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Alles vergeht, außer der Vergangenheit
Für einen Dialog mit der kolonialen Vergangenheit, beginnen wir bei den Museen

Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum Roms
Objekt aus dem ehemaligen Kolonialmuseum Roms | © Goethe-Institut Italien | Foto: Maik Reichert

Die Geschichte von Kunstwerken sollte in Gänze erzählt werden, mitsamt den glanzvollen Aspekten, aber auch den Verbrechen, so eine Forderung, die während des Online-Festivals „Alles vergeht, außer der Vergangenheit” aufgekommen ist. Organisiert wurde das Festival vom Goethe-Institut und der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo.

Von Kibra Sebhat

„Die Museen gehen zugrunde.” So urteilt die Künstlerin Grace Ndiritu jedes Mal, wenn sie zur Lage der Museen befragt wird und beschreiben soll, inwiefern diese fähig sind, die Geschichte von der Herkunft der dort aufbewahrten Werke in ihrer Gesamtheit zu erzählen, inwiefern sie bereit sind, neue Methoden zur Weitergabe von Wissen einzuführen, angefangen damit, dass Gefühle und Eindrücke geteilt werden. Diese Einschätzung hat Ndiritu dazu veranlasst, eine den Schamanismus aufgreifende Arbeitsmethode zu entwickeln. Daraus sind Workshops entstanden, die sich nicht nur ans Publikum und die Kurator*innen der Ausstellungen richten, sondern an alle Mitarbeiter*innen der Museen, von den Eintrittskartenverkäufer*innen über das Personal der Museumsbuchhandlung bis hin zu den Kellner*innen im Café und den Reinigungskräften.
 
Im Rahmen des Festivals Alles vergeht, außer der Vergangenheit / Everything passes except the past wurden verschiedenen Ansätze diskutiert, mit denen Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen die Beziehung zwischen den Bürgern und ihrer Geschichte lebendig erhalten möchten. Das Festival wurde vom Goethe-Institut konzipiert und in Italien gemeinsam mit der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo umgesetzt.
 
Alle Überlegungen nahmen Bezug auf die Institution Museum. Die Zukunft des prestigeträchtigen Symbols der europäisch-nordamerikanischen Tradition ist heute ungewiss. Die Sorge um sein Schicksal hat eine internationale Debatte in Gang gesetzt: Wer wurde jahrhundertelang von den Entscheidungen bezüglich der Konzepte und des kulturellen Angebots ausgeschlossen? Wie kann ein Dialog etabliert werden, der das Publikum stärker mit einbezieht, ein Dialog, der den Umgang mit dem Kulturerbe, das während des Kolonialismus geschaffen wurde, zum Ausgangspunkt nehmen könnte?

Restitution oder Umzug auf Zeit?

Am 17. Oktober 2020 bot sich die besondere Gelegenheit, die Situation in drei italienischen Städten näher zu betrachten: Turin, Rom und Mailand spielten die Hauptrolle in verschiedenen Diskussionssträngen, die in ihrer Gesamtheit fast die Hoffnung aufkommen ließen, die italienische Kulturlandschaft könnte als Einheit bezeichnet werden. Die Einführung übernahm Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin und Professorin für die Kulturgeschichte des europäischen Kunsterbes des 18. bis 20. Jahrhunderts am Pariser Collège de France. Die Wissenschaftlerin ist dafür bekannt, entschieden für die Restitution afrikanischer Kunstwerke an ihre Herkunftsländer zu plädieren. Ihr zur Seite gestellt war Christian Greco, Direktor des Ägyptischen Museums in Turin, der eine gegensätzliche Position vertritt. Im intensiven Austausch der beiden Repräsentanten Europas kam eine Forderung Didier Houénoudés, seines Zeichens Professor für Kunstgeschichte an der Universität Abomey-Calavi in Benin, zur Sprache: die bedingungslose Rückkehr der Werke in ihre Herkunftsländer. Eine Forderung, die afrikanische Intellektuelle seit über 40 Jahren wiederholen.

An diesem Punkt brachte der Direktor des Ägyptischen Museums, das bald sein zweihundertjähriges Bestehen feiert, einen Gegenvorschlag ins Spiel: Wenn die im Museum aufbewahrten ägyptischen Kunstschätze, die inzwischen Teil der italienischen Identität seien, für eine bestimmte Zeit, etwa für fünf Jahre, nach Ägypten zurückkehrten, könnte dies dann der erste Schritt hin zu einer übernationalen Zusammenarbeit sein, die in der Lage ist, Staatsgrenzen und -eigentum zu überwinden?

Die Stimme von Menschen afrikanischer Herkunft

Die Situation in Mailand und Rom wiederum wurde von zwei Frauen beschrieben, Simona Berhe, Wissenschaftlerin an der Staatlichen Universität Mailand, und Rosa Anna di Lella, Kulturanthropologin. Berhe ist Mitglied des wissenschaftlichen Komitees, das gerade an der Neukonzeption der Dauerausstellung des Museums der Kulturen (Mudec) in Mailand arbeitet, di Lella ist Kuratorin des Italienisch-Afrikanischen Museums, einer neuen Abteilung des Museum der Kulturen in Rom, die sich dem Erbe des italienischen Kolonialismus widmet.

In zwei verschiedenen Panels erläuterten die Expertinnen, wie sich ihre Teams um Erneuerung bemühen: Einerseits werden Diasporagemeinschaften involviert, die vom Horn von Afrika und aus Nordafrika stammen, andererseits werden Objekte zugänglich gemacht, die ihren Herkunftsorten gewaltsam entrissen wurden. In Mailand hat das Mudec in einem partizipativen Format die Perspektive von Menschen afrikanischer Herkunft in den Mittelpunkt gestellt, um schon vorab zu sehen, wie die neue Ausstellung auf die Besucher wirken könnte. In Rom lautete das Motto „Teilen”. Mit der Inventarisierung und der Digitalisierung der Daten wurden zunächst die Grundlagen für eine Rückführung von Informationen geschaffen, die benötigt werden, um die Bindeglieder zwischen Italien und Eritrea, Äthiopien, Somalia und Libyen zu rekonstruieren. Die Ergebnisse können erst im Jahr 2021 beurteilt werden, doch dieser „Neuanfang” war die Voraussetzung dafür, dass die Museen als Orte gelten können, die bereit sind, zuzuhören. Und zwar allen.
 
Während also einige Statuen mit Farbe beschmiert oder umgestürzt und andere in Museumsdepots in Sicherheit gebracht werden (wieder die Museen), damit die öffentliche Meinung nicht etwa ihre Legitimität zur Diskussion stellen kann, wie die peruanische Künstlerin Daniela Ortiz im letzten Panel mit Leidenschaft darlegte, versucht man in Italien noch, eine gemeinsame Geschichte zu erschaffen. Denn alles vergeht irgendwann, nur nicht die Vergangenheit.

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