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Architekt ​Yasser Almaamouon im Interview
„Ohne die Freiheit zur Provokation würde es sich nicht lohnen, hier zu leben“

Yasser Almaamoun spricht bei einer Veranstaltung
Yasser Almaamoun | © Goethe-Institut / Adam Burakowski

Yasser Almaamoun stammt aus Damaskus, arbeitet in Berlin als Architekt und ist designierter ‚Außenminister‘ des Zentrums für Politische Schönheit. Im Rahmen von Freiraum ist er mit der Initiative „Multaka: Geflüchtete als Guides in Berliner Museen“ einer der Partner des Amsterdamer Goethe-Instituts. Im Interview spricht er über seine Zeit als Aktivist während der Revolution in Syrien, über die Unterschiede der Freiheit in Syrien und Deutschland – und über die Blasen, in denen er lebt und zwischen denen sich manchmal nur schwer vermitteln lässt.

Yasser, im Rahmen des Freiraum-Projekts arbeiten Sie als Partner mit dem Goethe-Institut Amsterdam zusammen. Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen?

Ich war im Mai letzten Jahres auf einer Veranstaltung in Amsterdam. Ein Kulturhaus hatte mich eingeladen, über den Wiederaufbau von Aleppo zu diskutieren. Bei dieser Gelegenheit habe ich das Goethe-Institut in Amsterdam kennengelernt. Wegen meines Hintergrunds – Architekt, Syrer, das Zentrum für Politische Schönheit – haben wir über eine Zusammenarbeit gesprochen.

Zu der es dann auch gekommen ist.

Ja, wir haben früh über Freiheit gesprochen, dann haben wir den Film gemacht, der bei dem großen Treffen in Warschau unsere Fragestellung präsentiert hat. Wir sind mit einer sehr einfachen, aber gleichzeitig auch sehr komplizierten Frage angereist, nämlich: Gibt es die bedingungslose Freiheit?

Hat diese Fragestellung auch mit Ihrer Geschichte zu tun?

Ja, natürlich. Und auch mit der anderer Neuankommender in Deutschland. Wir haben im Film gezeigt, wie wir neu angekommene Menschen durch das Deutsche Historische Museum in Berlin führen. Dort erfahren sie, welche historischen Ereignisse in Deutschland prägend waren und wie sich der Begriff der Freiheit im Lauf der Geschichte entwickelt hat.

Der Film arbeitet stark mit der Zweiteilung. Auf der einen Seite gibt es die geschichtliche Erfahrung, die jede und jeder in Deutschland Geborene mit sich trägt. Diese Erfahrung wird im Museum ausgestellt und ist für den Freiheitsbegriff hierzulande eine Art Hintergrundfolie. Dann gibt es die Neuankommenden, die diesen Hintergrund nicht haben. Welchen Begriff von Freiheit aber haben sie, und wie unterscheidet er sich?

Diejenigen, die heute ankommen, haben vor fünf Jahren erlebt, was Freiheit bedeuten kann. Damals sind die Syrerinnen und Syrer aufgestanden und haben gesagt: Wir wollen Freiheit. Später haben sie lernen müssen, dass die Definition von Freiheit sehr unterschiedlich sein kann – was mit den verschiedenen Rebellengruppen zu tun hat.

Welche Unterschiede meinen Sie?

Es gab Ereignisse während der syrischen Revolution, bei denen alle, die mit den säkularen und progressiven Rebellen sympathisierten, gesagt haben: Nein, so geht es nicht. Zum Beispiel, wenn es hieß: Ich will die Freiheit haben, meine Frau zu verschleiern, ohne dass mir das jemand verbieten will. Nach einer solchen Freiheit wurde eben auch gerufen, und zwar von verschiedenen islamistischen Gruppen. Da gab es welche, die lediglich deshalb rebelliert haben, weil Assad kein Sunnit ist. Die hatten kein Problem mit dem System, der Bürokratie, mit der politischen Situation. Sondern nur mit der Religion des Präsidenten. Spätestens dann wird einem klar, dass es keine allgemeingültige Definition von Freiheit gibt.

Wie sah denn Ihr Begriff von Freiheit damals aus?

Ich bin ein wenig vom Westen beeinflusst gewesen. Die Definition von Freiheit hat für mich zwei Seiten. Einmal die Rechte, zum andern die Pflichten. Das ist mir sehr wichtig. Es geht nicht nur um meine Freiheit, sondern auch darum, dass die Freiheiten der anderen gewährleistet sind. Das habe ich auch in Syrien versucht umzusetzen, auf der gesellschaftlichen Ebene, aber auch im kleinen Kreis.

Mit welchem Erfolg?

Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Ich habe Leute getroffen, die diesen Begriff zwar auch so verstehen. Aber es gab auch welche, die eine ganz anderen Vorstellung davon hatten. Bei denen hat es nicht geklappt. Da wurde ich immer als Außenseiter gesehen, als extravaganter Rebell.

Haben Sie, bevor Sie 2013 nach Deutschland gekommen ist, in Syrien aktiv gegen das Regime gekämpft?

Gekämpft nicht. Mein Anteil an der Revolution war eher gering. Ich habe an kleinen Demos in Damaskus teilgenommen. Dann habe ich entdeckt, dass es eine Möglichkeit gibt, auch als Architekt Einfluss zu nehmen. Wir haben Aktionen auf den Hauptstraßen von Damaskus gemacht. Den Teilnehmer*innen wurden Positionen zugewiesen. Dort sollten sie stehen und unauffällig bleiben. Und auf ein Zeichen hin gingen alle auf die Straße, demonstrierten 30 bis 40 Sekunden lang, alles wurde gefilmt und dokumentiert, dann waren alle wieder runter von der Straße. Das waren die Aktionen im ersten Jahr.

Und dann?

Danach hat es sich weiterentwickelt. Wir hatten dann einen Ort in Damaskus, von wo aus wir versucht haben, den Rebellen logistisch zu helfen.

Welchen Rebellen?

Ich meine jetzt nicht die Kämpfer, sondern die Demonstrierenden. Zu dieser Zeit gab es noch keinen Krieg, zumindest nicht in Damaskus. Es ging nur um Demonstrationen und Verhaftungen, aber es gab keine Bombardierungen. Wir haben immer versucht, Geräte und Kameras zu schmuggeln, mit denen man unauffällig filmen kann. Unser Ziel war es, alles auf Facebook und im Internet zu dokumentieren. Das waren die letzten Aktionen, die ich in Damaskus gemacht habe. Dann musste ich fliehen.

Warum?

Es war dumm von mir: Ich saß mit anderen Leuten in einem Café und habe etwas lauter gesprochen, als ich es hätte tun sollen.

Was haben Sie denn gesagt?

Wir haben einfach diskutiert. Darüber, was gerade passiert. Und wie es wohl weitergeht mit der Revolution.

Und neben Ihnen saßen welche, die Sie verraten haben.

Genau. Glücklicherweise hatte ich einen Freund, der Kellner und gleichzeitig Geheimdienstoffizier war. Er kam zu mir und hat gesagt, ich hätte drei Tage, um das Land zu verlassen. Dann war er wieder weg. Und das war es. Wenn du so etwas hörst, gibt es nichts zu diskutieren. Dann musst du weg. Sonst säße ich jetzt nicht hier.

Sie haben Ihre Familie zurückgelassen?

Meine Eltern. Ansonsten war ich ledig und alleine. Deshalb war ich ja auch Aktivist. Nicht wie mein Onkel und andere, die zuhause saßen und sagten, wir machen nicht mit, weil wir Familie haben.

Was war damals Ihre Vorstellung von einem freien Syrien?

Europamäßig. Dass es egal ist, was man sagt. Meinungsfreiheit also. Dass alle die gleichen Chancen haben – was in Syrien nämlich absolut nicht der Fall ist. Wir kennen in Deutschland den Begriff vom ‚Vitamin B‘. Also von Beziehungen. In Syrien sind es nicht Beziehungen, sondern Bestechungen.

Die Freiheit der Korruption.
 
Wer Geld hat, bekommt alles. Syrien war korrupter als die meisten anderen Länder.
 
Was ist mit der Religionsfreiheit? Viele nichtmuslimische Minderheiten sagen, dass Assad ihnen Religionsfreiheit gewährt.
 
Ich bin für die Trennung von Staat und Kirche. Staat und Moschee. Ich würde mich freuen, wenn wir eine Regierung hätten, die das Land wieder auf die Beine stellt. Und dann kann man über Religion diskutieren. Aber die Aussage, dass Assad, also das Regime, uns Religionsfreiheit gewährt, ist total falsch. Vielmehr sitzt er auf seinen Minderheiten, um seine Position zu halten.
 
Er benutzt sie also?
 
Ein Beispiel: In den 1960er Jahren, bevor Assad an die Macht gekommen ist, gab es hunderte von Kinos und Theatern. In Damaskus gibt es heute noch zwei oder drei. Sie werden von Soldaten bewacht. Die Zahl der Moscheen dagegen hat sich vervielfacht. Es gibt also mehr Moscheen als Theater, was vor 50 Jahren genau anders herum war. Ist das Religionsfreiheit? Assad tut nur so.
 
Sind Sie selbst gläubig?
 
Nein, ich bin seit zwanzig Jahren Atheist.
 
Was hat für diese Entscheidung den Ausschlag gegeben?
 
Zwei Gründe: Als ich die Mittelschule verlassen habe, mussten wir alle zum Mufti von Syrien. Der hat zwei Dinge gesagt, die mich, damals zwölf Jahre alt, entsetzt haben. Er hat uns von seiner Zweitfrau erzählt, die achtzehn war. Er selbst war 63. Und er hat einen Witz gemacht: Sie habe ihn am Telefon gefragt, wann sie Kinder haben würden, und er habe gesagt, naja, nicht, wenn wir weiter nur telefonieren. Alle haben gelacht. Ich habe mir gedacht, er ist 63, sie achtzehn, da stimmt doch was nicht.
 
Und der zweite Grund?
 
Er hat uns gesagt, was ein guter Muslim ist. Bei wichtigen Entscheidungen solle man immer einen Scheich oder Imam zu Rate ziehen, also vor Reisen, vor der Heirat, vor einer Jobentscheidung. Damals habe ich bereits mit dem Computer gearbeitet, und mir war klar, dass ein Imam mir sagen würde, das gehört nicht zur Religion. So habe ich ganz persönlich erkannt, dass Religion oder besser die Institutionen der Religion dazu da sind, die Leute zu kontrollieren. Und ich will nicht kontrolliert werden. Weder vom Staat, noch von der Kirche oder der Moschee.
 
Was haben Sie also getan?
 
Als ich mit achtzehn an die Uni kam, habe ich öffentlich gesagt, ich sei Atheist.
 
Ihre ganz eigene Vorstellung von Freiraum. Und wie war es dann, als Sie fliehen mussten? Kam Ihnen da der Gedanke: Jetzt, da ich nicht mehr bedroht bin, bin ich in Freiheit? Oder hat die Bedrohung nur andere Erscheinungsformen angenommen?
 
Es gab eine Phase zwischen meiner Flucht und meiner Ankunft in Deutschland, die ein bisschen gefährlich war. Das waren drei, vier Monate. In dieser Zeit konnte ich keine Freiheit spüren oder genießen. Ich war in der Türkei und in Katar. Erst als ich nach Deutschland kam, habe ich beschlossen, ein neues Leben anzufangen. Das ist ein Prozess, der noch am Laufen ist, aber mit sehr viel mehr Freiheit, als ich sie vorher genossen habe.
 
Ist das auch ein Abschied von Syrien und dem, was dort geschieht?
 
Ja, das ist jetzt weit weg. In den ersten Monaten war ich immer auf Facebook und habe geschaut, wie die Lage dort ist. Dann habe ich entdeckt, dass es in Berlin eine Diaspora gibt, Neuankömmlinge, die anzukommen versuchen, dass ich da eine Möglichkeit habe, etwas zu tun. Nach anderthalb Jahren bin ich auf das Zentrum für Politische Schönheit gestoßen, und da fing mein Dasein als Aktivist neu an.
 
Sie sind zu einer Zeit gekommen, als noch sehr wenige Syrer in Deutschland waren. Haben Sie, als 2015 dann die vielen Flüchtlinge kamen, kurz gedacht, dass Ihre Freiheit wieder kleiner werden könnte, weil sich das Bild von Syrern in Deutschland verändert? Weil sie plötzlich viel mehr auch als Bedrohung wahrgenommen wurden, als integrationsunwillig, als potentielle Vergewaltiger?
 
Was mir geholfen hat, war die Sprache. Wenn ich anfange, auf Deutsch zu reden, sehe ich, wie sich die Gesichter entspannen.
 
Wann haben Sie angefangen, Deutsch zu lernen?
 
Kurz bevor ich Syrien verlassen habe. Außerdem kannte ich Berlin schon vor der Flucht, war 2008 schon mit einer Uni-Exkursion für einen Monat in Deutschland. Berlin war meine erste Stadt außerhalb von Syrien. Ein Kulturschock, aber auch faszinierend. Als ich dann wiederkam, wusste ich schon, wie es ist, mit der U-Bahn zu fahren, ich kannte den Alexanderplatz, die Stadt war mir nicht fremd. Ich musste mich nicht an sie gewöhnen. Das hat mir am Anfang sehr geholfen.
 
Zurück zum Freiraum-Projekt. Sie haben in Amsterdam beim allerersten Workshop mitgemacht. Als Sie gehört haben, dass es um ein Projekt zum Thema Freiheit geht, konnten Sie sofort etwas damit anfangen?
 
Genau darüber haben wir in Amsterdam beim ersten Meeting diskutiert. Und wir haben Ideen gesammelt. Weil es von Anfang an auch um Neuankommende ging, gab es großen Redebedarf zum Thema Freiheit und Islam. Es ging unter anderem darum, dass wir in Europa die Freiheit haben, bestimmte Entwicklungen im Islam zu kritisieren oder kritisch zu hinterfragen. Was in der arabischen Welt so nicht möglich ist.
 
War das auch ein Appell an die Neuankommenden? Von wegen: Hier habt ihr diese Möglichkeit, also nutzt sie auch?
 
Eher wurde gesagt, das sei zu gefährlich. Deshalb haben wir beschlossen, die Frage zu öffnen. Die ganze Freiheit in den Blick zu nehmen und Religionskritik nicht mehr ins Zentrum zu stellen, sondern nur zu einem Teil der Frage werden zu lassen.
 
Warum hätte die Frage nur nach der Religion denn gefährlich sein sollen? Wer hätte Sie bedroht?
 
Wir uns gegenseitig.
 
Mit der eigenen Schere im Kopf?
 
Ja, und das stört mich gewaltig. Wir alle reden heimlich darüber, aber nicht in der Öffentlichkeit. Es gab da auch Auseinandersetzungen mit einer Organisation. Aber vielleicht hilft es am Ende, dass wir das Konzept geöffnet haben. Und ein wenig ist von der ursprünglichen Idee ja noch übrig. Im Film sieht man uns durchs Deutsche Historische Museum gehen, irgendwann stehen wir auch vor dem Auschwitz-Modell. Ich habe im Film großen Wert darauf gelegt, dass genau das zu sehen ist. Gerade, wenn es um das Thema Holocaust geht, erlebe ich oft solche Einschränkungen.
 
Von wem?
 
Nicht von der deutschen Seite, sondern von den Neuankommenden. Die stellen da kritische Fragen zum Holocaust, und zwar im Deutschen Historischen Museum.
 
Mit einem antisemitischen Hintergrund?
 
Ja. Aber ich weiß nicht, ob es gut ist, jetzt darüber zu sprechen. Vielleicht hilft das am Ende nur der AfD. Das wäre dann eine Bestätigung für die, dann sagen sie: Haben wir schon immer gewusst. Aber nicht darüber zu sprechen, wäre auch eine Einschränkung. Ich lebe in zwei unterschiedlichen Blasen, der arabischen und der deutschen. Ich habe in jeder dieser Blasen Freunde. Und ich überlege ständig, wie ich zwischen den beiden Welten Brücken schlagen kann. Das mache ich auf der Arbeit und in Kulturprojekten, aber auf der privaten Ebene ist es ganz schwierig. Da sagt jeder, was er will, da nutzt jeder alle Freiheiten, die er hat. Und das kann gefährlich sein. Wenn ich zwei Leute aus den beiden Blasen zusammenbringe, kann das zu großen Konflikten führen. 
 
Die Brücken sind sehr wackelig?
 
Leider sind diese Blasen ja nicht nur meine Blasen. Sie sind konstruiert, von außen aufgedrückt. Ich bin in einer Situation, in der ich von beiden Gesellschaften umgeben bin. Und natürlich kann man nicht aus einer der beiden einfach so rausgehen, sondern man muss mit beiden leben. Mit den schlechten und den guten Seiten.

Yasser Almaamoun spricht bei einer Veranstaltung © Goethe-Institut / Adam Burakowski Die Idee von Freiraum ist es, von einem Gegenüber, das man sich nicht aussuchen kann, die eigenen Probleme gespiegelt zu bekommen. Also ein Perspektivwechsel als Voraussetzung für das Bauen einer Brücke, für das Zustandekommen eines Dialogs. Sie sagen aber jetzt, zwischen diesen beiden Blasen sei kaum ein Dialog möglich.
 
Vielleicht beschreibe ich gerade auch eine Extremsituation. Die meiner Kollegen und Kolleginnen im Architekturbüro und die der Leute in der arabischen Blase.
 
Werden Sie als nichtgläubiger Syrer von Ihren arabischen Freund*innen, die gläubig sind, akzeptiert? Oder sind Sie für sie jemand, der nicht mehr dazu gehört?
 
Schon in Syrien hatte ich das Gefühl, als Nichtgläubiger von der Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden. Hier ist es ähnlich. Vielleicht sind die Leute hier etwas zurückhaltender. Man hat ja Rechte, es gibt eine Polizei, die nicht bestechlich ist. Wenn mich jemand bedroht, dann hat er ein Problem. Das ist nicht wie in Syrien, wo man Geld zahlen muss, um aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Das erweitert den Freiheitshorizont, den ich hier habe.
 
Politisch nehmen Sie sich ja durchaus Freiheit. Mit dem Zentrum für Politische Schönheit provozieren Sie, teilweise auch mit umstrittenen Methoden. Haben Sie manchmal das Gefühl, die Toleranz eines Landes zu strapazieren, dessen Staatsbürger Sie werden wollen? Oder haben Sie das Land so verstanden, dass es Ihnen auch die Freiheit gibt, es zu provozieren?
 
Ich glaube, Letzteres ist der Fall. Wenn eine solche Freiheit, also auch die Freiheit zu provozieren, nicht gewährleistet wäre, dann würde es sich nicht lohnen, hier zu leben. Dass es sich aber lohnt, das ist mein Bild von Deutschland, und dieses Bild würde ich gerne behalten.
 
Weil Sie dann auch ins nichteuropäische Ausland reisen können. Die Antwort auf die in Amsterdam und Berlin entwickelte Frage – Wie können wir Freiheit als Werkzeug verwenden, das ein- und nicht ausschließt und unser eingefahrenes Denken herausfordert? – geben Sie nicht selbst, sondern Ihre Tandem-Partner*innen aus Neapel. Sie haben sich bereits in Warschau kennengelernt. Wie haben die Neapolitaner auf Ihre Fragestellung reagiert?
 
Es war seltsam für sie, unseren Film zu sehen, gerade auch, weil er so offen ist. Da mussten wir einiges erklären. Aber eigentlich ging unsere Diskussion dann eher um das Format des Projekts, das wir machen wollen. Denn die Partner in Neapel sind mit Bianco-Valente zwei Künstler. Richtige Ausstellungskünstler, die großartige Ausstellungen machen. Bei uns geht es ja eher in Richtung Kunstaktion und Performance.
 
Werden Sie ein gemeinsames Projekt realisieren? Oder sollen es zwei verschiedene werden?
 
Da haben wir noch keinen Beschluss gefasst. Wir werden uns demnächst treffen und darüber sprechen.
 
Die Fragestellung aus Neapel lautet: Wie organisieren wir unseren Lebensraum in Abhängigkeit von anderen? Es ist eine Frage, die in einer so dicht bebauten Stadt wie Neapel quasi auf der Hand liegt. Als Architekt können Sie das gut verstehen, vermute ich.
 
Bevor durch Krieg und Flucht die Bevölkerungszahl von Damaskus gesunken ist, wohnte ich in einer Stadt, die ein Viertel der Fläche von Berlin hat, aber drei Mal so viele Einwohner. Ich glaube, die Frage aus Neapel passt uns mehr, als dass den Partnern dort unsere Frage passt. [Lacht.] Ich freue mich jedenfalls sehr, etwas daraus zu machen.

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