50 Jahre 1968 Nicht eingelöste Forderungen – Interview mit Alice Schwarzer

Alice Schwarzer
Alice Schwarzer | Foto: Michael Lucan | Lizenz CC-BY-SA 3.0

Alice Schwarzer, Stimme der Frauenbewegung in Deutschland und Chefredakteurin der Zeitschrift „Emma”, spricht über ihr ganz persönliches ’68 und die Herausforderungen der Frauen heute – vom Kampf gegen den Schleier bis hin zu #metoo. Am Donnerstag, 17. Mai 2018, diskutiert sie auf dem Grünen Sofa des Goethe-Instituts Rom mit der Schriftstellerin, Aktivistin und Freundin Dacia Maraini.

Die Töchter der 68er, die heute 50 Jahre alt sind, haben Ihnen viel zu verdanken. Was vor allem?

Alles, was wir getan haben, haben wir ja immer auch für uns selber getan. Also haben unsere Töchter Feministinnen wie mir und Dacia Maraini zu verdanken, dass sie endlich rechtlich gleichgestellt sind, sogar in der Ehe, und ihnen die Welt offen steht. Theoretisch zumindest. Und dass sie trotzdem wissen, dass es noch viele reale Hürden gibt – äußere wie innere. Und unsere Söhne haben uns zu verdanken, dass sie keine Machos mehr sein müssen, sondern Menschen sein dürfen. Doch wir sind noch lange nicht am Ziel. Ein Patriarchat von mindestens 5.000 Jahren schafft man ja nicht in 50 Jahren ab.
 
Das letzte Cover der Zeitschrift „Emma” ist den iranischen Frauen und ihrem Kampf gegen das Kopftuch gewidmet. Die Kampagne „My stealthy freedeom“ fand weltweit großen Anklang, und zahlreiche Frauen haben Selbstporträts ohne Hidschab in den Social Media gepostet. Haben heute virtuelle Kundgebungen die realen Demonstrationen der 68er Jahre ersetzt? Und haben sie dieselbe Wirkung?

Die Demonstrationen von Feministinnen haben ja nicht 1968 stattgefunden – sondern ab Anfang der 70er Jahre. In Italien ab 1970, in Deutschland etwas später, ab 1971, ausgelöst von dem Protest gegen das Abtreibungsverbot. Es ist schwer zu sagen, welche Auswirkungen die Social Media haben. Es gibt positive Auswirkungen – wie die blitzschnell weltweit verbreitete MeToo-Kampagne – und negative: wie die globale Verbreitung des enthemmten, allgegenwärtigen Frauenhasses, in Form von Pornographie und Hassreden.
 
Als Sie nach den sexuellen Massenübergriffen der Kölner Silvesternacht Kritik am islamischen Fanatismus übten, wurden Sie hart angegriffen und des Rassismus bezichtigt. 2001 wurde eine andere Frauenrechtlerin und Journalistin, die Italienerin Oriana Fallaci, wegen eines Artikels zum Anschlag auf die Twin Towers ebenso scharf kritisiert und des Rassismus bezichtigt. Welche Erinnerungen oder Verbindungen haben Sie mit Oriana Fallaci?

Oriana Fallaci habe ich nie kennengelernt. Aber in der Tat: Ich erinnere mich an die Angriffe gegen sie. Inzwischen ist ja offensichtlich, dass der politisierte Islam, also der Islamismus, weltweit bestens vernetzt und organisiert ist – und jegliche Kritik am Scharia-Islam zu diffamieren und ersticken sucht mit der systematischen Unterstellung, es handle sich um „Islamophobie“ und „Rassismus“. Im Licht dieser Erkenntnis müsste man sich die Kritik an Fallaci nochmal ansehen.

In der Tat geht es auch mir seit langem genauso. Auch ich werde vor allem von Linken als Rassistin diffamiert. Seit 1979, als ich im Khomeini-Iran war und die Gefahr erkannt und benannt habe. Seither hat Emma kontinuierlich über die weltweite Offensive der Gotteskrieger informiert, und ich habe drei Bücher dazu veröffentlicht, von Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz, 2002, bis, 13 Jahre später Der Schock. Eine Analyse der Silvesternacht 2015 in Köln, in der über 2.000 junge Männer – überwiegend Marokkaner, Algerier und Araber, meist Illegale – randaliert und Frauen sexuelle Gewalt angetan haben. 674 Frauen haben damals Anzeige erstattet! Als ich über diese Fakten geschrieben und sie analysiert habe, war das Geschrei groß, vor allem bei Linken und Liberalen. Rassismus! Dabei hatte ich nur die Realität benannt: Nämlich, dass die Täter entwurzelte, brutalisierte junge Männer waren, mit einem patriarchalen Erbe aus ihren Heimatländern im Gepäck und zusätzlich verhetzt von Islamisten in europäischen Moscheen. Das soll Rassismus sein? Es ist das Gegenteil! Man muss diese Männer ernst nehmen. Denn wer die Probleme nicht benennt, kann sie auch nicht verändern – und tut damit nicht nur den Opfern unrecht, sondern auch den Tätern.
 
In ihrem letzten Buch „Meine algerische Familie” erzählen Sie von Ihrer nunmehr 25-jährigen Freundschaft mit einer algerischen Familie. Wollen Sie uns von den guten Seiten des Islam berichten?

Ich will mit dieser Reportage einfach klar machen, dass die ersten Opfer dieser fanatischen Islamisten die Muslime selbst sind! In Algerien sind in den 90er Jahren über 200.000 Menschen Opfer des von den Islamisten angezettelten Bürgerkrieges geworden. Das Land ist bis heute traumatisiert. „Es war wie Syrien. Nur haben alle weggeguckt“, sagen die Algerier. Mit „meiner“ Familie bin ich seit 25 Jahren befreundet. Der Grund: Ich habe damals meine Kollegin Djamila nach Köln geholt. Sie war in akuter Lebensgefahr. Denn die selbsternannten „Gotteskrieger“ haben als erstes die Journalisten umgebracht, 148 genau, jeden vierten. Die meisten haben die Jahre im Ausland überlebt. Heute ist Algerien eine Art autokratische Demokratie und gefährdet. Nicht, ein Gottesstaat zu werden, aber ins Chaos zu kippen. Das wäre ein Drama auch für Europa – und für Italien an erster Stelle. Denn Algerien ist ja der Nachbar von gegenüber. Es ist das Schlüsselland des Maghreb. Wenn Algerien kippt, kippt ganz Nordafrika. Dann gnade Europa Gott. Reichen wir also Algerien die Hand und unterstützen wir dort nicht die Islamisten, sondern die freiheitsliebenden, demokratischen Kräfte!
 
Was verbindet Sie mit Dacia Maraini?

Das erste Mal haben wir uns flüchtig kennengelernt, 1973 in Rom, zusammen mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Beim zweiten Mal sind wir uns 1979 in Belgrad begegnet. Da hatten sozialistische Wissenschaftlerinnen westeuropäische Feministinnen eingeladen. Und ich sehe noch wie heute, wie Dacia, die etwas später kam, zusammen mit Freundinnen den Konferenzsaal betrat: strahlend und in wehenden, bunten Kleidern. Wie ja überhaupt die Italienerinnen bei internationalen Treffen legendär waren: Sie fielen auf durch ihre spontane Radikalität, ihre übermütige Weiblichkeit und Lebensfreude. Wo ist das eigentlich geblieben?

Seither haben Dacia und ich Kontakt gehalten. Denn wir sind als universalistische Feministinnen Schwestern im Geiste. Zuletzt habe ich Dacia in Köln für Emma interviewt. Und ich freue mich sehr, jetzt in Rom mit ihr über die brennenden aktuellen Fragen diskutieren zu können, die uns beide bewegen: die Rolle der sexuellen Gewalt, die Radikalisierung des Islam, unsere Niederlagen und Siege. Und vor allem: Wie kann es weitergehen in Zeiten von Trump und Erdogan und der Erstarkung der Rechten nicht nur in Italien.