Sind Maker die neuen Designer? Zwischen industrieller Fertigung und Handarbeit

Wire bird Ralph Borlan
© Marc Nicolson for British Council

Design kommt aus dem Laden und Produkte aus der Fabrik? Das war einmal. Neue Produktionsmöglichkeiten erlauben Gestaltern Kleinserien und Unikate zu fertigen und direkt mit den Nutzern über ihre individuellen Ansprüche zu kommunizieren. 

Im Berliner FabLab (Fabrication Laboratory) ist jeden Freitagabend Tag der offenen Tür. Es herrscht lebendiger Betrieb, über 3-D-Drucker und Fräsen werden Köpfe zusammengesteckt. In der offenen Produktionshalle der ehemaligen Bötzow-Brauerei treffen sich Debütanten im Bereich der digitalen Fertigung zum Rundgang. Der potente Maschinenpark passt in wenige Regale und mit ein paar Grundkenntnissen darf hier jeder auf den Startknopf drücken. Aus der ganzen Stadt tragen Besucher und Mitglieder Projekte in digitalen Datensätzen her – und als fertiges Produkt heim.

Farbpalette, metaform © studio 7.5. Im FabLab produzieren professionelle Designer ihre Prototypen, Studenten realisieren ihre Diplome, daneben arbeiten Bastler, Ingenieure und Programmierer. Zwischen den Druckern, Cuttern und Fräsen verlaufen keine Professionsgrenzen. Eines der letzten großen Projekte, das hier produziert und präsentiert wurde, waren die Metaformtools vom Studio 7.5. Für die in Serie hergestellte Bürotrennwand Metaform von Hermann Miller haben sie eine fast endlose Kollektion kleiner Tools, Accessoires und Helfer entwickelt, die in die Paneele eingehängt und -geklemmt werden können. Angeboten wird die Kollektion marktreifer Produkte nur als digitaler Datensatz, die Konsumenten können bei der Produktion zuschauen, Größen skalieren und Farben bestimmen.

Making masks at the World Design Capital event Cape Town Foto: Adriaan Louw for British Council

Plattform für die Maker-Kultur

Der Designtendenz Maker-Kultur und ihrer globalen Vernetzung widmete sich bis Oktober 2015 auch die Ausstellung „The Maker Library Network“ im Vitra Design Museum. Die bereits existierenden zwölf Maker-Libraries an Standorten wie London oder Kapstadt erweitern das Konzept des FabLabs um eine Galerie und eine Bibliothek sowie um eine gemeinsame Online-Plattform. Die Ausstellung beleuchtet die Veränderungen von Designprozessen und Herstellungsmethoden und zeigt mit ihren Exponaten, wie einem Robotervogel aus Mobiltelefonen oder einer Hydrokulturanlage in Baukastenweise, dass das Design im Bereich der Maker-Kultur keine Angst vor technischen Experimenten und zukunftsorientierten Gedankenspielen hat.

The Mobile Maker Library, Cape Town © Keziah Suskin for British Council Connect ZA

Erben der Bastler und Hacker

Die Maker, die man vor einigen Jahren noch Nerds genannt hätte, sind die Erben der Bastler, Löter, Schrauber und Hacker. Sie teilen deren Interesse für Technik und Programme und haben ihr Innovationslabor wenn nicht im eigenen Keller, dann mit Einrichtungen wie dem FabLab um die Ecke. Und sie bedienen sich weiterer zeitgenössischer Instrumente, wie dem Internet als Vertriebspartner und Ideenverteiler. Die Berliner Designer von 7.5 haben ihre eigene Webseite mit direktem Daten-Download ins Leben gerufen. Andere Gestalter platzieren sich auf Crowdfunding-Plattformen. Hier bekommen sie die Möglichkeit sich direkt von ihren späteren Kunden das Kapital für die Produktion zu organisieren, noch bevor überhaupt eine einzige Maschine angelaufen ist. Dabei können sie Produktionsweise und Preis der Auflage anpassen. Die Kehrseite ist vielleicht, dass dies viele unterschiedliche Kompetenzen erfordert.

3-D-drucken metaform © studio 7.5 Während Designer früher mit einer einfachen Zeichnung oder einem Modell zu den Herstellern gingen, müssen sie jetzt die volle Bandbreite der Vermarktungswerkzeuge selbst bereitstellen. Prototypen, Pressetexte, Logo, Videos – alles kommt aus der Hand des Urhebers.

Zwischen Handgemachtem und Produktdesign

Dem nahezu barrierefrei zugänglichen Fertigungsverfahren der Maker-Kultur auf der einen Seite steht auf der anderen eine weitere zeitgenössische Designentwicklung entgegen: das wieder erwachte Interesse für Handgemachtes und Einzelstücke. Zwei Bereiche, die sich nur scheinbar widersprechen. Kunsthandwerk war lange aus dem Bereich des Designs ausgeschlossen und die Formgestaltung strikt an die Industrie gekoppelt. Produktdesign zeichnete sich durch hochglänzende Oberflächen und fugenlosen Perfektionismus aus und adressierte konsequent die Massenproduktion, während Handgemachtes und Unikate irgendwo zwischen Kunst und Handarbeit wahrgenommen wurden. Unmerklich hat sich das in den letzten Jahren verschoben. Der Nutzer sucht wieder nach Dingen mit Charakter und Geschichte. Portale, wie das designaffine Selekkt oder das amerikanische Etsy, gaben erst der Bastelei eine Plattform. Heute ist Design ganz selbstverständlich Teil der DIY-Kultur geworden und auch renommierte Designer nutzen Plattformen als Vertriebskanäle. Auf ihnen bieten sie gezielt für die On Demand-Produktion entworfene Dinge an. Angefertigt werden sie von einem Lasercutter, zusammengeschraubt vielleicht von Hand.

Erweitertes Designverständnis

Blaue Erweiterungen, metaform © studio 7.5. Demokratisieren FabLabs also den Herstellungsprozess? Sind ihre Protagonisten die neuen Designer? Ja und nein. Nicht jeder, der etwas produziert, ist automatisch ein Designer. Nicht jeder, der etwas gestaltet, möchte oder kann es aus einem 3-D-Drucker fallen lassen oder aus computergesteuert gefrästen Teilen zusammenschrauben. Die neuen Verfahren bieten aber die Möglichkeit schnell, unabhängig und mit geringem Budget eine Idee zu realisieren und selbst zum Produzenten mit Direktvertrieb zu werden. Das wird das klassische Designverständnis nicht völlig verschieben, aber um entscheidende Bereiche erweitern.