Grenzenlos. 3+3 Webvideos Flüchtlinge in Europa - Junge Regisseure schauen hin

Filthy maddening race – Ein Film von Luca Capponi und Alessandro Drudi
Filthy maddening race – Ein Film von Luca Capponi und Alessandro Drudi | © Alessandro Drudi

„Europa ist im Moment sehr gespalten: es gibt jene, die die Notwendigkeit erkennen etwas für die Menschen zu tun, die aus Krisengebieten flüchten, und jene, die Angst haben und den Bau von Grenzen einfordern, um eine Staatsidee und eine religiöse und kulturelle Reinheit zu verteidigen. Das ist die Annahme, die wir unserem Projekt zugrunde gelegt haben: Eine Webserie über die Ankunft und die Aufnahme von Flüchtlingen, bestehend aus sechs kurzen Dokumentarfilmen von drei jungen italienischen und drei jungen deutschen Regisseurinnen und Regisseuren. Jetzt, wo sich der Zeitpunkt des offiziellen Starts nähert, kann ich es kaum erwarten, sie wiederzusehen und mit jedem, der Lust hat, darüber zu diskutieren.“

Das sagt Andres Veiel, einer der beliebtesten und meistprämierten Dokumentarfilmer Europas (2017 war er mit Beuys im Wettbewerb der Berlinale). Er auf der deutschen Seite und Stefano Savona auf der italienischen, waren die Koordinatoren für Grenzenlos. 3+3 Webvideos, einer Initiative des Goethe-Instituts Italien in Zusammenarbeit mit der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) und dem Centro Sperimentale di Cinematografia (CSC) in Palermo. Die offizielle Premiere wird am 1. Februar um 19:30 Uhr im Cinema Trevi in Rom erfolgen, und danach werden die Videos auf der Website des Goethe-Instituts zu sehen sein.

Die Entstehung des Projekts „Grenzenlos. 3+3 Webvideos“

„Alles begann 2016 auf Initiative des Goethe-Instituts Rom, das sich auch um die Suche der Partner bemüht hat, die dffb und das CSC. Italien ist wie Griechenland logischerweise stärker involviert, was die Handhabung von Notsituationen durch Tausende Ankommende an seinen Küsten betrifft,  doch auch im übrigen Europa gab und gibt es vergleichbare Situationen. Jahrelang kamen Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien nach Deutschland, und noch heute nehmen wir Tausende Asylsuchende auf, auch wenn sie nicht direkt auf einem Boot zu uns kommen. Kurz gesagt, auf irgendeine Weise waren und sind wir alle betroffen. Darum fällt es jedem leicht, eine eigene Perspektive auf das Thema zu entwickeln, egal ob in Italien oder Deutschland.
 
  • Historia magistra vitae – Ein Film von Tamara Erbe © Tamara Erbe
    Historia magistra vitae – Ein Film von Tamara Erbe
  • Sans sommeil © Sarah Yona Zweig
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  • 175 km – Moodboard © Goethe-Institut / dffb
    175 km – Moodboard
  • Houzayfa’s Items – Ein Film von Carlotta Berti, Virginia Nardelli und Alessandro Drudi © Alessandro Drudi
    Houzayfa’s Items – Ein Film von Carlotta Berti, Virginia Nardelli und Alessandro Drudi
  • Mangoes grow in winter – Ein Film von Benedetta Valabrega und Claudia Mastroroberto © Benedetta Valabrega
    Mangoes grow in winter – Ein Film von Benedetta Valabrega und Claudia Mastroroberto
  • Filthy maddening race – Ein Film von Luca Capponi und Alessandro Drudi © Alessandro Drudi
    Filthy maddening race – Ein Film von Luca Capponi und Alessandro Drudi

Als erst einmal die Kooperationspartner feststanden, haben wir uns dank des Goethe-Instituts im Herbst 2016 in Berlin treffen können. Ich hatte drei Projekte und drei Regisseure aus meiner Klasse an der Deutschen Film- und Fernsehakademie ausgewählt, und ebenso hatte es Stefano Savona für den italienischen Teil gemacht. Wir haben die Ideen besprochen, an denen wir arbeiten wollten. Die Regisseure hatten etwa zwei Monate Zeit, um die ersten Szenen ihrer Kurzfilme zu drehen. Dann haben wir uns Ende Februar 2017 in Palermo wiedergetroffen, das Material gesichtet und letzte Ratschläge für die Fortführung der Projekte gegeben. Das letzte Jahr diente der Perfektionierung des Ganzen, um das bestmögliche Gemeinschaftsergebnis zu erzielen. Ich hoffe, dass die finale Version von Grenzenlos. 3+3 Webvideos vielleicht auf dem einen oder anderen Festival laufen wird. Das hätte das Projekt wirklich verdient.“

Verschiedene Nationalitäten, eine einzige Herangehensweise

„Beim Ansehen der fertigen Versionen der Kurzfilme hat mich am meisten überrascht, dass man keinen unterschiedlichen Blick mehr zwischen Deutschen und Italienern erkennt. Die stilistischen Unterschiede haben direkt etwas mit den Regisseuren und ihrer Art des Filmens zu tun, nicht mit ihrer Nationalität. Ich bin auf alle sehr stolz. Normalerweise ist es bei solch einem Projekt so, dass am Ende zwei Arbeiten großartig sind, zwei mittelmäßig und zwei nur als Beiwerk dienen, aber in diesem Fall handelt es sich um sechs absolut gleichwertige Filme. Man spürt das innere Bedürfnis der Regisseure, diese Geschichten zu erzählen.“

Dokumentarfilm heute

„Immer weniger Menschen gehen ins Kino, um sich Dokumentarfilme anzusehen. Die große Leinwand muss heutzutage ständig mit anderen Plattformen wie Netflix und YouTube konkurrieren, alles ist gratis oder zumindest fast. Nicht nur das: inzwischen kann man einen Dokumentarfilm mit dem eigenen Handy drehen. Es gibt so viel Angebot, aber kaum Qualitätsfilter. Vor dreißig Jahren gab es in Deutschland etwa 30 neue Dokumentarfilme pro Jahr. Heute sind es mehr als 100. Wir müssten den Vertrieb neu denken, und das Publikum von klein auf dazu erziehen, Dokumentar- und Spielfilme anzuschauen, damit sie selbst in der Lage sind, die Projekte, die es wert sind, zu erkennen. Weiterhin müssen wir uns über die Art des Dokumentarfilmens selbst Gedanken machen, das nicht nur auf die Schnelligkeit der Veröffentlichung des Gefilmten setzen darf. Das ist nicht Dokumentarfilm. Nehmen wir einen Film wie Seefeuer, den Gewinner der Berlinale 2016. Rosi, der Regisseur, hat seinen Dokumentarfilm umsetzen können, weil er sich Zeit genommen hat, die Orte und die Personen kennenzulernen, die ihn umgaben. Diese besondere Beziehung spiegelt sich im ganzen Film wider und sind sein stärkstes Element.“

Die Lektion von Krzysztof Kieślowski: Wie man heute Dokumentarfilme dreht

„Ich war einer der Studenten des Regieseminars, das Kieślowski Ende der 80er im Künstlerhaus Bethanien in Berlin abhielt. Diese Vorlesungen sind noch heute ein Bezugspunkt für mich, wenn ich etwas drehe oder selbst unterrichte. Es gibt einen Satz, der sich mir mehr eingeprägt hat als alle anderen: ‚Erst denken, dann filmen.‘ Das klingt banal, aber es steckt eine tiefe Wahrheit darin. Es bedeutet, sich seiner eigenen Verantwortung zu stellen. Einmal fragte mich Kieślowski: ‚Andres, was willst du erzählen?‘ Ich antwortete: ‚Ich möchte die Einsamkeit einer Person in einem Zimmer zeigen.‘ Und da schlug er mir vor: ‚Wenn du die Einsamkeit dieser Person zeigen möchtest, musst du sie verloren im Raum in einer einzigen Plansequenz zeigen.‘ Und so war ich, der ich eigentlich beschlossen hatte, die Lösung des Problems in die Schnittphase zu verlegen, gezwungen, bereits beim Drehen eine Regieentscheidung zu treffen. Das war mein Glück.  Kieślowski war sehr streng, er akzeptierte keine Fehltritte und das hat mich dazu gebracht, sehr diszipliniert zu sein, mich nicht in tausend Überlegungen zu verlieren und dabei Gefahr zu laufen, dass am Ende nichts dabei herauskommt. Seine Lehren waren für mich grundlegend. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, sie auch an meine Studenten weiterzugeben.“