Design aus Berlin Kreative Schatzkammer

Friederike Delius | Studio Berg
© Friederike Delius | Studio Berg

Die Universität der Künste Berlin ist mit ihren 4.700 Studierenden die größte Kunsthochschule Europas. Das allerdings fällt innerhalb der Disziplinen nicht unbedingt auf. Die einzelnen Fakultäten residieren ohne zentralen Campus an 16 Standorten und liegen teilweise ganze Stadtteile voneinander entfernt. Das potentielle Manko nutzt die UdK indessen zu ihrem Vorteil. Der Fachbereich Produkt- und Modedesign weitete sich in den letzten Jahren durch interdisziplinäre und kooperative Zusammenarbeiten aus.

2001 wurde die Hochschule zur Universität - eine kleine Änderung, die jedoch eine große Aussage über die Wahrnehmung der Schule in der Berliner Universitätslandschaft trifft. Das liegt auch an der Nachbarschaft. Die Hauptgebäude der Universität der Künste und der Technischen Universität stehen eng nebeneinander. Für Axel Kufus, Professor im Fachbereich Produktdesign an der UdK, ist das Dazwischen charakteristisch: „Polyzentrisch passt zu Berlin - eigenständige Milieus, interne Wege und gemeinsame Codes, weit entfernt die Zentrale als rein verwaltende Figur.“ Und genau in diesem Konglomerat liegen die Potentiale für die interdisziplinäre Zusammenarbeit. „Es wächst der dringende Bedarf nach einem konzentrierten Ort der Kooperationen. Ein Ort als Labor für experimentelle Projekte zwischen den Wissenschaften und den Künsten, zwischen UdK Berlin und TU, zwischen Forschung und Lehre, zwischen Campus und Stadt und damit auch zwischen Hochschule, Wirtschaft und Gesellschaft.“

Experimentelles Kreativlabor

Innerhalb der eigenen Wände bietet die UdK zum Auftakt jeden Jahres das Projekt Campus Kollisionen, ein einwöchiges Austauschprogramm zwischen Kunst und Theater, Design und Architektur. Und auch in der Fakultät für Mode- und Produktdesign hat das übergreifende Arbeiten Tradition und wird in Varianten integriert. Schon im ersten Jahr arbeiten die Studierenden, unabhängig vom jeweilig anvisierten Studienabschluss, in einer großen gemeinsamen Klasse. In dieser Phase können sie sich orientieren, ausprobieren und gegebenenfalls gänzlich neu ausrichten. Daneben wird auch mal die professionelle Praxis eingeladen, die nicht zwingend aus dem direkten Arbeitsumfeld kommen muss. Im Hof des Hauses gibt es seit einigen Jahren das Projekt Hofgrün, das in Kooperation mit Landschaftsarchitekten des Büros hochC stattfindet: In Kartons und Kisten werden jede Saison Nutzpflanzen gesät. Essbares, aber auch andere grüne Ressourcen, die später eine zentrale Rolle in Projekten spielen. So lernen etwa die Modestudenten aus Indigo und Kamille Farbstoffe direkt aus der Natur zu gewinnen.
 

Stadt, Land, Wirtschaft

Urban Gardening ist aber nur eines der Themen, die direkt aus dem Alltag Berlins in die Schule importiert werden. Ein weiteres Beispiel für den Dialog zwischen Stadt und Studierenden ist das 2007 von Axel Kufus initiierte Projekt Design Reaktor. 52 kleine und mittelständische Unternehmen - vom Lampenschirm-Hersteller über eine Käserei bis zu einer Kofferfabrik - stellten sich damals den Studierenden als Partner zur Seite. Durch das Verknüpfen der Gewerbe entstanden in einem experimentellen Entwurfsprozess unzählige Ideen, 57 Produkte und sechs Patente. Was andere als Unordnung im eigenen Haus verstehen, ist die kreative Schatzkammer der Universität der Künste. Als gestaltende Institution und künstlerische Ausbildungsstätte ohne fachliches Korsett ist sie heute ein zentrales Element der Berliner Kreativwirtschaft: ein Sammelbecken für Signale und Impulse, das ein unmittelbares Echo erzeugt.
 

Llotllov

Unikatmöbel, Kunstobjekt, Serienprodukt - für das Berliner Studio und Label llotllov verlaufen zwischen diesen Bereichen keine Grenzen. Geführt wird das Designbüro von Ania Bauer, die an der UdK studiert hat, und Jacob Brinck, einem Absolventen der Potsdamer FH. Gemeinsam führen sie das Studio llotllov Artworkshop in Neukölln und den Concept Store Baerck in
Lucille Petit Big | llov llot Lucille Petit Big | llov llot | © llot llov Berlin Mitte. In ihren Entwürfen treffen skandinavische Reduktion, solide Extravaganz und kreativer Forschergeist aufeinander. Zum Portfolio gehört beispielsweise ein Baumwoll-Zaumzeug, mit dem sich alte Spiegel minimalistisch montieren lassen, ein Gummihalter für blanke Birnen, gigantische Blumenampeln oder bestrickte Leuchten. Das aktuelle Projekt Osis ist ein Ausflug ins Chemielabor, wenn Bauer und Brinck osmotische Effekte auf Holz anwenden. Dazu streuen sie auf die noch nasse Lasur Salz, die dann die Pigmente zieht. Es entstehen faszinierende und immer wieder individuelle Muster, die als Plattenware angeboten oder zu den Möbeln der zugehörigen Osis-Kollektion verarbeitet werden.
 

Osko+Deichmann

Die gemeinsame Studiogeschichte von Blasius Osko und Oliver Deichmann begann mit einem mechanischen Sushi-Roller, den sie als Studenten in der Werkstatt der UdK aus einfachen Brettern zusammenschraubten.
Stehsitz Dress | Osko+Deichmann Stehsitz Dress | Brunner | © osko+deichmann Aus dem als Geburtstagsgeschenk geplanten Entwurf wurde ein Serienprodukt und aus Osko und Deichmann 2005 das gleichnamige Studio.Seither entwerfen sie Möbel mit gekonnten Überraschungsmomenten, indem sie Gewohnheiten neu denken. Ihren Bistro Table versahen sie mit horizontal platzierten Rollfüßen, die dann rotieren, wenn der Tisch gekippt wird. Stehsitz Dress lässt sich stufenlos in der Höhe verstellen und verbirgt seine Mechanik unter einem dehnbaren Textilstrumpf. Und wäre jeder Knick im Stahlrohrgestell eines Stuhls eigentlich ein Defekt, machen Osko+Deichmann ihn in ihrer Serie Straw zur ästhetischen und funktionalen Qualität. „Eine 45-Grad-Faltung sorgt für einen stabilen Winkel, indem das Rohr nur in die Richtung schwach wird, in die es sich nicht mehr bewegen kann“, erklärt Blasius Osko. Die kreative Innovation mit Heureka-Moment ist zur DNA des Studios geworden. „Wir mögen keine Objekte, über die man nicht reden kann.“
 

Philipp Weber

Was die Arbeiten von Philipp Weber auszeichnet, ist ihr besonderer Fokus. Denn auch wenn am Ende ein Produkt steht, ist Weber eigentlich Gestalter des Prozesses und poetischer Interventionen. Vor einigen Jahren begegnete er dem belgischen Glasbläser Christophe Genard und war fasziniert von der Choreographie, aber auch von der Präzision mit der der Handwerker seinen Flötenbrenner bediente. In 2000 Jahren wurde das anderthalb Meter lange Metallinstrument nur minimal verändert, dann entwarf Weber eine neue Version.

A Strange Symphony | Philipp Weber A Strange Symphony | Philipp Weber | © Philipp Weber Sein Modell hat drei Luftausgänge, die sich über Tasten ansteuern lassen. Im Glaskörper entsteht nicht nur eine Luftblase, sondern drei. Über die Tasten kann die Verformung des Glases manipuliert werden. Jetzt hat Weber die erste mit der neuen Flöte gefertigte Serie vorgestellt. Die Hohlräume der vasenähnlichen Objekte von On Colours werden eingefärbt und sorgen für faszinierende Überlagerungen und Lichtbrechungen. Nebenbei widmet Weber sich einem neuen Material. Ein Besuch in einer ehemaligen Zeche brachte ihn auf die Idee. „Bisher hat sich noch nie jemand an der Formgebung des Materials Kohle versucht“, erklärt er das Projekt From Below, für das er seine eigene Miniatur-Kokerei baute. Die ersten darin gebrannten Objekte sind geometrisch mit tiefschwarzen Oberflächen. Sie sind Zwischenergebnisse eines Prozesses, dessen Ausgang Phillip Weber selbst noch nicht kennt: „Ich habe über die handwerkliche und ästhetische Auseinandersetzung vor allem die intellektuelle Konfrontation gesucht und ein Stück Erdgeschichte mit dem menschlichen Fortschritt in Verhältnis gesetzt.“
 

Studio Berg

Um das gazellenbeinige Schränkchen wickeln sich Gemälde, aus dem quadratischen Geschirr lässt sich ein Schloss bauen und der Kleiderständer verwandelt sich in eine Wandskulptur: Die Arbeiten von Friederike Delius sind weit entfernt von konventionellem Industriedesign. Ein Blick auf die Vita klärt, woher ihr ausgefallener Blick auf die Dingwelt kommt. Vor ihrem Designstudium an der UdK Berlin besuchte Delius die Düsseldorfer Kunstakademie - und bringt jetzt die Einflüsse aus der Freien Kunst in ihre Objektgestaltung ein. Ihr origineller Ansatz macht sich besonders gut bei Produkten, die aufgrund ihrer formalen Nüchternheit sonst in den Abstellkammern des Haushalts vor Besuchern versteckt werden. Der Foldwork Wäscheständer lässt außerhalb seiner Verwendung keinerlei Rückschlüsse auf seine Funktion zu, weil er diese hinter seiner skulpturalen Qualität verbirgt.
Foldwork Wäscheständer Foldwork Wäscheständer | © Friederike Delius | Studio Berg Ausgeklappt können in das von Fachwerk inspirierte Gitter Textilien eingehängt werden. Die kleinere Garderoben-Variante Valet bietet außerdem eine zusätzliche Ablage für Accessoires. Auch ihre Kabinettschränke räumen mit klassischen Gebräuchen auf. Wenn andere ihre Schränke im Innern mit Papier auslegen, bezieht Delius den Korpus mit alten Gemälden und installiert die Hochglanz-Flächen aus Messing im Innern.