documenta 14 Liebe Documenta

Dear Documenta
Schriftzug: Dear Documenta, I refuse to exotisize myself to increase your cultural capital | Foto (Detail) © Eirini Vourloumis

Auch zwei Wochen nach der zweiten Eröffnung an ihrem deutschen Standort ruft die documenta 14 weiter Debatten und widersprüchliche Meinungen hervor. Von einigen einer neo-kolonialen Haltung bezichtigt, von anderen für ihre Entscheidung verteidigt, einen historisch eurozentrischen Ansatz in Frage zu stellen, lässt sich die d14 weniger als eine Ausstellung verstehen, die sich mit der Krise beschäftigt, als vielmehr als eine Ausstellung der Krise selbst, und vielleicht in der Krise.

Eine Krise politischer Möglichkeiten und wirtschaftlicher Verhältnisse, eine Sinnkrise, aber auch die Krise einer bestimmten Form (und eines Formats) von Kunst, sich zum Sprachrohr umstürzlerischer, unsichtbarer und radikaler Instanzen zu machen.
Zu Beginn der Finanzkrise 2011 konzipiert und vorbereitet, als die Spannungen zwischen einer von Deutschland angeführten EU und einem immer mehr in die Knie gehenden Griechenland eskalierten, zeichnete sich die vierzehnte Ausgabe der Documenta unter der Leitung von Adam Szymscyk als ehrgeiziger Versuch ab, die Machtverhältnisse auf den Finanzmärkten und in den Sälen des Europäischen Rats symbolisch auf den Kopf zu stellen.

Mit der Entscheidung, die d14 aufzuteilen und in eine sinnbildliche Stadt wie Athen zu überführen, bezieht die maßgeblichste Ausstellung zeitgenössischer Kunst klar Stellung für einen „Süden“, nicht nur im geographischen Sinne, sondern auch im Sinne eines staatsbürgerlich, politisch und poetisch „widerständigen“ Bewusstseins. Der Standort Athen ist Zwilling, Gegenspieler und Vorläufer von Kassel, „bedeutungsvoll durch den dichten politischen Wert“ und eine Synthese aller Formen des Ausschlusses, die die neue finanzielle Hegemonie hervorbringt.[1]

Fridericianum Fridericianum | Foto © Mathias Voelzke Diesem nicht gänzlich neuartigen Offshoring[2] gesellt die d14 weitere Vorbemerkungen und Versprechungen hinzu. Darunter der Wille, ein Beteiligungsmodell zu schaffen, und zwar in Form eines öffentlichen Programms namens Parlament der Körper, das in den Monaten vor der Ausstellungseröffnung in Athen gestartet wurde und darauf gerichtet war, über die großen Fragen unserer Zeit nachzudenken. Emblematisch erschien auch der Titel, das Motto dieser Documenta-Ausgabe Von Athen lernen: Es spiegelte den Willen wider, sich von dominanten Kulturverständnissen zu befreien, sich der Möglichkeit zu öffnen, „zu verlernen, was wir wissen“[3], indem man in eine zerrissene Stadt eintauchte und den „indigenen“ Epistemologien sowie verschiedenen Formen künstlerischen Protests Raum gab. Die d14 versprach also, sich der Krise als Gegenstand der Reflexion anzunehmen, sie schien die traditionellen raum-zeitlichen Bezüge der Kunstausstellung aus den Angeln heben zu wollen und so eine staatenlose, vielgestaltige, anti-identitäre Ausstellung zu erschaffen, ein „Spiel in zwei Akten“, das „in der realen Zeit und der realen Welt agiert“[4], mit fließendem Austausch zwischen einem Zentrum (Kassel) und einer Peripherie (Athen), in einem zeitlichen Kontinuum.

  • „Documenta is the botox of Capitalism“ Foto © Pau Cata Males
    „Documenta is the botox of Capitalism“
  • „Earning from Athens“ Foto © Pau Cata Males
    „Earning from Athens“
  • „Why do capitalism wants to look humanistic“ Foto © Pau Cata Males
    „Why do capitalism wants to look humanistic“

Wenn man durch die polyphone Struktur streift, nimmt man jedoch eine substanzielle Kluft zwischen der Radikalität der geäußerten Anliegen und ihrer relationalen und ästhetischen Formgebung wahr. Diese Wahrnehmung entsteht beispielsweise, wenn man die Erklärungen der griechischen Aktivistengruppe Artists against eviction liest, die in einem offenen Brief zur Eröffnung in Athen vorgestellt wurden.[5] Gegen ein Kunstsystem, das zu „blinden Konsum“ statt zu engagiertem Handeln ermutigt, forderten die Athener Künstler die Ausstellungsbesucher auf, „die Augen für die Stadt zu öffnen“ und „ihren Straßen zuzuhören“. Als Kurator Paul Preciado behauptete, dass „die Ausstellung als öffentlicher Dienst zu verstehen ist, als ein Gegenmittel gegen wirtschaftliche, politische und moralische Austerität“[6] und er in Athens Straßen ein wahres Parlament entdeckte, straften diverse Klagen diese Prämissen Lügen, in denen Ausstellungsbesucher und Mitarbeiter der Documenta als Gäste dargestellt werden, die unfähig sind, sich einem Verständnis der Stadt zu öffnen[7] und der geschlossene Charakter eines im Prinzip öffentlichen Programms unterstrichen wird.

Neben einer wenig ausgeprägten Fähigkeit, Verbindung mit dem sozialen Gefüge Athens aufzunehmen, haben verschiedene Kommentatoren erkannt, dass es der d14 nicht gelungen ist, sich aus den symbolischen und materiellen Machtverhältnissen zu befreien, die mit dem Handeln im Namen einer solchen institutionellen Maschinerie einhergehen.[8] Obwohl viel darüber geredet wurde, den Verbreitungsbedingungen von Wissen aus „nicht-westlichen“ Wissenssystemen Raum zu geben, ist es unter formalen Gesichtspunkten faktisch so, dass das Format Ausstellung, in seiner kanonischsten Materialisation, vorherrschender Tenor bei der Verbreitung von Wissen und Praktiken geblieben ist. In diversen Ausstellungsstätten wird darüber hinaus Archivmaterial und geschichtlichen Ausgrabungen übertrieben viel Aufmerksamkeit geschenkt im Vergleich zu der Möglichkeit, eine „Plattform für kulturellen Aktivismus“[9] zu schaffen, der die Gegenwart befragt. In den Ausstellungsrundgängen selbst wird zudem kaum klar, wie man sich den Dialog zwischen den beiden Städten vorgestellt hat, wie das, was von Athen zu lernen war, nach Kassel transponiert und dort in eine Form gebracht wurde. Diese geringe Lesbarkeit der Formate und Rundgänge verweist auf einen grundsätzlich problematischen Charakter dieser Documenta-Ausgabe: die Beziehung zum Publikum. In einer Ausstellung, die als Moment kollektiver Erkundung gedacht war, scheitert der didaktische Prozess und die Möglichkeit, eine Debatte mit reger Beteiligung der Öffentlichkeit in Gang zu setzen, auch am Mangel und an der Inhomogenität von Informationen.

Trotz oder vielleicht auch wegen der genannten Kritikpunkte bleibt auch die d14 der geschichtlichen Rolle der Documenta treu: Sie ist Spiegel und Zeugin einer Epoche. Die d14 ist in der Tat eine wesentliche Etappe, die es kritisch zu lesen und analytisch zu problematisieren gilt, damit man einige grundsätzliche Herausforderungen besser versteht, denen Kunst und Politik heute gegenüberstehen, um sich gegen die Epistemicides[10] der Vergangenheit, die koloniale Vernichtung von Wissen, zu stellen und Formen öffentlicher Beteiligung zu überdenken.

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[1] P. B. Preciado, The Apatride Exhibition, in “e-flux”, 10. April 2017
[2] Szymczyk verweist in seinem Katalogtext auf die vier vorangegangenen Ausgaben der Documenta als wesentliche Bezugspunkte.
[3] A. Szymczyk, 14: Iterability and Otherness-Learning and Working from Athens, in AA.VV., The documenta 14 Reader, Prestel, München 2017
[4] ibidem
[5] Artists against eviction, Open Letter to the Viewers, Participants and Cultural Workers of Documenta 14, in “e-flux”, 10. April 2017
[6] P. B. Preciado, The Apatride Exhibition, in “e-flux”, 10. April 2017
[7] Vgl. I. Fokianaki, Documenting Documenta 14, in “Metropolis M”, 5. Mai 2017
[8] Vgl. G. Spina, J. Mombaca, Waiting for the After-Effects of Documenta 14 in Athens in “artseverywhere”, 31. Mai 2017; I. Fokianaki, Y. Varoufakis, We Come Bearing Gifts - Iliana Fokianaki and Yanis Varoufakis on Documenta 14 Athens, in “e-flux”, 7. Juni 2017
[9] P. B. Preciado, The Apatride Exhibition, in “e-flux”, 10. April 2017
[10] Vgl. B. de Sousa Santos, Epistemologies of the South: Justice against Epistemicide, Paradigm Publisher, Boulder 2014