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Karlheinz Stockhausen
Der Pionier der elektronischen Musik in einer Graphic Novel

Karlheinz Stockhausen in der Graphic Novel von Thomas von Steinaecker
Illustration von David von Bassewitz

Von Sarah Wollberg

1932, ein vierjähriger Junge sieht dabei zu, wie seine Mutter in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird. Fast zehn Jahre später wird sie als psychisch Kranke im Rahmen der Euthanasie-Aktion T4 von den Nazis vergast. Der Vater des Jungen ist bekennendes NSDAP-Mitglied, der seinen Sohn in die nationalsozialistische Lehrerbildungsanstalt steckt. Kurz vor Kriegsende muss der Sechzehnjährige im Frontlazarett Opfer von Phosphorbomben pflegen. Er desertiert. Sein Vater fällt noch 1945 an der Front. Der Krieg ist zu Ende. Karlheinz Stockhausen ist Vollwaise. Sein Blick richtet sich von nun an nur noch nach vorne und vor allem auf eins: die Musik. Die Graphic Novel „Der Mann, der vom Sirius kam“ erzählt die Geschichte des bedeutendsten deutschen Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir trafen den Schriftsteller Thomas von Steinaecker in der Villa Massimo in Rom. 

Der Eintritt in eine neue Welt

1989, im noch getrennten Deutschland. Thomas von Steinaecker ist zwölf Jahre alt. Zuhause, in einem bayerischen Dorf nahe der tschechisch-slowakischen Grenze, kommt er zum ersten Mal mit der Musik von Karlheinz Stockhausen in Berührung. Sein Vater bringt eine Schallplatte des „Gesang der Jünglinge“ mit. Ein einschlagendes Klangerlebnis, das der Schriftsteller bis heute nicht vergessen hat. Der Eintritt in eine neue Welt, die anders war als alles, was er bisher gekannt hatte. Im Winter desselben Jahres, kurz nach dem Mauerfall, spricht der junge Teenager den Komponisten auf einem Konzert in Wien persönlich an. Es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. „Die Voraussetzung für unsere Begegnung ist, dass mich seine Musik intellektuell fasziniert, aber vor allem auch berührt. Es gibt viele Stücke, die mich tief berühren.“ Es ist das erste Mal, dass Thomas von Steinaecker autobiographisch arbeitet. „Mir ist schon lange klar, dass ich eine Stockhausen-Geschichte erzählen möchte und das geht nicht objektiv, ich bin zu nah dran und kann mich nicht rausnehmen.“

Die Möglichkeiten einer Graphic Novel

Thomas von Steinaeckers Geschichte über Karlheinz Stockhausen wird kein Film, Roman oder Sachbuch. Ein Roman wäre zu fiktiv, ein Sachbuch zu direkt. Nur die Graphic Novel kann seine persönliche Geschichte und die von Stockhausen in das richtige Gleichgewicht bringen. Sie bietet die Möglichkeit, vielschichtige Gedanken auszuarbeiten. Selbst so ein großes Leben mit so vielen verschiedenen Epochen, wie Stockhausen sie durchlebt hat, kann man darstellen. „Mit ein paar Strichen zeichnet man ein Szenarium mit fantastischen Bauten. Es braucht keine Requisiten, sondern höchstens ein paar historische Fotos, aus denen man zeichnerisch ganz viel entwickeln kann.“ Thomas von Steinaecker schreibt das Drehbuch für die Geschichte, David von Bassewitz macht die darauf basierenden Zeichnungen. Er ist, laut Thomas von Steinaecker, einer der wenigen Zeichner, der sich in die sehr speziellen Musiktechniken Stockhausens einhören und diese in einem realistischen Stil illustrieren kann.
 
  • Namhafte Musiker weltweit über Stockhausen | Illustration von David von Bassewitz Illustration von David von Bassewitz
    Namhafte Musiker weltweit über Stockhausen | Illustration von David von Bassewitz
  • Ennio Morricone über seine Leidenschaft für Stockhausen | Illustration von David von Bassewitz Illustration von David von Bassewitz
    Ennio Morricone über seine Leidenschaft für Stockhausen | Illustration von David von Bassewitz
  • Miles Davis über Stockhausen | Illustration von David von Bassewitz Illustration von David von Bassewitz
    Miles Davis über Stockhausen | Illustration von David von Bassewitz

Die visuelle Darstellung eines Klangs

Doch wie kann man Stockhausens so besondere Musik visuell darstellen? Wie zeichnet man diesen Klang, von dem die Menschen einerseits so erschrocken, andererseits so fasziniert sind? „Die größte künstlerische Herausforderung ist es, eine visuelle Idee davon zu haben, die den Leser als Leitmotiv durch die ganze Geschichte trägt. Wir haben uns für Wellenlinien entschieden, die sehr abstrakt wirken, aber auch schnell die unterschiedlichsten Gestalten annehmen können: von Gegenständen bis hin zu Ideen.“ Und so wird die Graphic Novel tatsächlich zu dem Medium, das an fast alles ganz nah herankommt.
 

Die Musik der Zukunft

Stockhausen hatte große Schwierigkeiten über seine Kindheit zu sprechen, aber es ist ihm gelungen, sie in der Oper „Donnerstag aus Licht“ zu verarbeiten, die 1981 in Mailand uraufgeführt wurde. Im Mittelpunkt der Oper steht Stockhausen selbst in der Figur des Michael. Dieser hat einen strengen Vater und eine fürsorgliche Mutter, die ihm das Klavier spielen beibringt. Aufgrund ihrer Wahnsinnsanfälle wird sie, anders als in der Wirklichkeit, durch eine Giftspritze hingerichtet. Michael wird im weiteren Verlauf der Oper zu einer Art Messias-Gestalt. Im letzten Akt befindet er sich im Himmel, wo sich alles, was auf der Erde geschieht, in ein großes kosmisches Spiel verwandelt. Karlheinz Stockhausen entwirft Zeit seines Lebens musikalische Utopien. Seine Klänge sind seiner Zeit weit voraus und beeinflussen weltweit namhafte Musiker. Seine Musik ist zukunftsgerichtet, denn die Vergangenheit muss er hinter sich lassen. Seine Einzigartigkeit als visionärer Komponist und seine Menschlichkeit in der Begegnung mit Thomas von Steinaecker finden nun zusammen mit den Zeichnungen von David von Bassewitz ihren Weg auf das Papier. Eine Graphic Novel als vielschichtiger Zugang zur deutschen Geschichte und zu Stockhausens musikalischem Genie.

Noch muss der Leser sich aber ein bisschen gedulden. Schriftsteller und Zeichner kämpfen derweil mit den beiden vielleicht größten Herausforderungen ihrer Epoche: Zeit und Geld. „Der Mann, der vom Sirius kam“ erscheint, wenn alles gut geht, beim Carlsen Verlag im Jahr 2021.
 

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