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Im Schatten
Sachsen-Anhalt, Deutschland

Bitterfeld
Foto: Mila Teshaieva

Wie leben die Familien in den ehemaligen Industriegebieten der ostdeutschen Städte Bitterfeld/Wolfen und Halle?
Wie hat sich ihr Leben nach dem Fall der Mauer verändert?

 


Mila Teshaieva:
Halle, Delitzsch, Wolfen, Eisleben und andere Orte in Sachsen-Anhalt

Oktober 2018
Die Sachsen-Anhalter nennen die deutsche Vereinigung Die Wende - wörtlich „der Wendepunkt“ oder „ der Umschwung - und obwohl es in der Alltagssprache ein gängiges Wort ist, beschreibt es doch genau, was mit diesen Menschen nach dem Fall der Mauer passiert ist. Meine Recherchen führten mich an verschiedene Orte in der Region: Halle, Delitzsch, Wolfen, Eisleben, usw. Diese Orte haben in den letzten 30 Jahren einen dramatischen Wandel durchlaufen. Einst ein Zentrum des industriellen Stolzes während der sozialistischen Zeit, ist diese Region seit der Vereinigung zu Ruinen geworden.
Mit der Möglichkeit, Familienleben in diesem ehemaligen ostdeutschen Bundesstaat zu erkunden, entschied ich mich, das Thema aufzugreifen, das seit vielen Jahren im Mittelpunkt meiner Arbeit steht: Erinnerung. Ich wollte die privaten Erinnerungen derer untersuchen, die in der Zeit der  Deutschen Demokratischen Republik (DDR) lebten und ihr Leben aufbauten, die den schmerzhaften Prozess der Vereinigung durchliefen und nun in einem vereinten Deutschland leben. Ich entschied mich, mich auf gewöhnliche Frauen aus Kleinstädten in Sachsen-Anhalt zu konzentrieren. Sie sind weder Opfer noch Täter, und ihre Lebensadern und Lebenskämpfe sind seit 30 Jahren buchstäblich unsichtbar. Wie erinnern sie sich an sich selbst und ihr Leben während der DDR? Und wie sieht ihr Lebensumfeld und ihre Lebensbedingungen heute aus?

In Gesprächen mit meinen Protagonisten habe ich wahrgenommen, wie intensiv die Vergangenheit noch präsent ist. Fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer gibt es immer noch eine Art kollektives Trauma, das seinen Ursprung in den Erfahrungen nach der Wiedervereinigung und im Sinne einer Abwertung der eigenen Vergangenheit hat. Diese kurze Erkundung könnte der Beginn eines größeren Projekts sein, das sich über viele Jahre erstreckt. Ich hoffe, zumindest die Menschen in Sachsen-Anhalt in einem neuen Licht zu sehen und denen eine Stimme zu geben, die sich vergessen fühlen, aber dennoch Würde und Stärke bewahren.
Gertrud Merkel hat ihr ganzes Leben lang In Delitzsch gelebt, einer kleinen Stadt bei Wolfen-Bitterfeld, die zu DDR-Zeiten ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Industrie war.  Sie war 18 Jahre alt, als sie eine Anzeige mit dem Titel „Komm zur Arbeit für die Deutsche Bahn" sah, und so wählte sie ihren Beruf auf Lebenszeit. Dort gründete sie zusammen mit anderen Kollegen den „Fishermen‘s Club", der bis heute besteht. „Für uns war das Leben während der DDR interessant und erfüllt und ich persönlich habe es genossen, mein Leben der Gemeinschaftsarbeit zu widmen. Niemand fühlte sich damals allein; wir arbeiteten zusammen und hatten Spaß zusammen. Das System der gegenseitigen Unterstützung in der DDR war wirklich stark, und die Menschen halfen sich immer gegenseitig und wussten, dass sie eines Tages auch Hilfe brauchen würden.“
Nach der Wiedervereinigung änderten sich die Dinge. Die Industrie schloss, so dass keine Transportwirtschaft erforderlich war. Gertrud verlor ihre Arbeit - sie wurde einfach eliminiert - und für die nächsten 10 Jahre überlebte sie, indem sie jeden Job machte. „Leute mit Wende haben sich auch gewendet", sagt sie. Die alte Solidarität ging verloren, es bedurfte keiner gegenseitigen Unterstützung und die Menschen sahen sich der harten Realität des Kapitalismus ausgesetzt. Gertrud geht noch manchmal zu den nahegelegenen Seen, um zu fischen, aber in den letzten Jahren ist es schwieriger geworden. Ihr Mann ist jetzt Invalide und sie muss sich um ihn kümmern. Wir gingen mit ihr zusammen an die Orte, an denen sie früher arbeitete und ihre Freizeit verbrachte.

Karin und Josef Rössler haben ihr ganzes Leben zusammen verbracht und sind immer noch ineinander verliebt. Josefs Familie stammt ursprünglich aus Westdeutschland und er hat sich freiwillig in den Osten begeben, weil er Matrose werden wollte. Er arbeitete sein ganzes Leben auf Kreuzfahrtschiffen und bereiste die ganze Welt. Von seinen Reisen brachte er guten Kaffee und Kakao mit, so dass ihre Familie während der DDR-Zeit ein Leben voller Luxus führte. Karen war eine Sportlerin und Aktivistin und ist bis heute sehr aktiv und engagiert im Gemeinschaftsleben. Im Ort, an dem sie sich zum ersten Mal trafen, gehört ihnen noch, ein kleines Gartenhaus am Fluss in Halle. Wir waren mit ihnen dort und sie erinnerten sich an die Zeit, als sie sich zum ersten Mal trafen.

In der Region um Eisleben dreht sich alles um zwei Dinge: den Kupferbergbau und die Reformation. Hier, in einem kleinen Dorf namens Osterhausen, traf ich Silvia, die 12 Jahre lang als Pionierführerin tätig war, bis zum Systemwechsel. Sie hatte schon immer davon geträumt, mit Kindern zu arbeiten, und da sie keine Stelle als Lehrerin bekommen konnte, entschied sie sich, ihre Leidenschaft in der Pionierorganisation zu erfüllen. Sie sagte: „Kürzlich wurde ich ins Fernsehen eingeladen, um über meine Arbeit mit den Pionieren zu sprechen.“  Das Interview wurde nie ausgestrahlt, wahrscheinlich weil ich zu dieser Zeit nichts Schlechtes zu sagen hatte. Ich muss ehrlich sagen, dass ich immer noch stolz auf meine Arbeit bin. Wir haben viele tolle Dinge mit Kindern gemacht und ihnen beigebracht, ehrlich und freundlich zu sein.“ Seit vielen Jahren werden Tageszeitungen nach Hause geliefert, und sie schneidet jede Erwähnung ihres ehemaligen Arbeitsortes und ihrer alten Kollegen heraus und archiviert sie.

Direkt hinter dem Haus von Grit Bär in Hergisdorf liegen die Berge alter Industrieabfälle. Dies ist ein Ort, an dem sie einen Spaziergang machen würde, wenn sie allein und allein mit ihren Gedanken sein wollte. „Du kommst aus dem Haus, gehst eine Dorfstraße entlang und befindest dich plötzlich in einem völlig unwirklichen, surrealistischen Raum.“ Grit erinnert sich noch an ihre Kindheit, als riesige Lastwagen die brennenden Flüssigkeiten brachten und den Himmel mit dem Feuer verhellten. Sie sagt, dass der Abfall nicht mehr giftig sei und die zahlreichen Pflanzen, die auf diesen schwarzen Hügeln wachsen, ihre Meinung bewiesen. Grit ist ein ganz besonderer Mensch, der in einer Familie von Frauen aufwächst: ihre Mutter, Tante und Schwester. Sie sagt, dass sie sich in ihrem Leben immer frei gefühlt hat, sei es in der DDR oder im vereinten Deutschland. „Ich weiß, dass ich innerhalb des Systems lebe und es gibt Regeln, aber meine Freiheit ist mir gegeben und niemand kann sie mir wegnehmen. Als Die Wende geschah, hofften die Leute, die besten Ideen des alten Systems zu behalten und sie mit neuen Dingen aus dem Westen zu bereichern. Das war so eine große Illusion.“


Jutta Benzenberg:
Kaffee und Kuchen bei Christine und andere Geschichten aus Mitteldeutschland

September 2018
Sandy, die Frauenbeauftragte von Bitterfeld Wolfen, war so nett und brachte mich zu den Dienstagsmalerinnen von Wolfen. Sie hatten sich in einer Gartenkolonie getroffen, um neue Motive zu besprechen. Als ich dort ankam, wurde ich herzlich aufgenommen und mit Kaffee und Kuchen überschüttet. Alle waren bereit in der Laube von Christine vor der Kamera zu posieren.
Nicht nur dass sie wunderbar aussahen, auch ihre Geschichten waren sehr spannend.
Thekla, die Wolfen nie mochte und trotzdem blieb, war Erzieherin vor und nach der Wende und leitet die Dienstagsmalerinnen mit "strenger" Hand.
Birgit die Gutmütige erzählte mir, dass sie Polizistin war, mit allem drum und dran. Sie wollte nie heiraten, hat aber 2 Kinder.
Romy, die junge Assistentin von Sandy begleitete mich zu den Plattenbauten, die noch bewohnt waren aber bald abgerissen werden sollen. Die Menschen dort sind ziemlich verzweifelt, da sie nicht genau wissen, wann sie gehen müssen und wo sie dann unterkommen werden.
Junge Leute wie Romy gibt es viele dort und der SPD Vorsitzende sagte mir, dass Freunde in seinem Alter (36), die Berlin und andere Großstädte ausprobiert haben, so langsam nach Wolfen Nord zurückkehren.
Daniel Trettner, der Fussballtrainer von FC Bitterfeld Wolfen, erzählt mir stolz, dass er dort geboren ist und dass er auch seine Zukunft an diesem Ort sieht. 
Meine Reisen nach Bitterfeld Wolfen sind noch nicht zu Ende. 
Ich möchte wiederkommen und noch mehr Menschen fotografieren und deren Geschichten aufschreiben, da ich denke, dass sie nicht gehört werden. 


Jutta Benzenberg:
Vorhang auf! 
März 2018, Bitterfeld Wolfen 
Nach meiner ersten Reise mit dem Journalisten Andreas Montag und Mila Teshaieva war ich sehr motiviert, bald mit unserem Projekt in Bitterfeld Wolfen anzufangen. Schon bald hat sich etwas Wunderbares ergeben. 
Es war der Frauentag, der ja im Osten noch so gefeiert wird, wie zu DDR Zeiten, anders als im Westen.
Am 08. März trat eine Karaokeabend im Kulturhaus in Wolfen auf. Da musste ich ungebingt dabei sein. Den Kontakt aufzunehmen war sehr leicht. Ich wurde sehr nett mit einem Glas des berühmten Rotkäppchensekts willkommen geheissen wie auch alle anderen Gäste. Was ich sah, waren Frauen die, hochmotiviert waren, sich einen schönen Abend zu machen. Die Tische füllten sich schnell, die DJs, die solange wir auf den Ansturm warteten, die Stones und Doors spielten, wechselten zu Helene Fischer und sonstige Schlager, die ich zuvor noch nie im Leben gehört hatte. Die Frauen tanzten miteinander und ja auch die 20 bis 30 jährigen lebten bei dieser Musik auf. "Schlager, oh Gott!", dachte ich, "Ich bin im falschen Film". Ich verkrampfte mich schon ein wenig und fotografierte, während die Damen tanzten. Als sie meine Kamera sahen, fragten sie mich, ob ich ihre Gruppe fotografieren mochte. Froh war ich, dass sie es mir vorschlugen, obwohl ich dachte: "Na ja Gruppenfotos".
Als ich ihnen aber sagte, dass sie mir doch mehr bieten sollten, als nur so da zu stehen, geschah etwas das mich sehr überraschte. Was sie mir da anboten, wie sie aus sich herausgingen, die Energie die von ihnen ausging war einmalig.  
Da kamen Stärke, Wärme und Offenheit zum Vorschein, die mich vollauf begeisterten. Davon wollte ich mehr. Ich werde auch die Mütter und Großmütter dieser Frauen aufsuchen und fotografieren. 
Frauen, die vor dem Mauerbau dort lebten, Frauen die innerhalb der Mauergeboren wurden und die, die diese Stadt nur nach der Wende kennengelernt haben. Welche sind und waren ihre Träume, wie sehen sie die Zukunft. Ich bin sehr gespannt  auf ihre Geschichten, die mir als Westdeutsche völlig fremd sind, aber doch ein Teil von mir werden sollen.
 


Anfang März 2018 sind Mila Teshaieva und Jutta Benzenberg für eine erste Erkundungsreise zusammen nach Bitterfeld Wolfen gefahren.
Mila Teshaieva:
„Unsere gemeinsame Reise nach Wolfen hatte den Zweck, etwas über den Ort zu lernen und der lokalen Bevölkerung zu begegnen. Als wir dort ankamen, war die ehemalige Industriestadt mit Schnee bedeckt, sodass die Landschaft völlig sauber wirkte.
Als wir durch die Straßen gingen, bemerkten wir, dass die Einwohner besonders neugierig auf uns waren: Es war, als ob alle uns sofort als „Fremde“ erkannten. In einem so kleinen Städtchen wie Wolfen ist das Erscheinen von zwei Fotografen mit Sicherheit eine einzigartige Begebenheit. Es ist jedoch nicht leicht, an diesem Ort zu fotografieren, denn die Leute sind über die Medien sehr verärgert. Es gibt selten positive Nachrichten über die Stadt, was das Gefühl des Vertrauens nicht fördert.
Wir haben mit dem Direktor des Industrie- und Filmmuseums Uwe Holz über die Aussichten für die Stadt gesprochen: „Sie müssen verstehen, dass die Wiedervereinigung unterschiedliche Auswirkungen auf die Menschen im Westen und Osten hatte. Zunächst war es ein großartiges Ereignis, das das Land endlich wieder zusammenbrachte. Für die Menschen im Osten, und insbesondere in Wolfen, bedeutete die Wiedervereinigung den vollkommenen Zusammenbruch ihrer Lebensweise und für viele war die Umstellung nicht besonders positiv“. Dennoch finde ich die Vergangenheit und die Gegenwart der Stadt sehr interessant für die Forschung und ich freue mich schon darauf, mehr über ihre Einwohner und ihr jetziges Leben herauszufinden.“  

Jutta Benzenberg:
"Bis jetzt kannte ich die Gegend Bitterfeld Wolfen nur vom Durchfahren mit dem Zug… mit dem schnellsten Zug den es gibt. 
Nix wie durch und weiter nach Berlin. 
Aber als ich genau dieses mit der Kamera ausdrücken wollte, wurde ich sehr neugierig auf Bitterfeld Wolfen. 
In den Durchfahrtbildern sah ich etwas was mich dazu bewegt anzuhalten und näher hinzuschauen". 


 

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