Paris Seine-Saint-Denis Ein Problemviertel erfindet sich neu

Ein Porträt über Bewohner, die mit Klischees brechen wollen und lieber von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung sprechen, als von Gewalt. Eine Begegnung im Stadtviertel Les Courtillières zwischen Bürgerhaus und Moschee.

Das in den fünfziger Jahren entstandene Viertel Les Courtillières in Pantin (Departement 93) ist exemplarisch für die aktuelle Modernisierung der großen Wohnkomplexe in den Pariser Vororten. Wie 500 weitere Viertel in Frankreich, die als soziale Brennpunkte gelten, hat dieses von den verschiedenen städtischen Sanierungsprogrammen, die seit den 2000er Jahren durchgeführt wurden, profitiert. Die berühmte, aus Sozialwohnungsbauten bestehende „Schlange“ wurde renoviert und mit Mosaiksteinen verschönert. Einigen Bewohnern wurden neue Wohnungen zugewiesen, um Neuankömmlingen Platz zu machen. Die Siedlung bekommt somit nach und nach ein neues Gesicht. Ruhiger, aber auch weniger lebendig, würden manche sagen.

Im Juli 2015 hat das Viertel Aufsehen erregt: Zwei Frauen sind von ihrem Nachbarn mit einer Stichwaffe getötet worden. „Das ist ehrlich gesagt zwar sehr bedauerlich, aber ich denke nicht, dass das auf die Arbeit der Stadtverwaltung, die das Leben im Viertel verbessern will, ein schlechtes Licht wirft, es bedeutet nicht einmal einen Anstieg der örtlichen Gewalt“, sagte eine Bewohner nach diesem Vorfall.

  • Kévin N’Gangu, 26 Jahre, Animateur beim städtischen Jugendverein, vor der „Schlange“ © Constance Bernard & Marine Leduc
    Kévin N’Gangu, 26 Jahre, Animateur beim städtischen Jugendverein, vor der „Schlange“

    „Les Courtillières gleicht einer eigenen Stadt innerhalb von Pantin. Es ist weit entfernt von allem, von den Einkaufszentren, vom Rathaus, vom Bahnhof. Aber es ist ein kleines Dorf, alle kennen sich, also gibt es keine Probleme zwischen den Leuten … auch wenn die Stimmung früher besser war. Im Bürgerhaus dagegen haben wir Angebote für Jugendliche, die wir selbst nicht unbedingt hatten, als wir jünger waren. Und das sind nicht nur Spiele. Wir schaffen einen Dialog, wir transportieren Werte.“
  • Bernadette Marlin, 56 Jahre, Teilnehmerin an den Aktivitäten im Bürgerhaus © Constance Bernard & Marine Leduc
    Bernadette Marlin, 56 Jahre, Teilnehmerin an den Aktivitäten im Bürgerhaus

    „Theoretisch ist das Viertel seit den Bauarbeiten besser, denn es war wirklich nicht schön. Doch vorher gab es einen Tabakladen, eine Reinigung, Zeitungen. Man konnte sagen „Ich gehe Blumen kaufen“. Auch der Park war toll. Wir haben uns unter den Nachbarn sehr gut verstanden, auch wenn es zu viel Klatsch und Tratsch gab. Jetzt sind viele Leute umgezogen. Ich habe Freunde verloren. Zum Glück gibt es das Bürgerhaus, mein zweites Zuhause. Letztens, im Lesekreis, hat mich ein Buch zum Weinen gebracht.“
  • Kévin Levéziel, 19 Jahre, in der Ausbildung zum Postbeamten, vor dem Bürgerhaus © Constance Bernard & Marine Leduc
    Kévin Levéziel, 19 Jahre, in der Ausbildung zum Postbeamten, vor dem Bürgerhaus

    „Wir sind hier eine Familie, sogar die Leute, die wir nicht kennen, integrieren wir sofort. Doch wir haben einen miesen Ruf. Die Leute sehen das 93ste als einen gefährlichen Ort an, und uns als Kriminelle. Aber sie sagen das, ohne uns zu kennen. Ihr Pech. Was mir im Moment nicht gefällt, sind die Bauarbeiten. Keiner versteht, was sie machen, wir werden nicht nach unserer Meinung gefragt. Es gibt keine Läden mehr, gar nichts mehr. Die Leute gehen aneinander vorbei, ohne sich anzusehen. Sobald ich kann, werde ich nach Paris gehen.“
  • Nathalie Huleux, 32 Jahre, auf dem alten „Marktplatz“ © Constance Bernard & Marine Leduc
    Nathalie Huleux, 32 Jahre, auf dem alten „Marktplatz“

    „Ich habe immer hier gelebt. Die Stimmung hat sich enorm verändert. Seit der Sanierung ist es hier viel ruhiger und angenehmer geworden. Wir hatten die Angewohnheit, uns mit Freunden auf dem Platz zu treffen, aber als sie alles renoviert haben, ist das auseinandergegangen, keiner trifft sich mehr. Es fehlt auch an Kinderspielplätzen und kleinen Geschäften. Das Leben im Viertel bleibt dennoch wichtig, wir unterstützen uns gegenseitig sehr. Wenn ich zum Beispiel ein Ei brauche, frage ich meine Nachbarin.“
  • Sébastien Durand, Straßenbahnfahrer © Constance Bernard & Marine Leduc
    Sébastien Durand, Straßenbahnfahrer

    „Ich bin mit meiner Familie 2015 hierhergekommen, weil die Mieten günstiger waren. Am Anfang hatten wir ein schlechtes Bild vom Viertel, das von vor zwanzig Jahren, das immer noch besteht. In Wirklichkeit hat es sich sehr verändert, es ist ruhiger und moderner geworden. Wir sind nicht weit weg von der Station Fort d’Aubervilliers, die ein Halt des Grand Paris Express wird [eine unterirdische Ringbahn, die die Städte in den Pariser Außenbezirken verbinden wird, Anm. d. Red.]. Das wird mehr Leute herbringen. Aber ich habe den Eindruck, dass alle gern unter sich bleiben, in ihren Gemeinschaften. Außer den Kindern. Die Kinder mischen sich.“
  • Stéphanie Hannach, Produktionshelferin © Constance Bernard & Marine Leduc
    Stéphanie Hannach, Produktionshelferin

    „Ich habe meine ganze Kindheit in einem Gebäude verbracht, das letztes Jahr abgerissen wurde. Es hat uns wehgetan, als sie es zerstört haben. Jetzt lebe ich dahinter, in der „Schlange“. Ich hänge an diesem Viertel, es ist mein Zuhause. Ich hätte gern mehr Spielplätze für die Kinder, Grünflächen und vor allem mehr Angebote für Jugendliche. Für die Jugendlichen gibt es hier nicht viel, man sieht viele, die sich langweilen.“
  • Fousseynou Danfakha, 22 Jahre, vor der Moschee in Les Courtillières © Constance Bernard & Marine Leduc
    Fousseynou Danfakha, 22 Jahre, vor der Moschee in Les Courtillières

    „Es ist nicht das schönste Viertel, vor allem im Vergleich zu Paris. Aber für mich ist es gut, wie es ist. Zwischen den verschiedenen Gruppierungen gibt es gar kein Problem. Meine Nachbarn haben eine andere Konfession und es läuft super gut. Unsere Moschee wurde bereits zu Unrecht beschuldigt, falsche Werte zu vermitteln. Aber im Gegenteil ist der Imam sehr aufmerksam. Er tut alles, um Radikalisierung zu vermeiden. Übrigens stehen die radikalen Gruppen, die in der Minderheit sind, nicht für die ganze Gemeinschaft.“
  • Ahmed Zeghache, Rentner © Constance Bernard & Marine Leduc
    Ahmed Zeghache, Rentner

    „Wir sind Franzosen, aber Franzosen, die woanders hergekommen sind. Ich finde die Jungen hier besser als die Alten, denn den Jungen ist egal, woher sie kommen. Das Viertel hat sich stark entwickelt, seit wir die Moschee haben, das bringt die Leute einander näher. Das Attentat vom 13. November hat uns hier sehr getroffen. Mein Sohn war im Stade de France und meine Tochter, eine Journalistin, war im Bataclan. Wir waren alle betroffen.“
  • Sada Ciré © Constance Bernard & Marine Leduc
    Sada Ciré

    „Ich wohne hier seit 23 Jahren. Das hier war ein hitziges und gewalttätiges Pflaster. Die Moschee bringt Ruhe rein. Wir haben das Glück, einen Imam zu haben, der hier geboren ist und es versteht, mit den Jugendlichen zu reden. Außerdem helfen wir uns gegenseitig sehr. Wenn es ein Problem mit einem Jugendlichen gibt, sprechen wir unter uns darüber, mit den Eltern und mit ihm. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Das Problem ist, dass es für die jungen Leute keine Anstellungen gibt. Wenn sie nicht arbeiten, müssen sie sich ja irgendwie beschäftigen. Also bleiben sie in den Treppenhäusern, machen Radau.“
  • Zina Barrani (29 Jahre), Toussaint Boos (30 Jahre), Studenten, und Samuel Ramirez, Gemäldeverkäufer, auf dem Balkon ihrer Wohngemeinschaft © Constance Bernard & Marine Leduc
    Zina Barrani (29 Jahre), Toussaint Boos (30 Jahre), Studenten, und Samuel Ramirez, Gemäldeverkäufer, auf dem Balkon ihrer Wohngemeinschaft

    „Wir glauben an dieses Viertel, es ist grün, ruhig und friedlich. Natürlich haben die Leute Bedenken, aber wenn Freunde vorbeikommen und die Größe der Wohnungen sehen, bekommen sie große Augen. Für den gleichen Preis haben sie in Paris fünfzehn Quadratmeter. Im Augenblick sind die Leute zurückhaltend, aber dieses Viertel wird unweigerlich aufgewertet werden. Das einzige Problem sind die Bewohner, die Abfall aus den Fenstern werfen. Aber sonst ist es ein sicheres und tolerantes Viertel. Man begegnet Mädchen in Burkas wie auch Mädchen in Miniröcken.“