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Ausgesprochen ... integriert
​Flüsternde Plakatwände

Werbung auf einem Bahnsteig in Deutschland
Werbung auf einem Bahnsteig in Deutschland, aufgenommen am 8. August 2020 | Foto (Detail): Johannes Gloeckner © picture alliance

Mit der Pandemie hat sich eine Welle des Schweigens und der Isolation über die Welt gelegt. Doch unsere immerwährende Neugier und unser Durst nach Informationen und Wissen können auf einfache und vertraute Weise gestillt werden, findet Dominic Otiang’a.

Von Dominic Otiang’a

Was wäre, wenn Plakatwände sprechen könnten? Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal durch Dänemark reiste, fiel mir auf, dass die Reklametafeln an den Landstraßen dort ganz anders waren. Zum ersten Mal sah ich Supermodels in hochhackigen Schuhen, die nicht für Parfums oder Luxus-Handtaschen, sondern für Futtermittel und landwirtschaftliche Geräte warben. Auf unserer Fahrt durch die Kleinstädte und entlang riesiger Ackerflächen wurde mir klar, dass die Plakatwände Geschichten von diesen Orten erzählten.

Zurück in Deutschland, wo inzwischen eine Pandemie unseren Alltag bestimmt, wird da eine ganz andere Geschichte erzählt. Während die deutsche Phrase „Ich verstehe nur Bahnhof“ benutzt wird, wenn man zum Ausdruck bringen will, dass man von einer Sache so gut wie keine Ahnung hat, musste ich feststellen, dass deutsche Bahnhöfe durch ihre Größe und ihre Reklametafeln sehr wohl einen Eindruck von einem Ort vermitteln können. Anhand der Größe eines Bahnhofs lässt sich ungefähr schätzen, wie viele Menschen in seiner Umgebung leben und die Plakatwände an den Bahnhöfen informieren über die Aktivitäten in dieser Region.

Unsicherheit und Ängste

Die Pandemie hat die Menschen in eine physische Isolation getrieben, auf die kurz darauf auch eine emotionale folgte, die von Unsicherheit und Ängsten begleitet wird. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes führte in einigen Berufsgruppen zu einem unangenehmen Überlebenskampf. Die Menschen geraten an ihre psychischen Grenzen. Der übermäßige Druck der Arbeit im Homeoffice und die damit verbundenen Herausforderungen zwingen Menschen, Überstunden zu machen.

Und nebenbei generieren unsere Internetrecherchen die passende Werbung für Dinge, die unseren Interessen entsprechen, doch nichts über unsere Gefühle oder unsere Beziehungen untereinander aussagen. Die Reklametafeln an Bahnhöfen oder Bushaltestellen jedoch erzählen eine ganz andere Geschichte: Vermutlich ist auf der nächsten Plakatwand Werbung für eine Zigarettenmarke oder eine Dating-Website zu sehen. Oder die Öffentlichkeit soll für das Problem der Depression oder die notwendige Anteilnahme mit anderen sensibilisiert werden. Die Plakatwände erzählen eine Geschichte über die aktuelle Situation.

„Zunächst hielt ich diese Meldung für Fake News“

Die Deutsche Welle berichtete am 3. Februar, dass laut einer Umfrage des PEW-Forschungszentrums die Mehrzahl der Deutschen (52 Prozent) nicht der Meinung sei, die Pandemie habe ihr Leben drastisch verändert. Zunächst hielt ich diese Meldung für Fake News, doch dann fiel es mir auf, als ich mein eigenes Leben betrachtete. Bei Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln beispielsweise gab es bereits vor der COVID-19-Pandemie die „stillschweigende Übereinkunft“, dass neben einem besetzten Platz in der Straßenbahn oder im Bus alle weiteren drei Sitze um diesen Platz herum frei bleiben und die anderen Passagiere lieber im Stehen voneinander Abstand halten.

Es ist für mich außerdem nichts Neues, stundenlang vor meinem Laptop zu sitzen und an einem Projekt zu arbeiten. Für andere Menschen sind Auslandsreisen schwierig geworden, fast so schwierig wie das Reisen mit dem Pass aus einem afrikanischen Land vor der Pandemie.

Dafür braucht es Risikobereitschaft und Mut

Darüber hinaus fällt es vielen offenbar genauso schwer, eine Beziehung einzugehen wie ein Unternehmen zu gründen. Dafür braucht es Risikobereitschaft und den Mut, sich anderen Menschen verbal oder stumm zu nähern, während man weiß, dass immer die Möglichkeit besteht, zurückgewiesen zu werden und man stark genug sein muss, um eine solche Zurückweisung auch auszuhalten.

Außerdem braucht man ein Kurzzeitgedächtnis, das gerade kurz genug ist, um eine wortreiche Zurückweisung innerhalb von Sekunden wieder zu vergessen, als ob nichts passiert wäre. Oder die Gerissenheit, die einige Politiker*innen an den Tag legen, wenn sie behaupten, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt habe. Und das nur, um das Gesicht oder eine gute Freundschaft zu wahren, je nachdem, was gerade vorteilhafter ist.

Ist es möglicherweise so, dass viele von uns in den mitunter langen Wintermonaten auch kalte Füße bekommen haben, weil es immer weniger Menschen mit diesen Charakterzügen gibt? Heute ziehen wir uns in eine Ecke zurück und wischen auf dem Handy einen möglichen Partner zur Seite, in der Hoffnung auf ein glückliches Ende. Oder ist es die Arbeitskultur, die unser Leben und unseren Umgang miteinander verändert hat? Sollten wir der Pandemie die Schuld geben? Was auch immer der Grund ist, die Plakatwände in allen Bahnhöfen sprechen weiter.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Dominic Otiang’a, Aya Jaff, Maximilian Buddenbohm und Margarita Tsomou. Dominic Otiang’a schreibt über sein Leben in Deutschland: Was fällt ihm auf, was ist fremd, wo ergaben sich interessante Einsichten?

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