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Schaufenster Berlin
​Meine letzte Verabredung zum Kaffeetrinken

Skizze der Künstlerin Ingrid Hora
Skizze der Künstlerin Ingrid Hora | © Ingrid Hora

Die Künstlerin Ingrid Hora ist in Italien geboren und wohnt seit 2008 in Berlin. Sie ist die letzte Person, mit der ich eine Tasse Kaffee getrunken habe, bevor die Stadt von der Corona-Pandemie heimgesucht wurde. In ihren künstlerischen Arbeiten hat Ingrid schon immer das Verhältnis von Mensch und Raum, sozialen Normen und Zusammenleben untersucht. Als sie von den anderthalb Metern Sicherheitsabstand hörte, verspürte sie den starken Impuls, diese Verhaltensregel zum Leitmotiv einer neuen kreativen Schaffensphase zu machen.

Von Giulia Mirandola

Was fehlt dir in dieser Phase?

Der Kaffee, den ich auf dem Weg von meiner Wohnung ins Atelier getrunken habe, war ein Alltagsritual. Jetzt gibt es diese Pause zwischen den beiden Orten nicht mehr. Besonders fehlt mir die Freiheit, nach Belieben das Haus zu verlassen.

Wie ist die Idee zu den Zeichnungen entstanden, die du „1 Meter Dekret” genannt hast?

Als ich davon gehört habe, dass man einen Meter Abstand zu anderen Menschen halten soll, habe ich Skizzen gemacht. Sie zeigen eine Reihe von Vorrichtungen, die wir überziehen können, um den Sicherheitsabstand im Sitzen und im Stehen zu wahren. Ich habe dann Fotos von ganz normalen Leuten gesehen, die sich Gegenstände ausgedacht hatten, mit deren Hilfe sie Distanz halten können. Das hat mich sehr beeindruckt, diese spontanen Reaktionen erinnern mich an Readymades. In meinen Augen sind sie poetisch, obwohl sie auf eine Anordnung in einer globalen Gesundheitskrise zurückgehen.

Listening chair Listening chair | © Ingrid Hora Hattest du dich schon vorher mit dem Thema Distanz auseinandergesetzt?

Zu Beginn meiner Karriere sind einige Projekte entstanden, die sich mit der Erfahrung des Abgeschiedenseins auseinandersetzen. Listening chair ist eine Installation aus dem Jahr 2005. Eine Person sitzt vor dem Fenster, hinter ihrem Kopf sieht man zwei riesige künstliche Ohren. In Wirklichkeit handelt es sich um Parabolantennen, die die Geräusche der Außenwelt ins Haus transportieren. Damals habe ich mich auf die Lage von Menschen konzentriert, die das Haus nicht verlassen wollen. Jetzt dagegen können wir nicht hinaus, und sehnen uns danach.

Wie ist dein Verhältnis zum Internet?

Bisher war ich allergisch auf die digitale Welt. Die aktuelle Situation bringt mich dazu, mein Verhältnis zur Technik konstruktiv zu überdenken. Es gibt gerade viele interessante Experimente von Kolleg*innen, die den Entstehungsprozess ihrer Arbeit online zeigen. Das finde ich mutig und inspirierend, die Verbindung zum Publikum entsteht hier schon vor Beendigung eines Werks. Ich hatte nie daran gedacht, eine „Rohfassung“ öffentlich zu zeigen. Aus dieser Perspektive erfüllt das Internet einen Zweck und ist gleichzeitig selbst Teil des kreativen Prozesses.

Was machst du bei dir zu Hause in diesen Tagen gern?

Ich stelle mich ans Fenster. Dort treffen für mich Sehnsucht und Traum aufeinander. Nachts wecken die erleuchteten Fenster in mir den Wunsch, die Menschen in diesen weit entfernten Häusern da draußen in Gedanken zu grüßen.

Mit welchen Veränderungen setzt du dich gerade auseinander, deine Arbeit, die Organisation und die Kreativität betreffend?

Geplante Ausstellungen wurden abgesagt. Meine Kolleg*innen und ich sind alle in der gleichen Situation. Am Anfang habe ich Arbeitsmittel mit nach Hause genommen, von denen ich dachte, dass ich sie brauchen würde. In Wirklichkeit habe ich sie zwei Wochen lang nicht angerührt. Es funktionierte nicht, ich spürte, dass ich das Atelier brauchte, und so habe ich nach einigen Tagen Stillstand beschlossen, dorthin zurückzukehren. Ich habe alle Spuren laufender Projekte entfernt und Platz geschaffen, damit von nun an etwas völlig Neues entstehen kann.

Bieten die Institutionen besondere Hilfeleistungen zur Unterstützung von Künstler*innen an?

Am 27. März wurde im Rahmen eines Notfallprogramms eine Ausschreibung des Bundes veröffentlicht, die Stipendien für freischaffende Künstler*innen umfasst. Insgesamt wurden 300 Millionen Euro bereitgestellt. Der Antrag konnte online gestellt werden. Ich bin sofort aktiv geworden, aber das System war schon überlastet, mit etwa 60.000 Einträgen auf der Warteliste. Das Ergebnis erfahren wir in den nächsten Tagen.

  • Skizze der Künstlerin Ingrid Hora © Ingrid Hora
    Skizze der Künstlerin Ingrid Hora
  • Skizze der Künstlerin Ingrid Hora © Ingrid Hora
    Skizze der Künstlerin Ingrid Hora

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