Design aus Berlin Wie Hochschulen junge Designer fördern

Work in progress al crafting plastics! studio
Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016 © Archiv crafting plastics! studio, 2016

Mit Ideen, Materialien und Technologien experimentieren, neue Produkte schaffen, Trend setzen: Rund 1.500 Ateliers für Produkt-, Möbel- oder Industriedesign arbeiten nach Angaben der Senatsverwaltung für Wirtschaft in Berlin.

An kreativem Nachwuchs mangelt es nicht in der Stadt, die zum „Creative Cities Netzwerk“ der UNESCO gehört. Die Branche ist durch einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Solo-Selbstständigen gekennzeichnet. Deshalb sind Initiativen an den Hochschulen, die junge Produktdesignerinnen und -designer fit für die Existenzgründung machen, besonders wichtig. Wie das geht, zeigen Beispiele aus der weißensee kunsthochschule berlin und der Universität der Künste Berlin.
Die weißensee kunsthochschule startete 2016 die Initiative DesignFarmBerlin, die vom Europäischen Sozialfonds gefördert wird. „Wir möchten zeigen, dass Gründungen, die vom Design getrieben werden, nutzerorientierter und mindestens ebenso erfolgreich sind wie Geschäftsideen, die an Flip Charts entstehen“, sagt Koordinatorin Anastasia Zagorni. DesignFarm bietet Stipendien und ein Netzwerk, das „das einzigartige Berliner Ökosystem von Kreativität, Hochtechnologie, Forschung und Wissenschaft als Nährboden nutzt“.

DesignFarmBerlin: Das Ziel ist die Marktreife

Zu den Stipendiaten gehört der Produktdesigner Maximilian Mahal, derzeit im letzten Mastersemester des Studiengangs Interactive Design. Zusammen mit zwei Kommilitonen hat er „Shortcut“ entwickelt, ein Armband, mit dem Handamputierte Computer bedienen können. „Shortcut“ setzt Muskelimpulse ohne Umweg über eine Prothese direkt in Steuerbefehle für eine (virtuelle) Maus um. Das System macht neben einfachen Klicks auch das Scrollen und Zoomen von Seiten sowie das Schließen von Fenstern möglich. „Es gibt keine Handprothese, die die Funktionen der Hand annähernd ersetzen könnte. Deshalb ist unser Ansatz ein ganz anderer“, sagt Maximilian Mahal. Statt Prothesen weiter zu perfektionieren, nutzen die Designer die Muskelimpulse, die im Unterarm entstehen - auch dann noch, wenn die so angesteuerte Hand gar nicht mehr vorhanden ist. Mit dem DesignFarm-Stipendium können die Produktdesigner einen Hard- und Softwareentwickler bezahlen, der den Prototypen weiterentwickelt - ein Schritt weiter zur Marktreife. Doch es geht nicht nur um Geld. „Auch die ideelle Unterstützung ist sehr wichtig“, betont Maximilian Mahal. Mit den Profis von DesignFarm spielt das Team mögliche Markteintrittsstrategien durch, bereitet sich auf Verhandlungssituationen vor und arbeitet an einem Antrag für das EXIST-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Ausgangspunkt für die Erfindung von „Shortcut“ war ein Semesterprojekt, das die Hochschule in Kooperation mit einem Medizintechnik-Unternehmen und dem „Fab Lab Berlin“ anbot, einer Entwicklungswerkstatt, die allen Interessierten Zugang zu Hightech-Werkzeugen ermöglicht. „Das Thema war ganz offen. Es ging nicht darum, neue Lösungen für die Produktpalette eines Unternehmens zu entwickeln“, sagt Maximilian Mahal - eine wichtige Voraussetzung für experimentelles Arbeiten.

 
  • crafting plastics! studio © Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016. Foto: Peter Simoník
  • Sonnenbrillen © Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016. Foto: Peter Simoník
  • Model mit Bio-Sonnenbrille © Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016. Foto: Evelyn Bencicova
  • Model mit Bio-Sonnenbrille © Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016. Foto: Evelyn Bencicova
  • Model mit Bio-Sonnenbrille © Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016. Foto: Evelyn Bencicova
  • Prototyp einer Handprothese Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016 © Archiv crafting plastics! studio, 2016Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016 © Archiv crafting plastics! studio, 2016
  • Shortcut Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016 © Archiv crafting plastics! studio, 2016
  • Shortcut Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016 © Archiv crafting plastics! studio, 2016
  • Work in progress bei crafting plastics! studio Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016 © Archiv crafting plastics! studio, 2016
  • Work in progress bei crafting plastics! studio Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016 © Archiv crafting plastics! studio, 2016
  • Work in progress bei crafting plastics! studio Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016 © Archiv crafting plastics! studio, 2016
  • Work in progress bei crafting plastics! studio Vlasta Kubušová | crafting plastics! studio, 2016 © Archiv crafting plastics! studio, 2016

Nicht nur mit der Initiative DesignFarm, sondern auch mit dem Startup-Zentrum „seeup“ will die weißensee kunsthochschule den Übergang von der Hochschule in die berufliche Praxis erleichtern. Das Zentrum in einer ehemaligen Seifenfabrik ist derzeit im Aufbau. Günstige Arbeitsplätze, gegenseitiger Austausch und die inhaltliche Begleitung durch Mentoren sollen junge Designer und ihre Produktideen voranbringen. 

Berliner Startup-Stipendium: Sonnenbrillen aus Pflanzen

Die Universität der Künste Berlin (UdK) fördert Gründerteams mit dem Berliner Startup-Stipendium, das in Kooperation mit Partnerhochschulen vergeben wird. Bis zu zwölf Monate lang können die Stipendiaten finanziell unabhängig an ihrer Geschäftsidee arbeiten, beraten und begleitet von Mentoren. Gut funktioniert hat das zum Beispiel für die Produktdesignerin Vlasta Kubušová, die mit ihrem Team, „crafting plastics! studio“ gründete. Die erste Kollektion des Studios sind Rahmen für Sonnenbrillen aus einem neuartigen, auf Pflanzenbasis hergestellten Biokunststoff, der haltbar und dennoch zu 100% biologisch und abbaubar ist. Der interdisziplinäre Ansatz von „crafting plastics! studio“ ist charakteristisch für die Berliner Designszene und ihr Innovationspotenzial.
Mit dem Forschungsprojekt „Design Reaktor“ versuchte die Universität der Künste 2007/2008, innovative Kooperationen zwischen kleinen Unternehmen und jungen Produktdesignern aufzubauen. 80 Studentinnen und Studenten sowie 55 Firmen erarbeiteten 250 Prototypen, sechs Patente wurden am Ende angemeldet. Dennoch gelang es nicht, das Projekt wie angestrebt zur Innovationsplattform weiterzuentwickeln. Lernen lässt sich daraus dennoch: Rückschläge und Misserfolge gehören zum Leben und zur Existenzgründung. Man muss Umwege und Abzweigungen ausprobieren, die in Sackgassen führen können. Manchmal aber bringt der vermeintliche Irrweg auch den Durchbruch und genau den richtigen Dreh für ein überzeugendes Produkt.