Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Ausgesprochen … Berlin
Ein ganz normaler Typ

Ein ganz normaler Typ?
Foto (Detail): picture alliance/ullstein bild

Berlin ist das deutsche Kaleidoskop der schillernden Persönlichkeiten. Autor*in zu sein, ist hier längst nichts Bemerkenswertes. Das stellt auch Gerasimos Bekas fest, der trotz Autorenstatus in der Hauptstadt meist im Weg steht. Deshalb flüchtet er sich lieber schnell unter Gleichgesinnte zum Literaturfestival.

Von Gerasimos Bekas

Die härtesten Berlin-Momente habe ich, wenn ich von Lesungen in anderen Städten zurückkehre. Es ist meist ein ordentlicher Aufprall nach so einem Abend, an dem ich im Mittelpunkt stand, aus meinem Buch gelesen und es signiert habe, für Menschen, die extra gekommen sind, um mich zu sehen.

Nach einer Nacht, die ich im frisch gemachten Hotelbett verbracht habe und einem Morgen, an dem mir jemand Frühstück gemacht und die Zeitung gebracht hat, als wäre es das normalste der Welt, steige ich in Berlin aus. Da fangen die Probleme schon an. Ich schaffe es kaum, auszusteigen, denn die Leute haben es so eilig, dass sie mich wieder in die Bahn hineindrücken. Wenn ich es dann doch hinbekomme und mich auf dem Gleis zu orientieren versuche, bekomme ich zu hören: „Mann, jetzt steh doch nicht im Weg rum!” Das erdet.
 
Als Autor*in wird man überall in Deutschland gut behandelt, nur nicht in Berlin. Vielleicht, weil es hier so viele gibt. Überhaupt ist es schwer, durch Berlin zu laufen, ohne über Autor*innen zu stolpern. Oft sitzen sie auch auf Bordsteinkanten mit Bierflaschen in der Hand und reden über Vorschüsse oder lästern über Kolleg*innen.
 
So schnell wird sich das nicht ändern, denn sie wachsen nach. Zum Beispiel beim open mike, dem Festival für junge deutschsprachige Literatur, das jedes Jahr im November im prachtvollen Saal des Heimathafens in Berlin stattfindet. Ich gehe gern dorthin, wegen der vertrauten Gesichter und der neuen Texte, die man zu hören bekommt.
 
In diesem Jahr habe ich schnell das Gefühl, durch die Zeit gereist zu sein. Irgendwie bin ich auf einer 1980er-Party gelandet. Entweder die jungen Autor*innen teilen alle denselben Geschmack oder sie haben sich kostümiert, weil sie denken, dass Autor*innen so aussehen müssen – von der Frisur bis zu den Schuhen.
 
Aber um das Aussehen soll es hier nicht gehen. Beworben haben die Autor*innen sich mit Texten, die sie jeweils 15 Minuten lang vorlesen dürfen. Außer der Einteilung in die Sparten Lyrik und Prosa, gibt es keine Vorgaben. In den Texten geht es oft um menschliche Ausscheidungen und die Erzählsituation ist eher mysteriös gehalten. Eine Blog-Redaktion begleitet den Wettbewerb mit live Kritiken. Am Ende vergibt eine Autor*innen-Jury und eine Publikumsjury die Preise.
 
Wer hier gewinnt, dem öffnen sich viele Türen in den Literaturbetrieb. Auch bei mir hat es hier vor fünf Jahren angefangen. Entsprechend angespannt und aufgeregt sind viele Teilnehmenden. Ich kann mich zurücklehnen und entspannen. Hier ist es ganz okay, ein*e Autor*in zu sein. Spätestens, wenn ich den Saal verlasse und wieder an der Karl-Marx-Straße stehe, bin ich aber wieder ein ganz normaler Typ, der im Weg steht.  
 

„AUSGESPROCHEN …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Gerasimos Bekas, Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen und Dominic Otiang’a. Gerasimos Bekas wirft sich in „Ausgesprochen … Berlin“ für uns ins Getümmel, berichtet über das Leben in der Großstadt und sammelt Alltagsbeobachtungen: in der U-Bahn, im Supermarkt, im Club.

Top