Manifesta 12 Der Garten der Erde in Palermo

Manifesta 12 Palermo, Teatro Garibaldi
Manifesta 12 Palermo, Teatro Garibaldi | © Manifesta 12, 2017 / Foto: CAVE Studio

Vom 16. Juni bis zum 4. November 2018 findet in Palermo die Manifesta 12 statt. Seit Anfang der Neunziger Jahre tourt die Biennale durch Europa und machte zuletzt 2016 in Zürich Station. Leiterin Hedwig Fijen wird mit ihrem Team Palermo vom Teatro Garibaldi im Altstadtviertel La Kalsa aus bespielen.

Frau Fijen, Ihr erster Eindruck von Palermo?
 
Das war vor sechs Jahren und ich war, ja, schockiert, dass die Altstadt regelrecht ausgelöscht war. Über 70 Jahre nach den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs war der Großteil der Gebäude noch nicht wiederaufgebaut und das Stadtzentrum funktionierte nicht mehr. Umso mehr hat mich dann auch gereizt, dass Bürgermeister Leoluca Orlando Palermo eher mit Beirut und Bagdad als mit Berlin oder London vergleicht.

Hedwig Fijen Hedwig Fijen | Foto (Ausschnitt): Manifesta Palermo ist eine komplizierte Stadt, hinsichtlich der Geschichte, natürlich auch in Bezug auf die Mafia, die Arbeitslosigkeit, die schwierige Entwicklung wie in ganz Süditalien. Aber wenn man das in die Perspektive Europas setzt, wird es interessant, herauszufinden, ob Palermo vielleicht ein pars pro toto ist, ein Beispiel für die Migration, das grenzenlose Europa und auch die Frage, wo dieses Europa seine Grenzen hat. Und wir haben überlegt, die Stadt genauer zu untersuchen: wie sie geographisch ausgerichtet ist, wie die Mobilität organisiert ist, einfach wie die Stadt funktioniert. Und es ist das richtige Zeichen, dass wir in erster Linie die Altstadt, das centro storico, das alte Zentrum und das Viertel „La Kalsa“ mit unserem Thema „The Planetary Garden“ bespielen.
 
Kann die Ortswahl des centro storico, der von den Touristen ohnehin überlaufenen Altstadt, nicht auch zur Falle werden?
 
Ja, es klingt nach Klischee, aber für die Menschen aus dem Ausland und die Italiener, aber auch die Menschen aus Palermo gibt es so viele außerordentliche Plätze hier: der Botanische Garten ist einer der schönsten und bedeutendsten der Welt. Er ist ein Symbol für die Stadt: alle Pflanzen, die so typisch für Sizilien sind, kommen ursprünglich von woanders her, selbst die Zitronen! Und diese Migrationen, diese Vermischungen und Kontaminationen von Arten, Pflanzen und Menschen sind eben ein Teil unserer Existenz. Mein Ziel ist, dass alle Besucher – aus der Stadt wie von außen – Palermo als Mikrokosmos verdichteter Geschichte anschauen: das alles hier war vor über 2000 Jahren vielleicht schon so vernetzt, wie es unsere heutige Weltgesellschaft ist. Und insofern ist es sehr interessant zurückzuschauen, um zu verstehen, was die Zukunft bringen kann.
 
Ist der mit der „nomadischen Biennale“ verbundene Ortswechsel ein Vorteil, immer wieder mit neuen Orten verhandeln zu müssen?
 

  • Botanischer Garten – Manifesta 12 Palermo Atlas Foto: Delfino Sisto Legnani, 2017, courtesy OMA
    Botanischer Garten – Manifesta 12 Palermo Atlas
  • Piazza Magione – Manifesta 12 Palermo © Manifesta 12, 2017 | Foto: CAVE Studio
    Piazza Magione – Manifesta 12 Palermo
  • Teatro Garibaldi – Manifesta 12 Palermo © Manifesta 12, 2017 | Foto: CAVE Studio
    Teatro Garibaldi – Manifesta 12 Palermo
Die Anknüpfungspunkte in einer Stadt sind notwendig, auch für die Künstler. Wir fangen sechs Jahre vor einer Manifesta an zu arbeiten. Und: es ist nicht einfach, in dieser Stadt zu arbeiten, mit einem Budget von sechs Millionen Euro. Aber wir haben große Unterstützung hier in Italien und auch international gefunden. Wir haben sehr viele Workshops durchgeführt, eine Bücherei für Kinder des Viertels eingerichtet – so kommen wir auch an die Eltern. Und unsere Abteilung „Education“, im Übrigen unsere größte, hat mit den Lehrerinnen und Lehrern der Schulen gearbeitet. Ein Hip Hop-Sänger hier aus dem Viertel arbeitet mit uns zusammen. Und wer nicht zu uns kommt, zu dem kommt der Manifesta-Bus. Gilles Clément baut im Problemviertel ZEN mit den Bewohnern zusammen einen Garten – eine gute Mischung auch mit bleibenden Projekten!
 
Ist es schwieriger die Ausländer oder die Menschen in Palermo zur Manifesta zu bringen?
 
Ich denke, viele Besucher aus dem Ausland finden Sizilien aufregend: diese ganze Mischung, die spanische Vergangenheit – eigentlich waren ja alle hier. Auch die Deutschen haben eine besondere Beziehung zu Sizilien: Goethe und Wagner waren da. Schwieriger ist es mit den Menschen gerade hier in unserer Nachbarschaft: wir werden 260 kostenlose Führungen mit den Schulen machen. Hoffentlich werden dann auch die Kinder ihren Eltern von der Manifesta erzählen. Im Sommer machen wir am Stadtstrand in Mondello ein Kino auf, in dem Filme gezeigt werden, die in Palermo spielen. Die Manifesta soll so zugänglich, leicht und auch spielerisch sein, dass eben auch die Menschen aus Palermo, Trapani und Catania zu uns kommen. Aber: es bleibt eine Herausforderung!
 
Jetzt immerhin die 12. Ausgabe in Palermo – was haben Sie auf dieser langen Reise entdeckt?
 
Als europäische Bürgerin sehe ich den Reichtum, die Vielfalt und diese Kraft, eines der besten Leben überhaupt führen zu können. Aber wir müssen auch unsere Augen dem gegenüber öffnen, was an Einfluss von außen kommt: Afrika, China, Russland... Es ist wichtig, einen realen, physischen Kontakt aufzubauen, um andere Gesellschaften und Zivilisationen zu verstehen, so wie das auch die Idee des Goethe-Instituts oder des British Councils seit Jahrzehnten ist: nicht nur die eigene Kultur zu verbreiten, sondern kulturelle Einflüsse auch aufzunehmen und einen Dialog zu beginnen. Ja, ich glaube, das ist die wesentliche Erfahrung. Und ich glaube immer noch idealistisch daran, dass, wenn man Menschen zusammenbringt, man Dinge zumindest im Kleinen verändern kann. Und so hoffe ich auch, dass wir hier in Palermo doch einen Denkanstoß geben können.
 

Hedwig Fijen

ist Kunsthistorikerin und seit 1993 Gründerin und Leiterin der „nomadischen Biennale“ Manifesta, die als viertbedeutendste Kunstbiennale weltweit gilt. Neben der Manifesta 12 arbeitet Fijen auch an der Vorbereitung der Manifesta 13 in Marseille 2020.