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Zeitgenössische Literatur
Happy Birthday ILB!

ILB 2020
Das Festival fand im Silent Green Kulturquartier statt. | © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola

Von 9. bis 19. September fand in Berlin das ILB, das Internationale Literaturfestival Berlin, statt. Die durch die globale Gesundheitskrise bedingten Abstandsregeln und Sicherheitsvorkehrungen verliehen dem Festival eine außergewöhnliche Atmosphäre. Giulia Mirandola war für unsere Redaktion vor Ort dabei und berichtet, was sie dort gesehen und gehört hat.

Von Giulia Mirandola

Wie wollen wir leben?

Das Internationale Literaturfestival Berlin (ILB) wird 20. Gefeiert wird dieses Jubiläum vom 9. bis 19. September 2020 in der deutschen Hauptstadt – mit einem Programm zum Thema Wie wollen wir leben und einem ansprechenden Festivalkatalog, der im Verlag Vorwerk 8 erscheint. Die durch die globale Gesundheitskrise bedingten Abstandsregeln und Sicherheitsvorkehrungen verleihen dem Festival eine außergewöhnliche Atmosphäre. Und doch schenkt das ILB allen, die vor Ort dabei sind, die Möglichkeit, selbst live an Buchpremieren, Lesungen, Gesprächen mit den geladenen Autorinnen und Autoren, Workshops und Präsentationen teilzunehmen. Ergänzend dazu werden Begegnungen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die nicht anwesend sein können, via Streaming, Film und Video übertragen. Ein kleines Wunder, wie es Festivaldirektor Ulrich Schreiber in seinen einleitenden Worten zu dem 10-tägigen Festival nennt.

Zur selben Zeit, zu der die ILB stattfindet, werden in Deutschland außerdem die Titel der zwanzig Bücher bekanntgegeben, die für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert sind. Dieser bildet traditionell den Auftakt zur Frankfurter Buchmesse (14.–18. Oktober 2020), wo er verliehen wird. Von den Buchhandlungen der Stadt, allen voran Dussmann, der offiziellen Buchhandlung des Festivals, erhalten Leserinnen und Leser daher neben dem Programm und dem Plakat „zum Mitnehmen!“ auch das Taschenbuch Deutscher Buchpreis 2020: Die Nominierten mit Leseproben aus den zwanzig Romanen im Finale.

Eröffnung

„La literatura siempre se manifesta en todos los casos en contra de los regímenes opresores y siempre a favor de la libertad“ (Die Literatur tritt immer gegen die unterdrückenden Regime und für die Freiheit auf), betont der lateinamerikanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa (Literaturnobelpreis 2010) in seiner Eröffnungsrede im Kammermusiksaal der Philharmonie. Und er bekräftigt im Gespräch mit Frank-Walter Steinmeier zum Thema Covid-19 und Demokratie – einer Sonderveranstaltung des Festivals in Kooperation mit dem Instituto Cervantes Berlin: „La vida de los seres humanos cambia y en gran parte cambia gracias a la literatura” (Das Leben der Menschen verändert sich, und zwar zum großen Teil dank der Literatur).

Den krönenden Abschluss des ersten offiziellen Tages bildet das abendliche Gespräch mit der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk im Silent Green Kulturquartier in Wedding. Wir befinden uns in einem ehemaligen Krematorium, einem historischen Denkmal, in dem heute ein führendes Zentrum für Kulturentwicklung und –produktion untergebracht ist. Die Zahl der Plätze im Saal ist beschränkt, die Besucher sitzen in entsprechendem Abstand voneinander, gespannt warten wir auf Tokarczuks Gedanken zu The Art of Writing. Eineinhalb Stunden spricht die Autorin mit der Dolmetscherin, Übersetzerin und Lektorin Olga Mannheimer, die hier die Rolle der kulturellen Mittlerin und Simultandolmetscherin aus dem Polnischen ins Deutsche übernimmt. Beide sind brillant. Mannheimer macht Tempo, witzelt, ist schnell darin, Verbindungen herzustellen und neue Fragen zu finden. Tokarczuk überzeugt mit konzisen Antworten, verweist im Zusammenhang mit der „Kunst des Schreibens“ auf die Technik der Frottage und den Künstler Max Ernst und betont, dass Schreiben körperliche Energie ist. Und sie bekräftigt: Literatur ist die größte Fiktion und alles, was Teil unserer Realität wird, einschließlich der Fiktion, ist wahr.

Ein Programm mit Strahlkraft

Das Programm hat mit einem Schaukasten nichts gemein. Das Bild auf dem Plakat zeigt einen Kranz aus weißen und schwarzen Strahlen, den Rücken eines geöffneten Buchs, dessen Seiten an diagonal verlaufende Straßen erinnern, die in der Literatur ihren Ausgangspunkt haben und von dort wie von einer Sonne strahlenförmig in alle Richtungen führen. Das Programm richtet sich an Menschen mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichem Alter und Bildungsgrad und besticht mit einer breiten Vielfalt an Themen, Orten, Kulturprojekten und Veranstaltungen im städtischen Raum. Eine Sondersektion wurde – im Rahmen des Wissenschaftsjahres – den Visionen der Bioökonomie gewidmet. Ziel der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2000 initiierten Wissenschaftsjahre ist es, einen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft herzustellen, wobei jedes Jahr ein anderes Thema im Fokus steht. Gleich mehrere Sektionen des Programms richten sich an Universitäten, Schulen, Kinder sowie junge Leserinnen und Leser und dieses Engagement ist lobenswert. Europa – Meine Heimat? Meine Zukunft? ist ein Projekt für Jugendliche; FU-Kooperation: Literarisches Lernen ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Festival und der Freien Universität Berlin und umfasst drei Seminare zu aktueller Kinderliteratur; Internationale Kinder- und Jugendliteratur bringt in Kooperation mit Berliner Bibliotheken, Kulturstiftungen und –vereinen, Buchhandlungen und Leseförderprogrammen Autoren, Illustratoren und Comiczeichner aus aller Welt auf das Festival. Und im Rahmen des 10. Graphic Novel Day stellen Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Kontinenten die Kunstform Comic vor. Einige ihrer Werke sind dieses Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, die Preisverleihung wird im Zuge der Frankfurter Buchmesse stattfinden.

Digitale Formate und klassische Bücher

Mehr Raum denn je zuvor wurde dem digitalen Kulturerleben zugestanden (mit mehr als fünfzig Live-Übertragungen samt Simultandolmetschung), ohne dadurch die Bedeutung der langen Tradition des Buchs aus Papier zu schmälern. In der Philipp-Schaeffer-Bibliothek in Berlin Mitte besuche ich die Ausstellung Das außergewöhnliche Buch, die auf den Buchvorschlägen der Gäste der Festivalsektion Internationale Kinder- und Jugendliteratur basiert. Zu den Partnern des ILB zählt auch LesArt – Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur, das seinen Sitz in einem freundlich wirkenden Gebäude in der Nähe des Goethe-Instituts Berlin hat. In Kooperation mit dem ILB zeigt das Zentrum bis 3. Oktober 2020 eine Ausstellung aktueller Illustrationen mit dem Titel Auserlesenes, die uns darin schulen möchte, ein Bild zu lesen, wie man ein Buch liest. Im Erdgeschoss befindet sich der Ausstellungsraum, im ersten Stock sind die Werkstätten untergebracht, bei schönem Wetter wird auch der Garten genutzt. Als ich komme, läuft gerade ein Workshop für Kinder und Familien mit der Illustratorin Iris Anemone Paul und ich habe das Glück, die Ausstellung im Beisein der Leiterin von LesArt, Dr. Annette Wostrak, besuchen zu können. Während ich mich zum Haus der Kulturen der Welt begebe, wo ein Video-Gespräch mit dem amerikanischen Schriftsteller und Dichter Ben Lerner auf dem Programm steht, denke ich über die Fragen nach, die sowohl in der Bibliothek als auch in den Räumlichkeiten von LesArt auf großen farbigen Kartons geschrieben stehen: „Was bewegt die Literatur?“, „Was ist eine Geschichte?“, „Wie klein ist die Welt?“.

In der Schlange für den 10. Graphic Novel Day

  • ILB 2020 © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
    Das Publikum wartet auf der Wiese des Silent Green Kulturquartiers auf den Beginn der Gespräche.
  • ILB 2020 © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
    Schilder mit den Corona-Abstandsmaßnahmen und den neuen Regeln für das Publikum.
  • ILB 2020 © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
    Kurz vor Beginn des Gesprächs mit der polnischen Autorin Olga Tokarczuk.
  • ILB 2020 © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
    10. Graphic Novel Day - das Plakat
  • ILB 2020 © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
    Während des Gesprächs mit der Comic-Autorin Aisha Franz und der Übersetzerin Katharina Erben.
  • ILB 2020 © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
    Eingang des Mars-Cafés in Wedding
  • ILB 2020 © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
    Der Beitrag des südamerikanischen Autors Mario Vargas Llosa wird gefilmt und in der Kuppelhalle vorgeführt.
Warteschlangen sind – zweifellos – zum Warten da, aber mit ein wenig Gelassenheit können sie zu einer idealen Gelegenheit werden, die Population der Festivalbesucher etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Der 10. Graphic Novel Day findet im Silent Green Kulturquartier statt und ist eine Hommage des Festivals an die Kunstform Comic. In der Schlange für das Treffen mit der schwedischen Comicautorin Moa Romanova und der deutschen Comicautorin Aisha Franz, jammert niemand über die Wartezeit, vielmehr kontrollieren wir, ob die Maske sicher auf der Nase sitzt und wir das richtige Ticket dabei haben. Da ist der eine, der kurz vorher in der Bar Mars in meiner Nähe saß, die andere, die ich in den Friedhof neben dem Silent Green gehen sah, eine Frau, die noch eine halbvolle Flasche Bier hat und hin und wieder einen Schluck nimmt, ein Typ, der ein Eis schleckt, eine Person vor mir, die den Direktor des Festivals erkennt und ihn begrüßt, ein Kind, das mit einem Metallhäckchen herumläuft und gräbt. Wir betreten die Kuppelhalle, einen runden Raum mit zwei Ebenen, ich habe einen Balkonplatz und genieße das Gespräch von hier oben. Anstelle von Moa Romanova, die ihren jüngsten Comicroman Identikid (Avant-Verlag 2020) vorstellen sollte, kommt ihre Übersetzerin, Katharina Erben, zu Wort. Aisha Franz, die in Italien von Canicola edizioni verlegt wird, hat soeben Das Jungfernhäutchen gibt es nicht (Text von Oliwia Hälterlein, MaroVerlag 2020) veröffentlicht und präsentiert wie geplant Shit is real (Reprodukt 2016). Mit einem Mix aus unterschiedlichen Ausdrucksformen nimmt sie uns mit in die Geschichte. Wir erleben eine Art DJ-Set, basierend auf Bildern aus ihrem Comic, die auf die Leinwand projiziert werden, elektronischer Musik und einer Lesung mit Lautsprecherverstärkung. Ich bin fasziniert, diese Form der Lesung übersteigt meine bisherige Vorstellungskraft. Ich bin glücklich, dass mir dieser Tag die Entdeckung beschert hat, dass es auch unkonventionelle Formen der Buchpräsentation gibt.

Ein Fest!

Ich musste in diesen ereignisreichen und sonnigen Festivaltagen immer wieder meine Pläne ändern, akzeptieren, dass eine Veranstaltung plötzlich abgesagt beziehungsweise in Form einer Videokonferenz statt live abgehalten wurde, oder mich über mich selbst ärgern und dann lachen, weil ich keuchend am falschen Ort angekommen war und erneut in die Pedale treten musste, um es nun vollkommen außer Atem zum richtigen Ort zu schaffen. Die Festivalstimmung hat mich, mit oder ohne Maske, voll erfasst. Ich mag das Festival mit seinen eigenen Rhythmen, seinem Sammelsurium an unterschiedlichen Persönlichkeiten, seinen Ritualen, seiner Organisationsmaschinerie, seinen Stofftaschen, seinen freiwilligen Helfern, seinen Fachleuten, seinen Codes, um eingelassen zu werden oder die Widmung einer Autorin zu bekommen, seiner Ungezwungenheit und seiner Förmlichkeit, seinem Wunsch trotzdem ein Fest zu sein, mit Abstand ebenso wie ohne.

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