Zeitgenössische Kunst in Münster Skulptur Projekte 2017

Hito Steyerl, HellYeahWeFuckDie, 2017, Skulptur Projekte 2017
Hito Steyerl, Skulptur Projekte 2017 | Foto (Ausschnitt): © Marianna Orlotti

Alle zehn Jahr richten sich für rund drei Monate die Scheinwerfer auf Münster, eine Stadt in Westfalen, die sich seit 1977, dem Jahr der ersten Ausgabe der Skulptur Projekte, einen Platz in der internationalen Landschaft zeitgenössischer Kunst erobert hat. Alles begann 1970, als der US-Künstler George Rickey der Stadt seine kinetische Skulptur Drei rotierende Quadrate schenkte.

Die Stadtbevölkerung war davon nicht gerade begeistert: zahlreiche Polemiken wurden losgetreten, geschürt vor allem von der Lokalpresse, die die öffentliche Meinung stark beeinflusste.
Daher beschloss Klaus Bussmann, der damalige Direktor des Westfälischen Landesmuseums, eine Ausstellung zur Geschichte der modernen Bildhauerei zu organisieren, um die Stadtbevölkerung sowohl in kritischer, als auch in ästhetischer Hinsicht zu schulen. Die Ausstellung gliederte sich in drei Teile: einen experimentelleren im Landesmuseum, einen traditionelleren in den Schlossgärten und einen dritten von Kasper König, dem damaligen Direktor des Museums Ludwig in Köln, der den Prototyp für die ab 1977 stattfindenden Skulptur Projekte abgab.

Wie der Titel hervorhebt, wird der Charakter der Ausstellung von der Idee des Projekts bestimmt: ein Großexperiment, um ontologisch über verschiedene Richtungen und Interpretationen der Bildhauerei nachzudenken. Von Anfang an entsteht Skulptur Projekte nicht als thematische Ausstellung, sondern als Langzeitstudie, deren Konzept seine Kohärenz durch die einzelnen Projektvorschläge der beteiligten Künstler erhält. Das Kuratorenteam, das für diese Ausgabe aus Kasper König, Britta Peters und Marianne Wagner besteht, lädt Künstler aus der ganzen Welt ein, die Beziehung zwischen Kunst, öffentlichem Raum und Stadtlandschaft neu zu denken und neue standortspezifische Skulpturen zu schaffen, die durch ihre verschiedene medienumfassenden Ansätze und Formsprachen bewusst die Grenzen der Bildhauerei überschreiten. Die ausgewählten Projekte werden im Stadtzentrum, aber auch in unmittelbarer Nachbarschaft realisiert und erweitern somit die Stadtgrenzen. In Münsters unterschiedliche historische und soziale Kontexte eingeschrieben, stellen die Werke ihre Bezugsorte zur Diskussion und enthüllen bisher unbekannte Aspekte. Gleichzeitig erforschen die Arbeiten auch Themen von internationaler Aktualität: die Architektur moderner Städte und die Art, sie zu bewohnen (Alexandra Pirici, Mika Rottenberg oder Koki Tanaka), die Beziehung zwischen Öffentlichem und Privatem (CAMP), die Beziehung zwischen individueller und kollektiver Identität, zwischen Geschichte und Denkmal (Lara Favaretto), die besondere Zeitlichkeit des natürlichen Raums (Ayşe Erkmen), Landschaft und Umweltkatastrophen (Pierre Huyghe), die Bewilligung von Ackerland (Jeremy Deller), neue Technologien, Kommunikationsmittel und Industrie 4.0 (Hito Steyerl) oder Formen der Überwachung und Kontrolle im digitalen Zeitalter (Aram Bartholl).

  • Mika Rottenberg, Cosmic Generator, 2017, Skulptur Projekte 2017 Foto © Marianna Orlotti
    Mika Rottenberg, Cosmic Generator, 2017, Skulptur Projekte 2017
  • Koki Tanaka, Provisional Studies: Workshop #7 How to Live Together and Sharing the Unknown, 2017, Skulptur Projekte 2017 Foto © Marianna Orlotti
    Koki Tanaka, Provisional Studies: Workshop #7 How to Live Together and Sharing the Unknown, 2017, Skulptur Projekte 2017
  • Ayşe Erkmen, On Water [Auf dem Wasser], 2017, Skulptur Projekte 2017 Foto © Marianna Orlotti
    Ayşe Erkmen, On Water [Auf dem Wasser], 2017, Skulptur Projekte 2017
  • Pierre Huyghe, After ALife Ahead [Nach einem K-Leben vor dem, was kommt], 2017, Skulptur Projekte 2017 Foto © Marianna Orlotti
    Pierre Huyghe, After ALife Ahead [Nach einem K-Leben vor dem, was kommt], 2017, Skulptur Projekte 2017
  • Hito Steyerl, HellYeahWeFuckDie, 2017, Skulptur Projekte 2017 Foto © Marianna Orlotti
    Hito Steyerl, HellYeahWeFuckDie, 2017, Skulptur Projekte 2017
  • Michael Smith, Not Quite Under_Ground, 2017, Skulptur Projekte 2017 Foto © Marianna Orlotti
    Michael Smith, Not Quite Under_Ground, 2017, Skulptur Projekte 2017

Die über Jahrzehnte andauernde Entwicklung der Ausstellung spiegelt den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandel, wie auch Veränderungen innerhalb des Kunstsystems wieder. Wie die Kuratorin Britta Peters erklärt, stellte die 1997er-Ausgabe einen definitiven Wendepunkt für die Skulptur Projekte dar, die nun erstmals institutionelle Formen annahmen. Dies verdankte sie unter anderem einer größeren Wertschätzung seitens der Münsteraner, im Einklang mit einem allgemeinen Interesse für Kunst im öffentlichen Raum, die seit den 90er-Jahren als strategisches Element im Stadtmarketing und damit als Wachstum ankurbelnd wahrgenommen wurde sowie andererseits als Praktik, die Verantwortung und soziales Engagement ausdrücken kann.

Überlegungen zu Fragen der Digitalisierung, der Globalisierung sowie der damit verbundenen neuen Ökonomien und deren Auswirkungen auf das Schaffen und Wahrnehmen von Kunst heute sind integraler Bestandteil der Skulptur Projekte 2017. Drei die Ausstellung begleitende Publikationen beschäftigen sich mit diesen Themen: Out of Body, Out of Time, Out of Place. Es handelt sich um ein Work in Progress, das in Zusammenarbeit mit Künstlern, Kuratoren und internationalen Kollegen entwickelt wurde und den konzeptuellen Rahmen ausführt, in dem sich diese Ausgabe bewegt. Die 35 neuen Werke, die dieses Jahr geschaffen wurden, setzen sich mit der Entwicklung unserer Auffassung von Körper, Zeit und Raum auseinander und betreffen ganz Münster, wo sie sich zu den 36 Werken früherer Ausgaben hinzugesellen, die im Laufe der Jahre von lokalen Institutionen oder privaten Sammlern gekauft und an den Plätzen belassen wurden, für die die Künstler sie nach und nach konzipiert hatten.