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Ausgesprochen ... posthuman
Künstliche Gebärmütter – eine positive Perspektive

Ein Frühchen und seine Mutter auf der Intensivstation für Neugeborene im Klinikum Harlaching.
Ein Frühchen und seine Mutter auf der Intensivstation für Neugeborene im Klinikum Harlaching. | Foto (Detail): Florian Peljak © picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo

Künstliche Gebärmütter werden zur Realität, aber wir sollten davor keine Angst haben. Das Bild der künstlichen Gebärmutter ist von dystopischen Science-Fiction-Szenarien geprägt. Denken wir an die Brutstätten in Brave New World oder der menschlichen Batteriefarm in Matrix. Wir assoziieren die Technologie mit Totalitarismus und allem, was unmenschlich und unnatürlich ist. Aber in unserer Zeit könnten künstliche Gebärmütter das Leben von Babys retten.

Von Liwen Qin

Das Konzept der künstlichen Gebärmutter wurde erstmals 1923 von dem englischen Biologen J.B.S. Haldane an der Universität von Cambridge diskutiert. Es sollte ein Jahrhundert dauern, bis Wissenschaftler etwas annähernd Ähnliches produzieren würden. Im Jahr 2017 demonstrierten Forscher*innen des Children’s Hospital in Philadelphia eine „Biobag“, die Lämmer am Leben erhalten konnte, deren Geburtszeitpunkt mit der 23. Woche einer menschlichen Schwangerschaft vergleichbar war. Die Lämmer wuchsen in den Beuteln heran, zunächst haarlos, bei der „Geburt“ jedoch flauschig. Auch wenn die Biobags weit von dem entfernt sind, was sich J.B.S. Haldane vorstellte, sind sie doch sehr nahe an der Lösung, nach der Wissenschaftler*innen seit langem gesucht hatten: Eine Möglichkeit „Frühchen“ zu retten.

Frühchen schweben in großer Gefahr

Frühgeburten, also Geburten vor der 37. Woche, sind weltweit die häufigste Todesursache bei Neugeborenen. Die Hälfte aller 15 Millionen Babys, die jährlich zu früh zur Welt kommen, überlebt nicht. Die andere Hälfte lebt mit dem Risiko, körperliche oder geistige Behinderungen zu entwickeln. Ein Grund dafür ist, dass sich die Lungen in der Schwangerschaft erst spät entwickeln. Die medizinische Behandlung bei Frühgeburten schließt häufig die Beatmung des Neugeborenen Kindes mit ein. Ein schwieriges Unterfangen.   
 
Im Jahr 2019 förderte die EU ein niederländisches Forschungsprojekt mit 2,9 Millionen Euro, um einen funktionsfähigen Prototyp einer künstlichen Gebärmutter für den Einsatz an Kliniken zu entwickeln. Im Maxima-Medizinzentrum arbeitet eines der Forschungsteams an einem Modell, in dem das Baby, wie im Mutterleib, von Flüssigkeit umgeben ist. Eine künstliche Plazenta wird über einen Katheter an die Nabelschnur angeschlossen und liefert Sauerstoff und Nährstoffe. Die Lungen des Babys können sich in dieser Umgebung natürlich entwickeln – mit dem Herzschlag der Mutter, und ähnlichen Geruchs- und Sinneswahrnehmungen. Hört sich das nicht wunderbar an?

Es bleiben schwerwiegende ethische Fragen

Aber es tun sich auch neue ethische Fragen auf. Allen voran: An welchen Babys sollen die Geräte getestet werden? Ist es möglich, die künstliche Gebärmutter abzuschalten, und unter welchen Umständen? Aber die strittigsten Fragen sind nach wie vor: Was, wenn künstliche Gebärmütter eines Tages an die Stelle von menschlichen Gebärmüttern treten? Was wären die Folgen für Menschen Gesellschaft?
 
Was diese letzte Frage angeht, vertrat Bertrand Russells Ehefrau Dora eine emanzipatorische Auffassung der Ektogenese. In einem Essay mit feministischer Perspektive über die Zukunft der Wissenschaft argumentierte sie, dass die Möglichkeit einer künstliche Schwangerschaft Frauen von Inkubation und Geburt befreien würde. So würde nicht weiter von ihnen verlangt, mütterliche Rollen einzunehmen, die sie unterwürfig machten, ans Haus bünden und von der Öffentlichkeit fernhielten. Ihr Ehemann, Bertrand, teilte diese Vision. Durch die Befreiung der Frau von der Notwendigkeit einer Schwangerschaft, argumentierte er, würden Sexualität und Fortpflanzung entkoppelt, was die Ungleichverteilung der Macht in der Gesellschaft drastisch verändern würde.

... und das Recht auf Selbstbestimmung?

Beide rechneten wohl nicht damit, dass wir heute ähnliche, und doch grundverschiedene Fragen debattieren: Künstliche Gebärmütter präsentieren in vielen Ländern neue ethische Fragen für das Recht von Frauen auf Abtreibung. Wenn Frauen Babys nicht abtreiben dürfen, die außerhalb des Mutterleibs überleben können, würden künstliche Gebärmütter alles verändern. Hat das Opfer einer Vergewaltigung das Recht, einen Fötus abzutreiben, selbst wenn dieser außerhalb ihres Körpers überleben könnte? Wenn alle Föten in künstlichen Gebärmüttern überleben könnten, würden Frauen ihr Recht auf Abtreibung in allen Situationen verlieren? Dies sind schwierige Fragen, die uns sicher noch einige Zeit beschäftigen werden.  


 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Liwen Qin, Maximilian Buddenbohm, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Liwen Qin beobachtet in „Ausgesprochen … posthuman“ den technischen Fortschritt und wie er unser Leben und unsere Gesellschaft beeinflusst: im Auto, im Büro und an der Supermarktkasse.

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