Weltliteratur als Lebenselixier

  • Bei einer Ansprache als Institutsleiter © Goethe-Institut Thessaloniki
    Bei einer Ansprache als Institutsleiter
  • Im Kreis der KursteilnehmerInnen beim Abschlussfest 1966 © Goethe-Institut Thessaloniki
    Im Kreis der KursteilnehmerInnen beim Abschlussfest 1966
  • In einer Reihe (von links) mit dem damaligen Kulturreferenten Wolfgang Ebert, dem Institutsleiter Franz Isemann sowie dem Generalkonsul in Thessaloniki Westerburg und Gattin beim Konzert von Wolf Biermann im April, 1986  © Goethe-Institut Thessaloniki
    In einer Reihe (von links) mit dem damaligen Kulturreferenten Wolfgang Ebert, dem Institutsleiter Franz Isemann sowie dem Generalkonsul in Thessaloniki Westerburg und Gattin beim Konzert von Wolf Biermann im April, 1986


In Saloniki
weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim,
das sind schon zwei.

Günter Eich (1907-1972), aus dem Gedicht „Zuversicht“ (1966)
 
Wer spricht von Siegen? Übersteh´n ist alles.
Posadowskys liebster Rilke-Vers
 
In Thessaloniki, wo er vierzig Jahre lang zum Stadtbild gehörte, hieß er nur „der Baron“. Diese respektvoll-zärtliche Anrede galt ebenso seiner Herkunft aus einer preußischen Adelsfamilie – sein Vater war ein hoher Marineoffizier – wie auch einer nobel humanistischen Haltung im Umgang mit Menschen und ihrer jeweiligen Lebens- bzw. Wissenstradition; aus diesem Fundus schöpfte Dr. Kurt Graf von Posadowsky-Wehner in einem heute sehr selten gewordenen Maß bis ins hohe Alter.

Geboren am 9. Oktober 1903 in Berlin, wandte er sich nach dem pflichtgemäß absolvierten Jurastudium und einem wohl wenig verheißungsvoll erlebten Referendariat dem Studium der Romanistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Wien, Paris und München zu. 1936 wurde er mit einer Monografie über den französischen Dichter Jean Parmentier (1494-1529) von Karl Vossler promoviert. Im Herbst 1937 trat er der „Deutschen Akademie“ bei; seit 1925 war diese Vorläufereinrichtung des Goethe-Instituts mit Aufgaben der auswärtigen Kulturpolitik betraut. In ihrem Auftrag ging er als „Lektor“ für Deutsch erst nach Sarajewo, dann nach Oviedo und Cartagena. Das Kriegsende erlebte er in Spanien, wo er in den darauffolgenden Jahren Altgriechisch, Latein, Französisch und Englisch an Gymnasien unterrichtete. Damals fing er auch an, Lyrik ins Deutsche zu übertragen: aus dem Spanischen, Portugiesischen, Italienischen, Französischen, Englischen, Serbokroatischen und Russischen.

1952 holte Werner Günther, ehemaliger Kollege aus der Deutschen Akademie, ihn an das später durch ein bilaterales Kulturabkommen ab 1956 als offizielle bundesdeutsche Kulturvertretung agierende Athener Goethe-Institut, wo er drei Jahre als Dozent tätig war. 1955 erhielt Posadowsky den Auftrag, in Thessaloniki die Grundlagen für ein zweites griechisches Goethe-Institut zu legen, dessen Leiter er dann bis 1968 blieb. Auch brachte er 1960 das Institut (später Abteilung) für deutsche Sprache und Literatur der Universität Thessaloniki in Gang, wo er bis 1974 wirkte.

Thessaloniki: Heimat eines Kosmopoliten

Ekaterini Dorfmüller-Karpusa, inzwischen Emerita der Thessaloniker Germanistik, erinnert sich an ihn aus den ersten „Goethe“-Jahren: „Er war ein heiteres Gemüt und besonders Damen gegenüber sehr charmant. In Thessaloniki lud man ihn immer wieder in die besten Häuser ein. Schnell war auch bekannt, dass er griechische Lyrik ins Deutsche übersetzte, und so wurde er zum Mittelpunkt. Einmal erklärte er mir: Hier in Thessaloniki will ich leben und sterben. Er war Kosmopolit im besten Sinne, nicht einfach nur multikulturell, eine Persönlichkeit, die durch ihre Belesenheit beeindruckte und ihr Wissen geschickt und verständlich an andere weitergeben konnte. Außerdem feierte er besonders gern. Für den traditionellen Neujahrskuchen stellte er gar aus eigener Tasche die obligatorische Münze in Form eines echten Goldsovereigns zur Verfügung. Das war eine Geste, die man nicht so leicht vergisst“.

In der Stadt Thessaloniki galt er als Institution. Bei offiziellen Anlässen war er, wie Dorothee Vakalis berichtet, oft der einzige bekannte und vor allem geachtete Deutsche. Man habe ihn bei Konzerten, Vorträgen, auf der Straße und beim Essen im legendären Restaurant „Olympus Naoussa“ an der Küstenstraße Leoforos Nikis getroffen, wo einmal das Goethe-Institut untergebracht war. Schon in den ersten Jahren, die noch von der Erinnerung an die Besatzung geprägt waren, sei es ihm gelungen, eine lebendige Brücke zu seinen griechischen Mitmenschen zu bauen.

Stadtgeschichte(n) und (Welt)Literatur

Dorothe Vakalis hat ihn lange als Seelsorgerin und Freundin begleitet: „In seinen letzten zwanzig Jahren war die Evangelische Gemeinde in Thessaloniki der Ort, an dem er im Ruhestand gewirkt hat und bis ins hohe Alter, ja bis zu seinem Tod getragen wurde. Als ich Pastorin der Gemeinde wurde, gab er mir Worte aus dem Römerbrief 12,12 mit auf den Weg: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an im Gebet. Geduld war bestimmt nicht seine Stärke. Er konnte wirklich aufbrausen. Und auch Trübsal kannte er. Fehler bei anderen zu finden, sogar bei einem Luther, das machte ihm richtig Spaß. Seine Nachfolger im Amt waren davon auch nicht verschont.

Oft sind wir zusammen auf dem Friedhof gewesen. Von Grab zu Grab gegangen. Und dann hat er erzählt. Geschichten von Menschen, die sonst niemand mehr erzählen konnte, die sich einreihen in die große Geschichte dieses Orts, die ein Teil dieser Stadt und ihrer wechselvollen Historie geworden sind: von Eisenbahnern, Konsulatsbeamten, Lehrern, Handwerkern, Geschäftsleuten, Durchreisenden, Obdachlosen, Müttern in deutsch-griechischen Familien, hier Gestrandeten. In seinen Geschichten wurden sie alle zu einem Teil dieser Stadtgeschichte.“

Ein „gnädiger“ Tod traf ihn 1996 im Sessel an und holte ihn von den geliebten Büchern und der Korrespondenz, mitten aus einem immer noch kommunikativen und aktiven Leben, ohne Krankenlager, ohne indiskrete Pflege, ohne Siechtum. Jetzt liegt er auf dem Protestantischen Friedhof jenseits der Stadtmauer von Thessaloniki, gar nicht weit entfernt von seiner letzten Wohnung. Als hätte Posadowsky schon immer gewusst, was ihm Dorothee Vakalis drei Jahre später am Grab nachrief: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden (Psalm 90:12) … Klug werden, auf die Geschichte des Orts sich einlassen, diesem Ort sich verbinden, die Schmerzen und Sehnsüchte heraushören, die Enttäuschungen und Hoffnungen so vieler Menschen, und so zur eigenen Geschichte, zu den Enttäuschungen und Hoffnungen stehen können.“

Über die Arbeitsjahre im Ausland schrieb er 1987: Als beste Leistung meines nun zu Ende gehenden Lebens, das wie andere auch seine Höhen und Tiefen gekannt hat, betrachte ich, dass es mir gelungen ist, fünfzig Auslandsjahre allein zu überleben. Dazu beigetragen hat sicher die (Welt)Literatur, die seine Welt war und bis zuletzt blieb. In der Beschäftigung mit ihr fühlte er sich in seinem Element. Günter Eich nahm diese Passion wahr und setzte ihr in einem Gedicht ein filigranes Denkmal:
 
In Saloniki
weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim,
das sind schon zwei.

 
Noch zwei Monate vor seinem Tod hielt der inzwischen gebrechliche „deutsche Thessalonicher“, wie er sich selbst bezeichnete, einen Vortrag über Christian Morgenstern, mit dem er den Humor teilte – und rezitierte dabei wieder einmal dessen Gedichte, selbstverständlich auswendig.

Klaus Schulz, 1965-1969 Leiter des Athener Goethe-Instituts, schrieb zum 90. Geburtstag des ehemaligen Kollegen nicht nur im Rückblick: „Wer Posadowsky etwas näher kennt, spürt, was diesen Geist bis heute so lebendig sein lässt. Es ist die Literatur, nicht nur die deutsche, weiß Gott nicht, es ist die Weltliteratur. Es sind die Alten, Griechen und Römer, es sind die Literaturen Europas, Spanisch, Französisch, Englisch, Russisch; der Graf liest sie alle im Original … Er repräsentiert eine Epoche, die so nicht wiederkehren wird“.