Manifesta 12 in Palermo: ein Jahr vor der Eröffnung Kaleidoskop der Gegenwart

Aspettando Manifesta 12 Opening
Aspettando Manifesta 12 Opening | © Manifesta 12 | Foto: CAVE Studio

Im Jahr 2018 darf Palermo sich mit dem Titel der Italienischen Kulturhauptstadt schmücken. Aber nicht nur das: die sizilianische Hauptstadt wird außerdem Gastgeberin der europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst Manifesta. Ein Jahr vor der offiziellen Eröffnung hat das künstlerische Leitungsteam seinen eigenwilligen kuratorischen Ansatz vorgestellt und eine erhellende Studie präsentiert, die die Stadt Palermo selbst zur Protagonistin der Kunstausstellung macht.

Kann Kunst die Welt verändern? Oder kann sie zumindest die Zukunft einer Stadt, einer Gesellschaft, einer Region beeinflussen? Ist es möglich, dem, was kommen mag, mit künstlerischen Mitteln den Weg zu bereiten, alternative Perspektiven aufzuzeigen und Räume zu schaffen, in denen das Unerwartete erwartet werden kann? Manifesta-Initiatorin Hedwig Fijen und ihr Team meinen: Ja.

Die Wanderausstellung wurde Mitte der 1990er Jahre als Reaktion auf das Ende des Kalten Krieges gegründet. Damals ging es der niederländischen Kunsthistorikerin vor allem darum, einen ästhetisch-politischen Dialog auf europäischer Ebene zu stiften und die einschneidenden geopolitischen Veränderungen mit den Mitteln der Kunst zu verarbeiten. Heute, knapp 20 Jahre später, liegt die Herausforderung darin, den Konsequenzen der Globalisierung und der Digitalisierung zu begegnen und kreative Instrumente für einen nachhaltigen, zukunftsschöpfenden Umgang mit einer neuerlich gespaltenen und gefährdeten Welt zu schaffen.

Drängende Fragen

Kein Zufall also, wenn im nächsten Jahr die Hauptstadt der größten Mittelmeerinsel Schauplatz der 12. Manifesta werden soll. Wie kaum eine andere Stadt in Europa erfährt und verkörpert Palermo gegenwärtig die Komplexitäten und Probleme, aber auch die Trümpfe und Reichtümer unserer Zeit. Mit ihrer geopolitisch, historisch und kulturell brisanten Lage in der südeuropäischen Peripherie scheint die Stadt am Mittelmeer die drängendsten Fragen der Gegenwart Tag für Tag in ungeahnter Dringlichkeit auszusprechen: Wie können wir zusammen leben? Wie können wir Verantwortung für den Planeten und unsere Umwelt übernehmen? Wie können wir uns zur immer weiter wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Süd und Nord, zwischen Peripherie und Zentrum verhalten?
Um der vielschichtigen und komplexen Gastgeberstadt nicht einfach ein vorgefertigtes Konzept überzustülpen, sondern vielmehr ihre materielle und symbolische Stofflichkeit zum Ausgangspunkt der künstlerischen Entscheidungen zu machen, haben die Organisatoren von Manifesta 12 zwei Jahre vor Eröffnung der Großausstellung Rem Koolhaas‘ Rotterdamer Büro für Architektur und Stadtentwicklung OMA (Office of Metropolitan Architecture) mit einer breit angelegten, interdisziplinären Recherche beauftragt, in der die Stadt Palermo in ihren zahlreichen Facetten porträtiert werden sollte. Die Ergebnisse dieser Studie wurden Anfang Juli unter dem Titel „Palermo ATLAS“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Dass Direktorin Fijen bei dieser Präsentation, durch die das anstehende Großereignis erstmals für die palermitanische Stadtbevölkerung spürbar wurde, dem Urbanisten und Sprecher des OMA Ippolito Pestellini Laparelli das Wort überließ, kann als programmatische Entscheidung gewertet werden.

Auf Tuchfühlung mit der Stadt: Palermo ATLAS

Ippolito Pestellini Laparelli stellte beeindruckende und überraschende Ausschnitte der Studie vor: Neben eher naheliegenden Erhebungen, wie zum Beispiel zu den Flüchtlingsströmen, zur Herkunft der ausländischen Stadtbevölkerung oder zum Grad der Luftverschmutzung in den unterschiedlichen Bezirken der Stadt, wurden originelle Karten wie die der verbotenen kultischen Orte, die der privaten Archive oder die der Routen literarischer Figuren durch den Stadtraum präsentiert. Im Rahmen von Palermo ATLAS habe man sich für die Diversität der Pflanzen im botanischen Garten ebenso interessiert wie für die verschiedenen in Palermo verehrten Gottheiten. Die historischen Darstellungen der Stadt in Literatur- und Kunst hätten als ebenso potenziell aufschlussreich gegolten wie die Verteilung der im Stadtgebiet gesprochenen Sprachen und Dialekte.
 
  • Botanischer Garten, Palermo Atlas © Foto: Delfino Sisto Legnani, courtesy OMA
    Botanischer Garten, Palermo Atlas
  • Tempio indiano, Palermo Atlas © Foto: Delfino Sisto Legnani, courtesy OMA
    Tempio indiano, Palermo Atlas
  • Basile Archivio, Palermo Atlas © Office of Metropolitan Architecture (OMA)
    Basile Archivio, Palermo Atlas
  • Sicht auf Palermo, Francesco Lojacono, 1875 © Palermo Atlas, courtesy OMA
    Sicht auf Palermo, Francesco Lojacono, 1875
Mit Palermo ATLAS hat das Office for Metropolitan Architecture eine umfassende und originelle Analyse vorgelegt, durch die Palermo als Kaleidoskop menschlicher Erfahrungen, geographischer und klimatischer Gegebenheiten und historischer Ereignisse erscheint: „Man kann die Stadt nicht auf eine einzige Interpretation reduzieren“, betonte Pestellini Laparelli. „Sie ist ein komplexes Mosaik aus Fragmenten und Identitäten, das aus Jahrhunderten der Begegnung und des Austauschs zwischen verschiedenen Völkern und Kulturen hervorgegangen ist.“ Das heutige Palermo könne man als ein globales Archipel bezeichnen; es handele sich nicht um eine an und für sich globalisierte Stadt, sondern um einen „Brutkasten zeitgenössischer globaler Phänomene“.

Kritisch, nachhaltig, ganz nah dran

Palermo ATLAS wird von nun an dem künstlerischen Planungsteam der Manifesta, dessen Mitglieder die Bezeichnung des „creative mediator“ der des Kurators vorziehen, als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines interdisziplinären und ortsspezifischen Ausstellungsprogramms dienen, das der Stadtbevölkerung ungewohnte Einblicke in die eigene Umgebung sowie die daraus erwachsende Möglichkeit geben soll, diese Umgebung neu zu erfinden und über ihre vermeintlichen Grenzen und Schwachstellen hinweg zu gestalten.

Aspettando Manifesta (Warten auf Manifesta) Aspettando Manifesta (Warten auf Manifesta) | © Manifesta 12 | Foto: CAVE Studio Bevor die Großausstellung im Juni 2018 offiziell eröffnet wird und dann bis November dauert, gehen ab September 2017 bereits einige Initiativen unter dem Schlagwort „Aspettando Manifesta“ („Warten auf Manifesta“) an den Start. Im zum Festivalzentrum umgerüsteten Teatro Garibaldi an der belebten wie historisch bedeutsamen Piazza Magione ist bereits jetzt eine Ausstellung zu den bisherigen Ausgaben der Manifesta zu sehen. Hier werden auch im eigens eingerichteten Biblio-Café Filmvorführungen und Begegnungen mit Vertretern der Kunstwelt stattfinden. Weiterhin steht es den örtlichen Kulturschaffenden frei, Initiativen, Projekte und Formate an die Ausstellungsleitung heranzutragen, die im Rahmenprogramm der Manifesta 12 assoziiert werden können.