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Survival-Kit Studium
„Ich habe eine komplizierte Beziehung zu klassischer Musik“

Olivija studiert Oboe in Nürnberg
Olivija gefällt die Vielseitigkeit eines Musikstudiums. | Foto (Detail): © Philipp Schueller

Olivija, 26, kommt aus Litauen und studiert im 8. Semester klassische Oboe an der Hochschule für Musik Nürnberg. In unserem Survival-Kit-Studium erzählt sie, wie sie häufig die Zähne zusammenbeißen musste – und was für ein einmaliges Gefühl es ist, Konzerte zu geben.

Das größte Klischee von Deinem Studium und was davon gestimmt hat:

Einige Bekannte fragen mich, ob viele Asiaten und Asiatinnen and der Hochschule studieren. Das finde ich zwar etwas komisch, aber es stimmt, dass ungefähr die Hälfte der Studierenden an deutschen Musikhochschulen aus dem Ausland kommen – nicht nur aus Asien. Das finde ich cool. Ich bin ja auch eine davon.

Wie sieht Dein normaler Tag aus?

Ich wünschte mir, ich hätte einen normalen Tagesablauf. Meistens gehe ich in die Hochschule und habe Vorlesungen oder übe. Im Musikstudium hat man in einigen Fächern, vor allem im Hauptfach, Einzelunterricht. Da es von professionellen Orchestermusikern und -musikerinnen unterrichtet wird, muss die Unterrichtszeit an den Orchesterdienstplan angepasst werden. Deswegen fällt der Unterricht manchmal auf ein Wochenende oder einen Feiertag. Mir ist das egal, ich freue mich jedes Mal.

Als Oboistin muss ich meine Mundstücke selber bauen. Das braucht Zeit: hobeln, schneiden, aufbinden, schaben, abschneiden, ausprobieren und so weiter. Das Bauen nimmt fast mehr Zeit in Anspruch als das Üben. Das ist ein wichtiger Teil meines Alltags – ansonsten hauptsächlich: Essen, Aufräumen und Arbeiten gehen.

Auf was hättest Du verzichten können?

Ich hätte auf viele Nebenjobs verzichten können. Die haben mich oft vom Studium abgehalten. Ich hatte teilweise drei Nebenjobs. Mein Studium muss ich mir selbst finanzieren. Anfangs habe ich noch Hilfe von meinen Eltern aus Litauen bekommen, doch das ist für sie eigentlich unmöglich.

Welchen Tag an der Uni wirst Du niemals vergessen?

Der schlimmste Tag in der Uni war meine Zwischenprüfung. Nach zwei Jahren Studium ist das die erste Hauptfachprüfung. Es war Ende Juli und sehr heiß. Bei uns im Saal kann man nicht richtig lüften, und Oboe spielen ist sehr anstrengend. Ich habe mich körperlich nicht gut gefühlt und hatte unglaubliches Lampenfieber. Insgesamt ging es mir gar nicht gut.

Sehr positiv habe ich den Klassenabend in Erinnerung, den meine Professorin einmal im Semester veranstaltet. In Litauen hatte ich keine wirklichen Erfolge auf der Bühne. Ich habe an dem Abend ein Stück gespielt und konnte mich sehr gut einleben. Ein Frau, die sehr weit vorne saß, war total begeistert, und ich hatte das einmalige Gefühl: Wow, jemand genießt mein Spiel.

Wenn Du Dein Studium noch einmal anfangen könntest: Was würdest Du anders machen?

Vielleicht würde ich versuchen, sofort einen Studienplatz in Deutschland zu bekommen. Ich studiere jetzt seit vier Jahren hier. Davor habe ich drei Jahre in Litauen studiert. Das erste Jahr hier hat sich mit dem letzten Jahr in Litauen überlappt. Das war sehr anstrengend. Aber eigentlich möchte ich nichts ändern, denn in meinem Studium in Litauen habe ich zwei meiner besten Freunde kennengelernt.

Was hat Dich regelmäßig zur Verzweiflung gebracht?

Meine Familie ist alles andere als musikalisch, und ich hatte keine wirklichen Vorbilder. Das ist sehr schwer. Meine Eltern konnten mich nie richtig unterstützen – beziehungsweise sie wussten nicht, wie das geht und worauf sie achten müssen. Oft dachte ich mir: Ich habe ohnehin keine Chance, weil um mich herum vor allem Musiker und Musikerinnen waren, die viel zu Hause in der Familie musizieren konnten.

Was war oft Deine Rettung?

Solche Momente wie auf dem Konzert, bei dem die Leute begeistert sind. Letztendlich sind es einfach schöne Konzerte oder Projekte, nach denen ich mir jedes Mal denke: Deswegen mache ich das, und deswegen mache ich auch weiter.

Was hast Du am letzten Tag des Monats gegessen, wann war Sparen angesagt?

Als ich neu nach Deutschland kam, musste ich echt sparen. Den Studienplatz habe ich durch eine Reihe an Zufällen bekommen – wahrscheinlich mehr Wunder als Zufälle –, und dann standen sofort die Zahlungen von Miete, Kaution und so weiter an. Ich habe versucht, in der Woche maximal zehn bis 20 Euro auszugeben.

Meine Mutter macht sehr viel Gemüse ein, das sie mir geschickt hat. Dann gab’s tagein tagaus Nudeln oder Buchweizen mit Gemüse. Das war schon hart. An meinem ersten Geburtstag hier habe ich eine Aktion auf Facebook gestartet und meinen Freunden und Freundinnen geschrieben: Leute, ich habe heute Geburtstag, und ich hätte wirklich gern eine Mandelmilch zu meinem Kaffee oder mal eine Konzertkarte. Da ist dann tatsächlich etwas Geld zusammengekommen; teilweise von Personen, die mich gar nicht richtig kannten. Das war toll. Jetzt habe ich ein Stipendium, spiele regelmäßig bezahlte Konzerte und gebe Unterricht. Mir geht’s richtig gut.

Welche Frage hörst Du auf Familienfeiern jedes Mal?

Zum Glück habe ich keine Familienfeiern – und wenn, sind alle ganz locker und sagen: Du machst einfach dein Ding.

Wenn Du nicht gerade an der Uni bist: Wo kann man Dich finden?

Im Bett oder in der Jazzbar, in der ich arbeite. Früher habe ich noch viel mehr unternommen und war auf mehr Konzerten. Als ich aber jetzt meine Bachelorarbeit geschrieben habe, habe ich fast nichts gemacht. Ansonsten arbeite ich oder mein Freund besucht mich und wir unternehmen etwas zusammen. Gestern war ich endlich wieder schwimmen, das war richtig schön.

Da musste ich meine Zähne zusammenbeißen.

Was war der teuerste Preis für eine gute Note?

Der teuerste Preis war mein gesamtes Doppelstudium. Ich hatte in Litauen ein staatlich finanziertes Stipendium. Wenn man nach mehr als zwei Jahren sein Studium wechseln möchte, muss man die komplette Finanzierung zurückzahlen – und wer hat schon mal eben zwanzigtausend Euro in der Tasche? Also musste ich ein Jahr hin- und herpendeln, um mein Bachelor-Studium in Litauen abzuschließen. Emotional war das auch sehr schwierig, weil die ganze Spielweise und Art, an die Musik heranzugehen, an den beiden Hochschulen sehr unterschiedlich ist. Das Schwierigste kam ganz am Ende meines Studiums in Litauen, weil mein Professor mir sagte: Das läuft überhaupt nicht bei dir, bald wirst du mit der Oboe aufhören. Da musste ich meine Zähne zusammenbeißen. In Nürnberg war es dann viel besser.

Uni heißt auch: Lernen fürs Leben. Was hat Dir dein Studienfach für Deinen weiteren Weg mitgegeben?

Meine Erfahrungen in Deutschland haben mir gezeigt, dass man trotz Musikstudium vielseitig sein kann. Früher dachte ich, wenn man klassische Musik studiert, spielt man nur Klassik in einem Orchester. Doch man kann auch Jazz spielen oder etwas anderes als Musik unterrichten. Obwohl ich keine Muttersprachlerin bin, habe ich sogar schon Deutsch unterrichtet. Ich habe Leute getroffen, die neben klassischer Musik eine Yoga-Ausbildung machen. Mittlerweile fühle ich mich nicht mehr so eingeengt und ängstlich. Das macht mir Mut.

Momentan ist Beethovenjahr. Was bedeutet Beethoven für Dich?

Ich habe eine komplizierte Beziehung zu klassischer Musik. In meiner Freizeit höre ich mir zwar keine Aufnahmen von Schönberg an, aber an sich mag ich lieber Musik aus dem 20. Jahrhundert oder später. Trotzdem will ich dieses Jahr nutzen, um Beethoven für mich zu finden und zu entdecken. Letztes Jahr habe ich in einem Bläsersextett Beethoven gespielt. Das war so schön – ich habe mich gewundert, dass das von Beethoven war. Denn in meinem Kopf hatte ich ein Klischee von schönen, aber auch sehr anstrengenden Sinfonien – mit vielen tollen Soli für die Oboe, bei denen man unglaublich ins Schwitzen kommt.

Es gibt viele großartige Projekte zu Beethoven, wie zum Beispiel „Beethoven im Wohnzimmer“. Da stellen Menschen ihr Wohnzimmer zur Verfügung, statten es mit ein paar Stühlen aus und suchen Musiker und Musikerinnen, die dort als Ensemble auftreten. Die Idee gefällt mir sehr gut, und ich war etwas traurig, dass ich nicht teilgenommen habe. Aber das Jahr ist noch lang und ich bin mir sicher, dass sich noch etwas ergeben wird.
 

„Survival-Kit Studium“


Wo in Deutschland kann man gut studieren? Wie lässt es sich als Student gut leben? Und wie übersteht man die erste Fachschaftsparty und die Fragen auf Familienfeiern?

Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen erzählen von ihren Erlebnissen an den Unis in Deutschland, ihrem Alltag – und was sie manchmal zur Verzweiflung bringt.

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