Zwei Perspektiven auf die Chancen und Risiken der Hegemonie Deutschlands Deutschland – Europa

Germania/Europa – Angelo Bolaffi / Pierluigi Ciocca – Buchpräsentation – Rom, 20.09.2017
Foto (Ausschnitt): Francesca Pieri

Das Herzstück politischer Stabilität oder ein Land bestrebt nach einer neuen, sanfteren Hegemonie? In „Germania/Europa“ (erschienen bei Donzelli) unterziehen Angelo Bolaffi, Germanist und politischer Philosoph, und Pierluigi Ciocca, Banker und Wirtschaftswissenschaftler, das Phänomen Deutschland einer eingehenden Analyse – aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Das Buch – das von den beiden Autoren zwar gemeinsam herausgegeben, aber nicht gemeinsam geschrieben wurde – enthält zwei getrennte Beiträge. Zwei Positionen, die einander konträr gegenüber stehen und dabei auf ihre Art dennoch Parallelen aufweisen. Ihr Thema: Die Chancen und Risiken der (echten oder vermeintlichen, gewollten oder nicht-gewollten) Hegemonie Deutschlands im heutigen Europa.

Das „modell deutschland“

Angelo Bolaffi Angelo Bolaffi | Foto (Ausschnitt): Francesca Pieri Bolaffi spricht sich in seiner Analyse klar für das „Modell Deutschland“ aus. Deutschland sei zwar bestimmt nicht die beste aller Welten, aber, alles in allem, heute doch die „am wenigsten schlimme“ aller real existierenden Varianten. Seine führende Position, so Bolaffi, liege weniger in seiner offensichtlichen wirtschaftlichen Überlegenheit begründet, als vielmehr in der weniger leicht erkennbaren, da weniger laut beworbenen, spirituellen und moralischen Überlegenheit seiner Demokratie. Einer Demokratie, die von der Stärke ihrer Institutionen gewährleistet wird und deren führende Stellvertreter nie gezögert haben, Entscheidungen zu treffen, auch wenn diese auf Wählerebene unpopulär waren. Mit einer politischen Klasse, die Reformen durchgeführt hat, wenn sie nötig waren und dabei stets das Ziel des Allgemeinwohls vor Augen hatte – das eines Mittelwegs, bei dem die Vorteile die Nachteile überwiegen, und nicht etwa das eines utilitaristischeren Kompromisses um jeden Preis. Und wenn sich nun die europäischen Partner durch dieses „Modell Deutschland“ in irgendeiner Form erdrückt fühlen, dann nicht aufgrund dessen vermeintlicher Hegemoniebestrebungen (denn die liegen Deutschland laut Bolaffi fern), sondern weil Deutschland „die unbequeme Rolle des Wächters über die europäischen Verträge auf sich genommen hat, ebenso wie die des unbeugsamen Kontrolleurs ihrer korrekten Umsetzung.“

positive handelsbilanz und starke währung

Pierluigi Ciocca Pierluigi Ciocca | Foto (Ausschnitt): Francesca Pieri Cioccas Blick auf Deutschland, gestern noch Schuldner, heute Gläubiger, ist kritischer. Sein Beitrag liefert eine genaue und systematische historisch-wirtschaftliche Analyse, klar formuliert, mit vielen Zahlen und Daten zum BIP und zum Schulden/Kredit-Verhältnis, von der ersten Einigung 1867, über die beiden Weltkriege bis heute. In ihr zeigen sich die beiden Säulen der deutschen Wirtschaft, die sich im Laufe der Jahre, auch infolge der Kriegstraumata, herausbildeten: der Handelsbilanzüberschuss und das Bestreben nach einer extrem starken Währung – zu Lasten, trotz oder dank einer sozialen Marktwirtschaft, des Inlandsverbrauchs und der sozialen Ausgaben. „Die Geschichte des 20. Jahrhunderts“, so Ciocca, „hat in der politischen Führung und im deutschen Volk nachvollziehbarerweise zu einer tief verwurzelten Überzeugung geführt: Inflation und Schulden sind der Untergang. Unabhängig von den Folgen für Produktion und Handel machen sie den wirtschaftlichen Riesen zum politischen Zwerg.“ Und diese Überzeugung bildet bei Ciocca, im Gegensatz zu Bolaffi, die Grundlage für die mutmaßlichen wirtschaftlichen Hegemoniebestrebungen Deutschlands.

das „europäische deutschland“

Germania/Europa – Angelo Bolaffi / Pierluigi Ciocca – Donzelli Editore © Donzelli Editore Präsentiert wurde der Essay, oder besser der Doppel-Essay, im Istituto dell’Enciclopedia Italiana, im Beisein des emeritierten italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano, der daran erinnerte, wie in der zweiten Nachkriegszeit endlich das „europäische Deutschland“ im Sinne Thomas Manns entstand. Ebenfalls unter den Gästen: die deutsche Botschafterin in Italien, Susanne Marianne Wasum-Rainer, die den Grundsatz bekräftigte, dass es Deutschland nur dann gut gehe, wenn es auch seinen zahlreichen Nachbarn gut gehe. Sie versicherte allen, auch mit Blick auf die kommenden Wahlen, dass die deutsche Regierung stets eine proeuropäische sein würde.

Denn ohne Europa könne es kein Deutschland geben, und ohne Deutschland kein Europa. Über diesen Punkt herrschte unter den Rednern allgemein große Einigkeit, angefangen vom Präsidenten der Enciclopedia Italiana, Franco Gallo, über den ehemaligen italienischen Botschafter in Berlin, Michele Valensise, bis hin zu Marco Magnani vom Studienzentrum der italienischen Zentralbank Banca d’Italia.