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Lyrik
Grand Tour. Europa im Gedicht

Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas
Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas | Collage | Buchcover © Hanser Verlag / Foto: © Goethe-Institut Italien – Foto: Giovanni Giusti

„Grand Tour. Eine Reise durch die junge Lyrik Europas“ ist eine Anthologie europäischer Dichter, die in Deutschland bei Hanser erschienen ist. In Italien wurde das Werk bisher noch nicht verlegt. Herausgeber der Anthologie sind Federico Italiano und Jan Wagner. Die beiden Dichter und Übersetzer sowie in Deutschland wie Österreich höchst umtriebigen Wissenschaftler haben ihr Werk in Rom in der Casa del Goethe in Via del Corso präsentiert.
 

Von Giovanni Giusti

Wir haben die Gelegenheit genutzt und Federico Italiano und die Dichterin sowie Schriftstellerin Laura Pugno unmittelbar davor zum Gespräch getroffen.

Grand Tour: eine schöne und verrückte Idee

Federico Italiano und Jan Wagner haben die Idee zu dieser Anthologie als „schön und verrückt“ bezeichnet. Jetzt, nach Abschluss des Projekts, 700 Gedichte, 400 Dichter und 60 Übersetzer später, fragen wir Italiano, ob sich die Idee letztlich als überwiegend schön oder überwiegend verrückt herausgestellt hat.

„Beides“, meint er und lächelt. „Die Idee ist vor einigen Jahren nach einer Lesung im Gespräch mit Jan entstanden. Wir zählten gemeinsam Dichterinnen und Dichtern unserer Generation auf, also sagen wir mal solche, die nach 1968 geboren wurden und nach 1989 begonnen haben zu schreiben. Dichterinnen und Dichter, die wir kennen, die wir lesen, die wir lieben und die wir zum Teil auch übersetzen. In wenigen Minuten hatten wir 20–30 Namen gesammelt und meinten daraufhin im Scherz: Da haben wir ja bereits eine Anthologie beisammen. Dann haben wir über das Konzept Europa gesprochen und uns gedacht, dass es noch keine Anthologie dieser Art gibt. Dass wir dieses Projekt dann auch tatsächlich in die Realität umgesetzt haben, ist der aktiven, auch finanziellen Unterstützung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zu verdanken, die den Band in ihre Reihe aufgenommen hat. 2015 haben wir mit den Recherchen begonnen, wir haben tausende Dichter gelesen.“

Die Grand Tour ist eine Bildungsreise, die unseren Horizont erweitert. Reißt die daraus resultierende Aufgeschlossenheit auch Grenzen ein?

„In einem gewissen Sinn ja, das war unser Ziel. Vor allem wollten wir keinen Atlas der europäischen Lyrik erstellen, weil wir der Ansicht sind, dass Atlanten und Landkarten, so faszinierend sie auch sind, gleichzeitig immer auch Instrumente der Macht repräsentieren, die einen Ort – zulasten anderer – in den Mittelpunkt stellen. Außerdem wollten wir keine Auflistung in alphabetischer Reihenfolge, die vielleicht vollkommen unbefangen wirken kann, gleichzeitig aber klarstellt, welches Alphabet im Mittelpunkt steht. Und wir haben in Europa nicht nur das lateinische Alphabet. Allerdings hatten wir das mathematische Glück, dass wir Dichterinnen und Dichter aus 49 Ländern gesammelt hatten, die sich schön in 7 „Reisen“ zusammenfassen lassen. Dadurch konnten wir Länder durchqueren, die nicht aneinander angrenzen, über Grenzen hinwegklettern und unter ihnen durch schlüpfen und so für die Leser eine imaginäre Reiseroute zusammenzustellen, die Lust macht, sich eine eigene auszudenken.

Die europäische Lyrik lebt und sie ist bei bester Gesundheit

Die ebenfalls in der Anthologie vertretene Lyrikerin Laura Pugno ist außerdem Direktorin des Italienischen Kulturinstituts in Madrid. Von ihr wollen wir wissen, ob das Europa der Dichterinnen und Dichter existiert oder nur eine Utopie ist, wie die politische Union.

„Die Europäische Union“, betont Pugno, „basiert auf der Überzeugung, dass alle europäischen Länder– in ihrer Vielfalt und Vielsprachigkeit – etwas gemeinsam haben. Es handelt sich also in gewisser Hinsicht um ein besonderes Unionskonzept. Uns verbindet kein gemeinsamer Melting Pot, sondern vielmehr eine zweite Identität, die sich über die erste legt und die erst dann deutlich ins Auge springt, wenn wir Europa verlassen. Die Auseinandersetzung mit Texten in anderen Sprachen ist etwas, das mich schon immer begleitet hat, in der Lyrik, beim Schreiben, in meiner Ausbildung, im Leben, im Beruf und damit auch in meinen künstlerischen Studien. Gleichzeitig ist es schön, festzustellen, dass unter Dichtern ein starkes Gemeinschaftsgefühl herrscht. In dieser Hinsicht ist die Union, die Verbindung zwischen den Europäern deutlich spürbar. Dichter zu sein, verleiht dir eine Identität.“

„Dem möchte ich noch eines hinzufügen“, meint Italiano zum Abschluss. „Das Konzept Europa ist in sich widersprüchlich und unpräzise, aber gleichzeitig großartig. Es ist eine Art Utopie, die wir alle anstreben und die maximal inklusiv zu verstehen ist, über die geografische Ebene hinaus. Die europäische Lyrik existiert – auf einer eigenen, nicht kartografierbaren Ebene, aber sie existiert. Sie lebt und erfreut sich bester Gesundheit.

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