung in Griechenland.

Bücher sind der Schlüssel zum Erwerb von Lese- und Schreibkompetenzen und damit die Voraussetzung zur Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Die nachhaltige Wirkung frühkindlicher Leseförderung auf die Entwicklung des Kindes ist längst erwiesen. Erst kürzlich veröffentlichte der frisch gegründete griechische Verein „Mit Büchern aufwachsen“ auf seiner Homepage die Empfehlung der US-amerikanischen Akademie für Kinderheilkunde (AAP) zur Förderung der Alphabetisierung. Dieser Empfehlung zufolge muss Leseförderung bei Säuglingen und Kleinkindern ein fester Bestandteil der Arbeit von Kinderärzten sein. Ihnen wird nahegelegt, Erziehungsberechtigte über die positiven Auswirkungen von Vorlesen auf die Eltern-Kind-Beziehung zu informieren, zu beraten, wie die entwicklungsfördernden Lesepraktiken gemeinsam mit den Kindern gestaltet werden können und Kleinkindern aus sozial und wirtschaftlich schwachen Verhältnissen zielführende Bücher anzutragen.

Diesen Denkansatz verfolgt auch der Verein „Mit Büchern aufwachsen“. Mit einem innovativen, ganzheitlichen Blick auf die griechische Situation versucht er, Kinderärzte, Tagesmütter, Erzieher, Bibliothekare sowie Eltern zu mobilisieren, um mit vereinten Kräften Leseförderung bei Kindern zu betreiben und Lesen gesamtgesellschaftlich zu implementieren.

Die Anfänge des Vereins

„2011 führten wir eine von der Latsis-Stiftung finanzierte Studie durch zum Thema ‚Kann man Freude am Lesen fördern? Leseorte und Bildungswege’. Unser Anliegen war, die Leselandschaft in Griechenland zu dokumentieren und einen Kontext darzustellen, in dem potentiell eine wachsende Leserschaft unter Kindern zu gewährleisten wäre“, erklärte uns die Vereinsvorsitzende Ava Chalkiadaki und erläuterte den Weg hin zur Vereinsgründung. „Die Studie, durchgeführt unter der Leitung von Ada Katsiki-Givalou, Universität Athen, führte einschlägige Konzepte anderer Länder auf, um die einheimischen Verfahren besser einschätzen zu können. So lernten wir etwa das italienische Programm „Nati per Leggere“ kennen. In der Folge veranstaltete der Fachbereich für Grundschulerziehung der Universität Athen mit dem Fachbereich für Erziehungswissenschaften und Vorschulpädagogik der Universität Patras im Mai 2013 eine dreitägige Konferenz zum Thema ‚Lesefreude fördern: Sachlage und Perspektiven’. Im September 2013 hielt dann der Verein ‚Mit Büchern aufwachsen’ seine Gründungsversammlung ab.“

Keine Richtlinien zur Leseförderung

Wir fragten Frau Chalkiadaki, wie sie die staatliche Leseförderung in Griechenland einschätzt: „Auf der Grundlage der Studie stellten wir drei wesentliche Defizite der bildungspolitischen Konzeption hierzulande fest: Uns fehlen Facheinrichtungen für Kinderbücher, verbindliche Richtlinien zur Förderung von Bibliotheken sowie entsprechende Maßnahmen zur Leseförderung von Kindern im Säuglings- und Kleinkindalter. Was Letzteres  betrifft, ist die immense Bedeutung des frühen Kontakts zu Büchern für die Entwicklung von Kindern belegt. Bücher sind für Kinder Nahrung, genauso wichtig wie Muttermilch“.

Erreichen lesefördernde Maßnahmen tatsächlich breite Bevölkerungsschichten oder richten sie sich eher an ein kleines, speziell interessiertes Publikum? „Üblicherweise nimmt ein ganz bestimmtes Publikum an Veranstaltungen zur Leseförderung teil: bereits hellhörig gewordene Eltern. Es gibt jedoch viele Mütter und Väter, die weder Bibliotheken noch Buchhandlungen oder Lesungen besuchen und ebenso viele Kinder, die vernachlässigt werden oder niemanden haben, der sie zu Veranstaltungen begleiten kann.“

Vereinsziele

„Der Verein setzt sich dafür ein, allen Kindern – von den ersten Lebensmonaten an – Bücher leicht zugänglich zu machen, ihnen dabei zu helfen, sie kennenzulernen und Spaß am Lesen zu entwickeln. Auch soll der Wunsch gefördert werden, selbstständig nach Büchern suchen zu wollen. Unsere Bemühungen sind auf alle Kinder gerichtet, kleine und große, wobei wir uns derzeit besonders auf die Altersgruppe von 0-6 Jahren konzentrieren. Wir möchten ein Bündnis unter Bürgern initiieren und ein einschlägiges Netzwerk  schaffen; alle, die einen Bezug zu Kindern und/oder Büchern haben, sollen mit vereinten Kräften dieses Ziel und Konzept weitergeben“, betonte Frau Chalkiadaki, wobei besonderen Wert darauf gelegt werde, „das Gesundheitswesen mit sämtlichen Beschäftigten in die Fördermaßnahmen miteinzubeziehen. Kinderärzte genießen bei Eltern besonderes Vertrauen. Erklärt der Arzt den Eltern, wie wichtig es für ihr Kind ist, von Geburt an ein Buch zu greifen und Geschichten vorgelesen zu bekommen, dann befolgen sie auch seinen Rat. Im Ausland arbeiten Kinderärzte seit Jahren aktiv für die Leseförderung: Die amerikanische Organisation „Reach Out and Read“ engagiert sich dafür seit den 1990er Jahren, während die Italiener bereits wenige Jahre später mit entsprechenden Maßnahmen begonnen haben. Wir bedienen uns des im Ausland praktizierten Know-hows und bauen darauf auf, unter Berücksichtigung der aktuellen Situation und der Bedürfnisse unseres Landes.“

Zukunftsplanung

Unter den derzeit geplanten Maßnahmen des Vereins „Mit Büchern aufwachsen“ sticht das Pilotprojekt zur Leseförderung für Familien mit Kleinkindern hervor, das in Kooperation mit Kinderärzten vorerst in Athen und Thessaloniki durchgeführt werden soll. Bevor das Projekt im Herbst 2014 anläuft, stehen Einführungsveranstaltungen für alle Mitwirkenden auf dem Programm. „Das Pilotprojekt soll innerhalb von sechs Monaten realisiert und bilanziert werden. Anschließend soll es von lokalen und regionalen Trägern, die daran Interesse zeigen, übernommen werden. Dabei sollen den Kindern so schnell wie möglich Bücher auch kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.“ Vorgesehen sind ebenfalls Broschüren und Titelempfehlungen für Eltern sowie Info-Veranstaltungen für ein breiteres Publikum.