Ulf Aminde / Andreas Lutz / Vittorio Messina Wohnen in der zeitgenössischen Kunst

Dell’abitare incerto: Ulf Aminde – Andreas Lutz – Vittorio Messina
v.l.n.r.: “Weiter”, Ulf Aminde – “Wutbürger”, Andreas Lutz – “Habitat con varchi in una regione piovosa”, Vittorio Messina |  

Drei Installationen und damit drei unterschiedliche Auseinandersetzungen mit dem Thema „Wohnen“ stehen im Mittelpunkt der Eröffnungsausstellung des KunstRaums Goethe mit dem Titel „Vom ungewissen Wohnen“. Der neue interdisziplinäre Veranstaltungsraum im Goethe-Institut Rom ist ganz der unabhängigen, zeitgenössischen Kunst gewidmet, die erste Ausstellung präsentiert Arbeiten von Ulf Aminde, Andreas Lutz und Vittorio Messina.

Kurator der Ausstellung ist Valentino Catricalà, Kritiker für zeitgenössische Kunst und künstlerischer Direktor des Media Art Festivals in Rom im Museum MAXXI, dem Museum der Künste des XXI. Jahrhunderts. Er ist von dem Projekt begeistert und zeigt das auch: „Es ist eine wunderbare Sache, dass das Goethe-Institut in Rom einen Raum für zeitgenössische Kunst eröffnet“, so Catricalà im Talk vor der Eröffnung. „Einmal mehr bietet das Goethe-Institut damit Raum für Reflexionen zur heutigen Zeit und führt so den ‚roten Faden‘ im Diskurs dieser Stadt fort.“ Der rote Faden, der hingegen die drei Arbeiten verbindet, wird im Titel der Ausstellung klar definiert. Es geht um das Bewohnen von Raum, seine vorübergehende Nutzung durch den Menschen, „um einen Überblick über die verschiedenen Problematiken des Wohnens“, wie Catricalà bei der Präsentation der drei Künstler meint. „Vittorio Messina setzt sich seit jeher eingehend mit dem Thema auseinander, die Installation von Lutz spricht uns direkt an, indem sie den Niedergang der Mittelschicht beschreibt, und Aminde zeigt Straßenpunks bei einer Art Spiel zum Thema Wohnen.“

„Habitat con varchi in una regione piovosa“

Ziegelsteine. Übereinandergeschichtete Baustoffe, schlecht und recht montierte Fenster und Türen sowie verschiedenstes Werkzeug bilden einen kleinen, niedrigen Raum, überdacht von Schirmen und Neonleuchten, abgegrenzt durch einen Metallzaun. In seiner Mitte befindet sich ein umgekippter Stuhl, alles wirkt irgendwie prekär. Der Beitrag Habitat con varchi in una regione piovosa von Vittorio Messina ist vielleicht die schwierigste der drei Arbeiten, zweifellos aber die tiefgründigste.

„Ich habe diese Arbeit zusammengestellt, nachdem ich gesehen habe, wo sie installiert werden sollte“, erläuterte Messina im Zuge der Ausstellungspräsentation. „Ich wollte eine konkrete, bewusste Beziehung zum Ausstellungsraum herstellen. Ich wollte eine Verbindung zwischen dem Drinnen und dem Draußen schaffen, eine Art surreale Vision im Kontext der verlassenen aber gepflegten Bürgerhäuser im Zentrum Roms, die wir von hier aus sehen. Dadurch ist meine Arbeit real und irreal zugleich. Dieses Thema ‚Vom ungewissen Wohnen‘ will unmittelbar Bezug nehmen auf ein globales Phänomen unserer Zeit, wir müssen uns daher die Mühe machen, in den Betrachtern das Bewusstsein dafür zu schärfen. Kunst löst keine Probleme, auch meine Arbeiten tun das nicht, aber Kunst kann als Filter dienen und uns helfen, Probleme zu lösen.“

Valentino Catricalà bezeichnete Vittorio Messina in diesem Zusammenhang als Meister der zeitgenössischen italienischen Kunst. „Zu Beginn arbeitete ich mit Steinen, die bereits willkürlich bearbeitet worden waren“, so Messina zum Abschluss, „zum Beispiel mit ausgemusterten Steinen aus Tuffsteinbrüchen. Durch Zusammenschlichten von drei oder vier solchen Steinen entstand der Eindruck einer in konkreter Materie gefangenen Leere. Mein gesamtes Schaffen hat sich immer auf das Thema Raum konzentriert und mit jedem Werk beginne ich wieder bei null.“

„Wutbürger“

Aber auch wenn der rote Faden des Themas „Wohnen“ jedes Mal wieder von Beginn aufgerollt werden kann, reißt er im KunstRaum Goethe zweifellos nie ab, sondern findet bei Andreas Lutz und Ulf Aminde eine starke Fortsetzung. „Lutz‘ Vision eines Durchschnittsmenschen“, so Catricalà, „ist die einer Gesellschaftsschicht, die ‚ungewisses Wohnen‘ als Lebensform gewählt hat. Wir alle sind in den von Lutz geschaffenen Käfig eingeschlossen.“

Tatsächlich besteht die Videoinstallation Wutbürger von Andreas Lutz aus einem Käfig – wenngleich nur einem virtuellen, in Form eines Bildschirms –, in dem sich ein Mann befindet. Gezeigt wird das bewegte Bild eines lebensgroßen, zornigen Mannes, der in einer mehrstündigen Performance herumbrüllt und sich auszieht, auf die ganze Welt und dabei in erster Linie vielleicht auf sich selbst wütend ist und der damit im wahrsten Sinne des Wortes den „Wutbürger“ des Werktitels verkörpert.

„In meiner Arbeit habe ich versucht, mich mit der Frage nach unserem ‚innerlichen Wohnen‘ auseinanderzusetzen, mit den Emotionen, die wir alle haben“, so Lutz. „Im Mittelpunkt des Werks steht Stefan W., ein Mittelschichtsbürger mittleren Alters, der sich eines Morgens in einem Käfig wiederfindet und nicht weiß, wie er dorthin geraten ist. Er zeigt jene Wut, die wir alle in uns tragen, endlich lässt er sie heraus und holt Dinge hervor, über die er nie mit jemandem gesprochen hat. Und es zeigt sich, wie diese Wut und seine ungelösten Konflikte seine Beziehung zu seiner Mutter und zu seiner Exfrau geprägt haben … Stefan kann nicht raus und so beginnt er schließlich über seine eigene Wut nachzudenken und über die Gründe, die in ihm diese Wut ausgelöst haben.“ Und Lutz erklärt: „Der Ausdruck ‚Wutbürger‘ ist ein Neologismus, der vor einigen Jahren in der deutschen Presse geprägt wurde. Er bezeichnete bürgerliche Protestkundgebungsteilnehmer mittleren Alters, wütende Bürger eben, übertrieben wütend wenn man ihre Position bedenkt, die gegen den Bau eines Bahnhofs in Stuttgart protestierten. Nach den ersten drei oder vier Jahren entwickelte sich der Begriff weiter und wurde schließlich für Demonstranten der extremen Rechten verwendet. Es war interessant zu sehen, wie in Folge auch meine Installation anders aufgenommen wurde. Kunst lässt sich unterschiedlich interpretieren, je nachdem wo die Gesellschaft gerade steht.“

„Weiter“

Dabei ist „ungewisses Wohnen“ ein Thema, das die gesellschaftlich ausgegrenzten Straßenpunks mit ihren Hunden vielleicht noch stärker, vielleicht auch genauso betrifft. Sie stehen im Mittelpunkt von Weiter, dem Videobeitrag von Ulf Aminde, dem dritten Werk der Ausstellung. Das Video ist auf seine eigene Art fröhlich, zeigt ein Spiel mit Stühlen, bei dem die Jugendlichen bei ohrenbetäubender Musik versuchen, sich gegenseitig die Sitzplätze wegzuschnappen. Im Hintergrund sind ihre prekären Behausungen zu sehen, ihre prekäre Lebenssituation, mitten in einem augenscheinlich verfallenen städtischen Vorort. Doch sie haben einen Riesenspaß, auch wenn ihnen das Spiel wahrscheinlich nicht so gelingt, wie es gedacht ist. Die Arbeit übt eine stark hypnotische Wirkung aus, es fällt schwer, den Blick abzuwenden, auch wenn man nicht dieselbe Menge Alkohol im Blut hat wie die Protagonisten des Videos. Instabilität wird hier als eine positive Lebensform, als ein erstrebenswerter Zustand dargestellt.

Ulf Aminde wird außerdem auf der Abschlussveranstaltung der Ausstellung anwesend sein. Die Schau im KunstRaum Goethe ist noch bis 29. April für Besucher geöffnet.