Interview Land der Festivals

Piero Maltese
Piero Maltese | © Goethe-Institut Palermo / Roman Maruhn

Noch bis Ende des Jahres 2018 läuft am Goethe-Institut Palermo das Exzellenzprojekt „Land der Festivals“: Acht Kulturfestivals aus Süditalien, Sardinien und Sizilien sollen dadurch professioneller werden und auch mit dem Goethe-Institut besser zusammenarbeiten können. Vom 21. bis zum 24. März 2018 findet das zweite Treffen in Palermo statt. Das Goethe-Institut hat mit Piero Maltese, dem künstlerischen Leiter von MainOFF, Festival für elektronische und experimentelle Musik in Palermo, gesprochen.

MainOFF ist vor 14 Jahren in einem besetzten Haus entstanden und war anfangs sehr informell und sollte elektronischen und experimentellen Musikern einen Platz geben, die ihre Musik sonst wie Nerds alleine und zuhause machten. Dort gab es hingegen eine Bühne, die ihnen ermöglichte, dem Publikum in Palermo, das damals elektronische Musik in erster Linie als Dancefloor kannte, diese Musik vozurstellen.
 

Was war der erste Kontakt mit deutscher Kultur und dem Goethe-Institut?
 
Das waren Kollaps, das erste Album der „Einstürzenden Neubauten“, und Decoder, ein Film von Klaus Maeck, in dem es in einer ziemlich wilden Geschichte um die „Muzak“ geht. Im Film spielten zwei Exponenten des deutschen Undergrounds mit: Christiane F. und FM Einheit. Später habe ich dann über Jürgen Habermas' Faktizität und Geltung promoviert, während mein erster Kontakt mit dem Goethe-Institut ein Konzert mit einem Präparierten Klavier und einem äußerst brutalen Schlagzeuger war – das war ein sagenhaftes Konzert und wirklich eine prägende Begegnung mit dem Goethe-Institut, bevor wir im Rahmen von MainOFF zusammengearbeitet haben.
 

Was macht die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut aus?
 
Das Goethe-Institut ist für uns kein Geldautomat! Wir stellen uns die Frage, welche Künstler wir einladen, welche Künstler dem Goethe-Institut gefallen könnten und was wir auch künstlerisch in unserem Festival erzählen möchten. Und gemeinsam versuchen wir dann, einen Teil des deutschen Undergrounds im Festival darzustellen. Gemeinsam haben wir es geschafft, das Label Raster-Noton nach Palermo zu bringen und letztes Jahr, vor knapp drei Monaten, FM Einheit. Das sind schon starke Marken! Für mich ist es besonders wichtig, dass wir zusammen eine Geschichte erzählen – das ist weit mehr als bloßes Sponsoring. Außerdem werden wir internationaler: schon seit Jahren sind wir ein internationales Festival. Das ist auch für die Künstler aus Palermo und Sizilien wichtig: so kommen sie in Kontakt mit Musikern zum Beispiel in Berlin. Und damit entstehen Beziehungen, gemeinsame Projekte. Schließlich hat das Goethe-Institut ein besonderes Prestige, was für uns auch wichtig ist.
 

Welche Erfahrungen hat MainOFF bis jetzt mit unserem Projekt „Land der Festivals“ gemacht?
 
Ich habe viele Menschen kennengelernt, die ähnliche Projekte wie ich machen, deren Probleme auch ähnlich sind. Und das ist doch das wesentliche, dass eine ganze Reihe von Erfahrungen vernetzt wird. Und über „Land der Festivals“ können wir unser Festival vielleicht schon dieses Jahr weiter entwickeln, auch wenn ich dazu konkret noch nichts sagen kann. Darüber hinaus tut es gut, dass ich bei unseren Besprechungen von MainOFF wiedergeben kann, was ich bei unserem letzten Workshop gehört habe: da geht es zum Beispiel um die Frage der Rolle von ehrenamtlichen Mitarbeitern, also volunteers, die über ihre Netzwerke Publikum generieren können. Das sind wertvolle Informationen!
 

  • Land der Festivals – Arbeit im Workshop © Goethe-Institut Italien / Ross La Ciura
    Land der Festivals – Arbeit im Workshop
  • Land der Festivals – Gruppenfoto vor dem Goethe-Institut Palermo © Goethe-Institut Italien / Ross La Ciura
    Land der Festivals – Gruppenfoto vor dem Goethe-Institut Palermo
Gibt es in Italien auf dem „Markt“ ähnliche Angebote wie „Land der Festivals“, die sich an die Veranstalter von Kulturfestivals richten?
 
Bis jetzt habe ich noch nichts Vergleichbares entdeckt. Die alten Aggregationsformen wie Parteien, die circoli, centri sociali und selbst Hausbesetzungen verlieren nicht nur in Italien, sondern überall an Bedeutung. Seltsamerweise schaffen es die Festivals, immer mehr Menschen zusammenzubringen und die klassischen Funktionen alter sozialer Strukturen zu übernehmen: eine Gemeinschaft zu schaffen, ein Sozialsystem aufzubauen und eben Menschen zu ermöglichen, etwas auf die Beine zu stellen. Und wenn wir uns auch gerade in einer großen politischen Krise befinden, steht dieser ein unglaublicher Schaffensdrang, diese kompulsive, ja schon exzessive Kreativität von immer mehr Festivals gegenüber: ich höre heute von den unglaublichsten Festivals, die sich immer mehr verbreiten.
 

Was sind die Erwartungen von MainOFF an das „Land der Festivals“?
 
Unser nächstes Thema „Audience development“ ist für uns wichtig: wir können da sicher eine Menge lernen. Insofern habe ich da ganz große Erwartungen. Wir wollen und brauchen mehr Publikum, auch wenn unser Programm speziell und vielleicht für ein breites Publikum auch nicht tauglich ist. Dennoch möchten wir wachsen, ohne unsere Natürlichkeit, unseren Enthusiasmus zu verlieren. Schließlich möchten wir auch unsere finanzielle Autonomie verbessern: auch wenn wir 2017 und 2018 bereits erhebliche öffentliche Zuschüsse erhalten, ist größere finanzielle Sicherheit ein wichtiges Ziel für uns.