Berlin–Rom Eine Fotoreise von Berlin nach Rom – Are You Happy?

„Alexanderplatz“: Clara, Sept. 2010 | „Are you happy?“: Michael with Wendy, Quarticciolo | „Are you happy?“: Victoria, Pigneto
„Alexanderplatz“: Clara, Sept. 2010 | „Are you happy?“: Michael with Wendy, Quarticciolo | „Are you happy?“: Victoria, Pigneto | © Göran Gnaudschun

Der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun fotografierte die Menschen in Berlin und kam darüber hinaus nach Rom. Seine preisgekrönte Reportage der Obdachlosen am Berliner Alexanderplatz führte ihn in die römische Villa Massimo. Dort fand er die Muße, sein Projekt über die ehemals deutsche-deutsche Grenze abzuschließen, bevor es endlich hinaus in die Stadt gehen konnte. Eine Bildungsreise in Fotografien vom Osten in den Süden, die sich auch heute der berühmten Sehnsucht nicht entzieht. 

Berlin Alexanderplatz – Die große weite Welt

Am Berliner Alex finden viele Menschen, die sonst nicht wissen, wohin sie im Leben gehen sollen, einen Platz. Sie kommen oft von weit her und steigen genau hier aus. Die Szene der Obdachlosen am Alex ist wie ein kleiner Mikrokosmos in der großen, weiten Welt. Er hat seine ganz eigenen Regeln und doch liegen ihm die gleichen Themen zu Grunde: Liebe, Rausch und vor allem der Wunsch, irgendwo dazu zu gehören. Göran Gnaudschun kommt Anfang der 10er Jahre für eine Reportage über die obdachlosen Jugendlichen an den Alexanderplatz, und er lässt ihn nicht mehr los. Vier Jahre lang kehrt er immer wieder dorthin zurück. Obwohl er keiner von ihnen ist, wird er als ehemaliger Gitarrist der Punkband 44 Leningrad und Hausbesetzer im Potsdam der 90er Jahre von ihnen aufgenommen und akzeptiert. Es liegt aber nicht nur an seiner Vergangenheit. Seine ständige Präsenz über Jahre hinweg erlaubt ihm, Vertrauen zu den Menschen aufzubauen und hinter den rauen Umgangsformen eine große Sensibilität aufzuspüren.

In Gnaudschuns Portraits schmelzen ihr ganz eigener Stolz einerseits und ihre Gebrochenheit andererseits, zu einer ganz besonderen Würde zusammen. Er gibt ihnen damit etwas zurück, was ihnen in ihrem Leben oft verwehrt wurde. Durch die Nähe, die das Portraitieren mit sich bringt, finden manche den Mut, ihm ihr ganzes Leben von der frühen Kindheit an zu erzählen und es zeichnet sich dabei nicht selten ein variiertes Bild von Gewalt und Systemlücken ab. Was in unserer Gesellschaft unsichtbar bleibt oder ignoriert wird, bekommt in Göran Gnaudschuns Band Alexanderplatz ein Gesicht und eine Geschichte.

Ostdeutschland – Grenzen überwinden

Alexanderplatz bringt Gnaudschun das prestigereiche Stipendium in der Villa Massimo in Rom ein, wo seine Fotos in wunderschönen Räumlichkeiten hingen. Bevor er sich aber der Stadt Rom widmen kann, ermöglicht die inspirierende Atmosphäre es ihm, die Texte für sein Projekt Wüstungen fertigzustellen.
 
„Alexanderplatz“: Sitzecke U8, 2012 Göran Gnaudschun - Wüstungen „Alexanderplatz“: Sitzecke U8, 2012 | © Göran Gnaudschun
Das Buch Wüstungen, das er zusammen mit seiner Frau, der Landschaftsfotografin Anne Heinlein realisiert hat, führt den Betrachter an die ehemalige innerdeutsche Grenze. Die Dörfer und Höfe, die zu DDR-Zeiten auf der Ostseite zu nah an der Grenze lagen, wurden geräumt und abgerissen (gewüstet), ihre Bewohner zwangsumgesiedelt und für immer „entheimatet“. Bilder und Texte spüren in diesem Fotoband gemeinsam auf, was an diesen Orten geschah und was man davon heute noch erfahren kann. Er zeigt uns, wie die Orte vor der Schließung der Grenze aussahen, wie nah sie danach an den verminten Grenzzäunen lagen und wie diese Gebäude auch noch kurz vor Mauerfall gesprengt und vernichtet wurden. Dramatische Ereignisse, deren Wunden bis in die Gegenwart reichen, in dem, was wir heute als das Naturschutzgebiet „Das Grüne Band“ bezeichnen. Das Buch ist ein Anfang bei der Aufarbeitung der neueren deutschen Geschichte und ein Zeichen gegen Abgrenzung, denn es belegt einmal mehr, was Grenzen anrichten können. Seitdem die Mauer seit mehr Tagen gefallen ist, als sie stand, ist es umso wichtiger, das nicht zu vergessen.

Rom – Von den Punks zur Italiensehnsucht

Nachdem Gnaudschun mit dieser Grenze abgeschlossen hat, ist er endlich frei für Rom. Er steigt aufs Fahrrad und fährt die alte Konsularstraße Via Prenestina bis hinaus zum GRA. Ihn interessieren Vorstädte, da er selbst aus einem Potsdamer Plattenbaugebiet kommt. Enge Wohnverhältnisse sind ihm vertraut. Das macht ihn auch hier wieder vielmehr zu einem Teil des Geschehens, als zu einem außenstehenden Beobachter. Wie auch in seinen anderen Arbeiten, fällt sein Augenmerk auf die historische, architektonische und menschliche Vielschichtigkeit, die ihn umgibt. „Das Schöne an der Via Prenestina ist der Wohnungsbau über die Jahrzehnte hinweg. Man kann genau nachvollziehen, wie zu welcher Zeit gebaut wurde. Alle 500 Meter ändern sich der Baustil und die Bevölkerung.“ Durch Zufall fotografiert er an den Schauplätzen der Pasolini- und Viscontifilme. Und eine zentrale Frage aus Pasolinis Accattone kommt ihm wieder in den Sinn: „Are you happy?“. Er stellt diese Frage niemandem, aber er geht als ein Mensch durch die Straßen, der wissen möchte, wie die anderen leben. „Ich fotografiere Menschen, weil ich ihnen näherkommen möchte. Weil ich mehr von ihnen erfahren will. Ich warte darauf, dass sich in ihnen etwas zeigt: Ein Lebensgefühl, das ich hier in den Vorstädten Roms finde, eine Nähe, gleichzeitig aber auch Fremdheit. Ich brauche die Intensität, die entsteht, wenn zwei Menschen sich für einen Moment aufeinander einlassen.“ Ursprünglich wollte Gnaudschun noch historische Bilder mit in seine Arbeit einfließen lassen, doch er hat sich dagegen entschieden: „Die Gegenwart ist hier so präsent, da braucht es keine Dokumente aus der Vergangenheit.“ Die Portraits, die bei seinen Erkundungen entstehen, schauen dem Betrachter direkt in die Augen. Jedes für sich erzählt eine ganz eigene Geschichte und ist doch Teil eines großen Ganzen.

Und, Göran Gnaudschun, are you happy?
„Die Zeit in der Villa Massimo hat mich sehr geprägt. Es gibt diesen Moment, in dem man sich Rom aussetzt und sich in die Stadt total verliebt. Ich habe diese Italienliebe vorher nicht ernst genommen, aber jetzt geht es mir selbst so. Und ich nehme sie mit, egal wo ich hingehe: diese Sehnsucht.“

Und wir warten voller Freude auf seine Rückkehr nach Rom sowie auf das Buch und die Ausstellung von Are You Happy?.