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Ausgesprochen … gesellig
Rhythmischer Lärm

Mädchen mit Kopfhörern vor einer roten Wand
Ohne ihre Kopfhörer sind sie die Kinder schlagartig enorm schlecht gelaunt | Foto (Detail): Eloisa Ramos; © picture alliance/Westend61

Punk gegen Schlager, Techno gegen Volksmusik, Hip-Hop gegen Jazz – immer läuft es auf dasselbe heraus: Jung gegen Alt. Musik war stets ein Dauerärgernis zwischen Kindern und ihren Eltern. Doch wie ist es heute?

Von Maximilian Buddenbohm

Lange Zeit war es eine besonders wichtige Aufgabe der Jugend, den Erwachsenen durch Musik gewaltig auf den Geist zu gehen. Der Musikgeschmack der Jugend war anders als der der Eltern, daher war er nicht richtig, das war eine einfache Gleichung. Die Eltern hörten Schlager, Volksmusik oder Frank Sinatra, die Kinder hörten Beatmusik, Hip-Hop oder Techno, das waren vorgezeichnete Dramen. Die Dialoge dazu waren austauschbar, sie wiederholten sich mit etwas anderem Vokabular über Jahre hinweg und bis zu den Kindern der Kinder.

Wir haben Partys mit Punk und Metal hinter uns

Als die Herzdame und ich unser erstes Kind bekamen, haben wir uns aber gefragt, wie die nächste Generation diese Übung noch einmal wiederholen kann. Denn wir werden doch besonders tolerante Eltern sein, so dachten wir, wir werden die Eltern sein, die schon alles gehört haben, und zwar sehr laut gehört haben, was irgendwie wild oder nervtötend sein kann. Wir haben immerhin Partys mit Punk und Metal hinter uns, wir können etwas ab. In Bezug auf rhythmischen Lärm wähnten wir uns sozusagen am Ende der Geschichte. Wir haben ergebnislos gerätselt, was die nächste Jugend im Kinderzimmer wohl einmal hören wird und wie wir das dann finden werden. Vielleicht, so überlegte ich, hören die Kinder einfach besonders spießige Musik und kommen uns damit peinlich uncool vor? 

Mittlerweile kenne ich die Antwort. Sie besteht zu meiner Überraschung in keiner Ausprägung, die man mit einer Musikrichtung beschreiben könnte. Denn ich höre nicht, was die Kinder hören – die Antwort ist Stille. Da unsere Söhne Musik ausschließlich streamen, wird sie über eine App und über das Handy gehört, das immer und überall verfügbar ist. Über das Handy, an dem ziemlich zuverlässig Kopfhörer hängen. Die Kinder hören ihre Musik auch zuhause so, sie kommen nur noch selten darauf, dass es überhaupt anders geht. Im Kinderzimmer steht keine Stereoanlage, so etwas wird dort nicht benötigt. Ich habe in meiner Jugend zwar auch schon einen Walkman besessen, versteht sich, aber ich habe in der Wohnung noch die Anlage aufgedreht. Das machte man damals so, die Musik musste die Wohnung ausfüllen, und es musste dabei ordentlich scheppern. Durch Lärm waren wir so was von da. Aber heute – sie streamen für andere völlig unhörbar vor sich hin.

Der familiäre Programmpunkt „Musik als Ärgernis“

Und ich erkenne zwar an wippenden Körperteilen, dass der Nachwuchs gerade Musik hört, aber ich habe überhaupt keine Ahnung, was für Titel da laufen. Ich müsste die Söhne ab und zu bitten, die Musik einmal laut abzuspielen, damit ich mich so über sie aufregen könnte, wie es sich eigentlich gehört, aber das würde mir doch etwas seltsam vorkommen. Der familiäre Programmpunkt „Musik als Ärgernis“ fällt bei uns einfach aus. 

Ärgern kann ich mich nur über nicht ansprechbare Kinder, die keine Frage von mir jemals mitbekommen. Die mich nur beachten und verstehen, wenn ich ihnen vorher die Kopfhörer von den Ohren pflücke. Dabei erschrecken sie sich jedes Mal fürchterlich, weil sie gerade so selig in ihrer ewig strömenden Musik versunken waren. Ohne ihre Kopfhörer sind sie dann schlagartig enorm schlecht gelaunt, weswegen mich meine Söhne stets empört ansehen, wenn ich mit ihnen reden möchte. Aber dieser beleidigte Blick, mit dem sie mich dabei ansehen – der ähnelt vermutlich dem, mit dem ich damals auch meine Mutter angesehen habe, als sie entnervt den Plattenspieler abgeschaltet hat, auf dem zum zehnten Mal nacheinander konzertlaut die neue LP von The Pogues lief.

Geschichte wiederholt sich eben doch, man erkennt es nur nicht immer sofort.

 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen. 

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