Design aus Berlin Über Nischenforscher und Grenzgänger

Jochen Maria Weber | Foxes like Beacons 2015
© Jochen Maria Weber

An der weißensee kunsthochschule berlin lernen die Studierenden zunächst die Bandbreite ihrer Profession kennen, um sich dann zu spezialisieren. Mit Mut zum Experiment, Prozessgestaltung und einem Fokus auf zukunftsträchtige Entwicklungen ist weißensee vor allem eine Schule für gestalterische Kompetenz.

In welcher Tradition die weißensee kunsthochschule berlin steht, zeigt schon die konsequente Kleinschreibung. Es war kein geringeres Vorbild als das Bauhaus, das einst festlegte „wir schreiben alles klein, denn wir sparen damit zeit“, oder auch provozierte „warum großschreiben, wenn man nicht groß sprechen kann?“ Künstler, die dem Bauhaus nahestanden, gegründeten 1946 weißensee als Berlins Hochschule des Nordens. 1950 wurde der niederländische Architekt Mart Stam zum Direktor berufen. Er war es auch, der das interdisziplinär ausgerichtete Studium begründete.
 

Ausweitung der Professionszone

Aus der Verortung im Norden wurde später die Zuordnung zum Osten. Der Bau der Mauer machte weißensee zur Ausbildungsstätte der DDR, während die Hochschule der Künste (heute: Universität der Künste) prominent und zentral im Westen lag. Die Konkurrenzsituation bewirkte nach der Wende den beharrlichen Vergleich, bei dem weißensee als die kleinere abschnitt, die noch dazu stadtfern lag. Doch gerade ihre übersichtliche Dimensionierung ist im Zusammenspiel mit dem interdisziplinären Konzept ein Gewinn für die Studenten. In kleinen Klassen können sie sehr eng mit ihren Professoren zusammen arbeiten. Dazu gehört auch ein erstes gemeinsames Jahr aller Studierenden. „Das Grundlagenjahr führt dazu, dass Produktdesigner engen Kontakt zu den anderen Designdisziplinen aufbauen, aber eben auch zu Bildhauern, Malern und Bühnenbildnern“, erklärt die Professorin Carola Zwick. „Das erweitert das Blickfeld, führt aber gleichzeitig zu einer Klärung der eigenen Disziplin.“ Neben Projekten, in denen zum Beispiel räumlich experimentiert wird, macht der Bau interaktiver Prototypen Informationen als gestaltbare Materie begreifbar.
 

Vom Generalisten zum Spezialisten

In ihrer Zeit an der Kunsthochschule Weißensee werden die Studierenden als herangehende Entwerfer-Persönlichkeiten begriffen. Später sollen sie ihre Arbeitsfelder nicht nur im Produktdesign, sondern in vielen Bereichen der Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft finden können. Die Studierenden lernen die richtigen Fragen zu stellen, die passenden Lösungen - und sich selbst als Gestalter zu finden. Schwerpunkte wie Mobilität, Interaktion und Experiment öffnen das Feld weit genug für die individuelle Nische. Dieser Ansatz führt dazu, dass die Absolventen sich der Schule und auch ihrem Standort Berlin nachhaltig verbunden fühlen. Jochen Maria Weber, der in weißensee sein Masterstudium absolviert hat und heute für Firmen im Silicon Valley arbeitet, beschreibt die Ausbildung an der Kunsthochschule als die prägendste Zeit seiner Designlaufbahn. „Die weißensee kunsthochschule und die Stadt Berlin bieten eine einzigartige Grundlage für kritisches Design.“
 

Julian Berg

Julian Bergs Arbeit bewegt sich zwischen Transportation Design, Möbelgestaltung für Kunden wie Bolia und strategischen Untersuchungen. Auch sein aktuelles Projekt Stadtküche geht über die reine Objektgestaltung hinaus und widmet sich Prozessen im Kontext des urbanen Zeitgeistes.
"Stadtküche" Service-Design Konzept, 2015 | © Julian Berg Das eigentliche Produkt ist ein Grill, der aber nicht gekauft, sondern geliehen wird. Mit ihm wählt sich der Kunde ein Essenspaket aus, bekommt Besteck und Werkzeug und bringt den Grill nach dem Picknick wieder zurück. So soll vor allem das Müllaufkommen in öffentlichen Parkanlagen reduziert werden. 2016 wurde Julian Bergs Stadtküche für den Ecodesign Award nominiert und mit dem iF Student Design Award ausgezeichnet. Die Jury versprach sich dadurch eine potentielle Wiederbelebung städtischer Grünflächen - in Berlin böte sich da das ehemalige Flughafengelände des Tempelhofer Feldes an.

 

Johannes Lohbihler

Manche bauen sich ihr eigenes Musikinstrument, bei Johannes Lohbihler ist es ein ganzes Orchester. In seiner Masterarbeit an der weißensee kunsthochschule beschäftigte der gelernte Schreiner sich mit dem Thema Musikmaschinen. Das Resultat ist Dadamachines, ein Bausatz für die eigene Roboterband. Das Set besteht aus einer Steuereinheit und zwölf Motoren, die mit dem Laptop bedient und mit Lego kombiniert werden. Die kleinen Maschinen bedienen über angeschraubtes Werkzeug wie Schlägel, Trommeln, Xylophone oder was sich eben aus dem Haushaltsbestand zum Krachmachen eignet. „Bisher gab es für die breite Masse keinen Zugang zum Thema Musikmaschine.

Johannes Lohbihler | dadamachines 2016 Johannes Lohbihler | dadamachines 2016 | © Benjamin Haupt Und das obwohl früher jedes Stummfilmkino eine Musikmaschine hatte“, erklärt Lohbihler. Ab März 2017 könnten die Dadamachines in Kinderzimmer und Musikstudios einziehen, dann legt er mit einer Kampagne auf Kickstarter los. Nebenbei gründet er mit zwei befreundeten Designern ein eigenes Studio, in das er seine Erfahrungen, aber auch die Infrastruktur aus der Arbeit an den Dadamachines einbringt. „Das Projekt hat mir Gelegenheit gegeben, ein eigenes Hardware-Produkt bis zur Serienreife zu entwickeln.“
 

Jochen Maria Weber

Den ersten Teil seines Studiums absolvierte Jochen Maria Weber in Schwäbisch Gmünd - und gründete hier mit zwei Freunden das Studio Neue Werkstatt. Sie entwarfen formal zurückhaltende Objekte, die von mittelständischen Unternehmen vor Ort nachhaltig produziert werden konnten. Für sein Masterstudium wechselte er nach Berlin und fand einen Ort, der zur Inspiration seiner weiteren Arbeit wurde. „Die politische Relevanz, die extreme Vielfalt an Kulturen und die Kunstszene bieten eine gute Grundlage für digitales Design.“ Seine Projekte verschoben sich ins Digitale, seine kritische Haltung nahm er mit, um Probleme rund um Big Data zu adressieren.

Jochen Maria Weber | Foxes like Beacons 2015 © Jochen Maria Weber Sein Projekt Foxes Like Beacons ist ein Gegenvorschlag zum von den USA kontrollierten GPS System und mit Project Cuckoo bietet er eine Kommunikationsalternative zu überwachten und gesteuerten sozialen Netzwerken. Dabei agiert er mit Augenzwinkern, denn die Daten werden ausgerechnet über Plattformen wie Facebook oder Twitter verschlüsselt gesendet. Mittlerweile arbeitet Jochen Maria Weber im Epizentrum des Human Centred Design in Silicon Valley - dass die Hauptstadt ihn wiedersieht schließt er aber nicht aus. „Meiner Meinung nach ist Berlin die einzige Stadt, die einem die Freiheit bietet, sich uneingeschränkt großen Problemen zu widmen.“