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Berlinale Blogger 2018
Brüste im Nebel

Obscurro Barroco
Evangelia Kraniotis Film "Obscurro Barroco" | Filmstill: © Evangelia Kranioti

In Obscuro Barroco feiert Evangelia Kranioti ein Fest der Künstlichkeit und des Widerstands mit ernüchterndem Erwachen. Unser Berlinale-Blogger Gerasimos Bekas war bei der Weltpremiere im Zoo-Palast. 

Von Gerasimos Bekas

“Würde Dionysos heute leben, dann sicher in Rio de Janeiro”, sagt Evangelia Kranioti und liefert damit gleich den Grund, warum sie in der brasilianischen Metropole einen Film drehen wollte. Mich hat sie schon auf ihrer Seite, bevor ich auch nur eine Sekunde des Films gesehen habe. Sie hat ihren Mantel im Zoo-Palast angelassen, so wie ich das immer mache. Es ist einfach viel zu kalt hier.
 
Ich sehe mich im Saal um. Das Publikum ist überraschend alt und beige gekleidet, aber gut gelaunt. Dann geht es los. Was als Dokumentarfilm etikettiert ist, entpuppt sich schnell als ein Kunstfilm, ein Essay.

Stimme aus dem Off

Der Morgennebel legt sich. Luana Muniz, Ikone des queeren Brasiliens, performt zunächst aus dem Off ihre Gedanken über die Stadt, ihren Körper und über Schönheit. Ihre Worte sind poetisch und ein bisschen zu plakativ, um ehrlich zu sein.

Die Protagonistin verbindet Schmerz und Zerbrechlichkeit mit einer lebensbejahenden Begeisterung, einer Kampfansage und Liebeserklärung an ihre Stadt, musste sich allerdings offenbar schon so oft gegen ihre Umwelt behaupten, so dass sie niemanden mehr an sich heranlässt. Sie bleibt die Inszenierung ihrer selbst. 
 
Es geht nachts durch den Karneval, ekstatisches Trommeln, schwitzende Körper, Feuerwerk, überall Brüste. Rio de Janeiro eben. Alle Grenzen verschwimmen, hier scheint es egal, wer du bist und wie dich die andern sehen. Du tanzt. Alles ist bunt und laut und schön. Ich glaube den Farben nicht, sie berauschen mich nicht.

Nach dem Karneval

Kranioti ist nicht naiv, sie erliegt nicht der Illusion, dass in Rio alle frei sind und permanent eskalieren. Diese Reflexion wird mir als Zuschauer abverlangt. Kranioti bringt das im Film nicht zum Ausdruck. Sie knallt mir stattdessen eine offensichtlich eskapistische Welt um die Ohren, die nicht bestehen kann, weil immer der nächste Morgen kommt und dann die Karnevalskostüme in der Abstellkammer landen.
 
Keine Schminke der Welt kann die Traurigkeit in den Augen der Menschen verdecken. Ein ständiges Seufzen liegt in den Blicken und eine Menge Trotz. Mit allen Mitteln versuchen sie die Hoheit über ihre Körper zu erkämpfen und sie nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Ich weiß nach dem Film trotzdem nicht mehr als vorher. Die vagen Symbole nerven mich, der traurige Clown zum Beispiel, der immer wieder auftaucht, sich irgendwo hinlegt oder einfach guckt. Ich möchte das Rio von Evangelia Kranioti sehen. Im Film geht das nicht. Vielleicht muss man dabei gewesen sein. 

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