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Ein Gespräch mit Nicoletta Di Blasi
Der Premio Strega 2020 und die italienische Literatur in Hamburg

Nicoletta Di Blasi, Leiterin des Italienischen Kulturinstituts in Hamburg
Nicoletta Di Blasi, Leiterin des Italienischen Kulturinstituts in Hamburg | Foto (Detail): © Simone Foresta

Anlässlich des Premio Strega 2020 sprachen wir mit Nicoletta Di Blasi, Leiterin des IIC in Hamburg, über SalTO 2020 in gänzlich digitaler Version, eine neue Generation italienischer Autorinnen und Autoren, die literarischen Beziehungen zwischen Italien und Deutschland und die Aktivitäten des IIC in Hamburg, einer lebhaften und grünen Hafenstadt.

Von Sarah Wollberg

Was ist das Besondere am diesjährigen Premio Strega?
 
Nicoletta Di Blasi, Leiterin des Italienischen Kulturinstituts in Hamburg Nicoletta Di Blasi, Leiterin des Italienischen Kulturinstituts in Hamburg | Foto (Detail): © Eleonora Cucina Beim Premio Strega 2020 hat die virtuelle Dimension eine entscheidende Rolle gespielt: Die traditionelle Tour der Finalisten in mehrere italienische Städte hat erst nach der Verkündung der Shortlist begonnen, doch in der ersten Phase haben virtuelle Interviews und Begegnungen einen sehr wichtigen Raum eingenommen. Das Experiment der Internationalen Buchmesse Turin im Mai in digitaler Version wiederum hat die Türen zu einer neuen glücklichen Form der Programmplanung geöffnet, die im Juni/Juli mit der Erfahrung von SalTo Notte weitergehen wird. Diese neue Modalität hat es einem noch breiteren Publikum erlaubt, sich der Welt des Premio Strega zu nähern. Dieses Jahr herrscht in der Themenwahl eine gewisse Spannung bei der biografischen Recherche vor, die generationenübergreifend auftritt. Schließlich hielt die Shortlist die große Überraschung bereit, dass es sich dieses Jahr um sechs statt fünf Finalisten handelt, da Jonathan Bazzi aufgrund einer Schutzklausel hinzugenommen wurde, die das Aufnehmen eines Autors vorsieht, der von einem kleinen oder mittleren Verlag publiziert wird. Nun warten wir auf den 2. Juli für die Verkündung des Preisträgers im Nymphäum der Villa Giulia … und mehr darf ich nicht sagen, da ich zur Jury gehöre!
 
Wie verbreitet das IIC in Hamburg die italienische Literatur in Deutschland?
 
Das Institut widmet einen großen Teil seines Programms den Stimmen der zeitgenössischen italienischen Literatur, insbesondere frisch ins Deutsche übersetzte. 2019 waren Paolo Giordano, Paolo Di Paolo, Donatella Di Pietrantonio, Emanuele Altissimo, Matteo Cellini, Nicola H. Cosentino sowie mit André Aciman und Maike Albath Italien besonders verbundene Autoren bei uns zu Gast. Viel Raum ist zudem der italienischen Graphic Novel und Kinderbüchern vorbehalten. In der Stadt und im Zuständigkeitsbereich des Instituts finden wichtige Literaturfestivals statt, an denen das Institut regelmäßig teilnimmt: zum Beispiel das Harbour Front Literaturfestival, das seit 2008 im September aus dem Hamburger Hafen einen Ort der Begegnung für internationale Autoren macht. Weiter im Norden, in Kiel, findet jeden Mai das Festival des Debütromans statt, 2020 zum achtzehnten Mal und ausnahmsweise im Oktober: Ein Dutzend europäische Debütromanautoren treffen sich in Begleitung ihrer jeweiligen Lektoren in der Ostsee-Stadt, um ihre noch nicht übersetzten Erstlingswerke in einem Ambiente äußerst lebhaften Austauschs zu präsentieren, das darauf ausgerichtet ist, die Übersetzung des Romans zu bewerben. Nicht zu vergessen ist schließlich, dass das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und internationale Zusammenarbeit jedes Jahr durch eine spezielle finanzielle Förderung von Übersetzungen und Untertitelungen ein wichtiges Instrument für die Verbreitung italienischer Werke im Ausland liefert.

Gibt es aktuell eine neue Generation italienischer Autorinnen?
 
Eine Bibliothek mit 9.000 Büchern | Italienisches Kulturinstitut Hamburg Eine Bibliothek mit 9.000 Büchern | Italienisches Kulturinstitut Hamburg | © IIC Hamburg Ja, eine neue und gefestigte Generation von Schriftstellerinnen leistet einen wichtigen Beitrag zur zeitgenössischen italienischen Literatur. Ich denke an Nadia Terranova, Veronica Raimo, Rosella Postorino, Teresa Ciabatti, Emanuela Canepa, Igiaba Scego, Anna Giurickovic Dato, aber vergessen wir auch nicht die ebenso blühende neue Generation von Schriftstellern, darunter Paolo Di Paolo, Paolo Giordano, Paolo Cognetti, Davide Longo … wir können sagen, dass die gesamte zeitgenössische italienische Literatur in einer sehr lebhaften Phase ist.
 
Was lesen die Deutschen am liebsten?
 
Zum traditionellen Interesse an großer Literatur gesellt sich eine große Neugier auf die zeitgenössischen italienischen Autoren. Das deutsche Publikum unseres Instituts schätzt insbesondere Neuübersetzungen von Klassikern des zwanzigsten Jahrhunderts. Zugleich nimmt es mit regem Interesse die Neuerscheinungen auf, die erstmals in deutscher Übersetzung erscheinen, und verfolgt leidenschaftlich die wichtigsten italienischen Literaturpreise, vom Premio Strega bis zum Premio Campiello und Premio Calvino.
 
Gibt es Unterschiede zwischen der zeitgenössischen italienischen und deutschen Literatur?
 
In meiner Wahrnehmung haben die literarischen Wege der jungen Generation in Deutschland und Italien viele Gemeinsamkeiten: eine neue Liebe zum Erzählen und ein profundes Interesse an der Popkultur, eine gewisse Tendenz, mit dem Surrealen zu experimentieren, aber vor allem ein tiefgründiges Erforschen von Zugehörigkeitsgefühlen und Identität, die in ihren vielfältigen Aspekten dargestellt werden. Beim Thema zeitgenössische Literatur erinnere ich auch gern an ein mutiges Experiment zwischen den beiden literarischen Welten: 2018 entstand in Freiburg der unabhängige nonsoloverlag, der darauf abzielt, zeitgenössische italienische Autoren zu veröffentlichen, insbesondere junge, aufstrebende. Das erste Buch des Verlags, die Anthologie Spiegelungen/Vite allo specchio, die im Herbst 2018 erschien, markiert den ersten Schritt in diese Richtung: eine Sammlung von zehn bisher unveröffentlichten Erzählungen, auf Deutsch und Italienisch, von ebenso vielen italienischen Autorinnen und Autoren, die wichtige Literaturpreise gewonnen haben oder auf deren Shortlist standen und dem deutschen Publikum noch unbekannt sind.
 
Welches italienische Buch empfehlen Sie den deutschen Lesern, und welches deutsche unseren italienischen Lesern?
 

Das Gebäude im hanseatischen Stil | Italienisches Kulturinstitut Hamburg Das Gebäude im hanseatischen Stil | Italienisches Kulturinstitut Hamburg | © IIC Hamburg Die deutschen Leser würde ich auf ein schönes Debüt von 2018 hinweisen: Mirko Sabatino mit L’estate muore giovane (Der Sommer stirbt jung), das in vielen europäischen Ländern gerade übersetzt wird, und Francesca Melandri mit Sangue Giusto von 2017, das auf Deutsch 2018 unter dem Titel Alle, außer mir im Wagenbach Verlag erschienen ist. Den Italienern würde ich Christopher Kloebles Meistens alles sehr schnell (2012) empfehlen, das kürzlich ins Italienische übersetzt wurde (Quasi tutto velocissimo, Keller editore 2019).
 
Was gefällt Ihnen an Hamburg besonders gut und was gar nicht?
 
Hamburg gefällt mir sehr gut. Es ist eine wunderbar lebhafte und grüne Stadt mit einer sehr hohen Lebensqualität. Ich denke an die Hafencity-Experimente, das neue Hafenviertel, das von einer lebhaften architektonischen Euphorie durchdrungen ist: Die neuen Gebäude aus Glas und Zement gesellen sich zu den roten Klinkern der traditionellen Speicherstadt-Architektur und gestalten das Profil der Stadt so beständig neu. Und dann natürlich noch die jahrhundertealte Beziehung zum Wasser, welche die Stadt tief gezeichnet hat. Drei Jahre nach meiner Ankunft in der Stadt gibt es nichts, was mir überhaupt nicht gefällt!

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