Rom – Torpignattara Auf den Roten Teppich: Die Geschichte des Rappers Amir

Eine Straße in Torpignattara
Eine Straße in Torpignattara | (Detail) © Mariella Nocenzi

Sein Name klingt nicht italienisch, doch sein Geburtsland ist Italien. Italienisch sind auch seine Mutter und die Werte, die der Rapper Amir besingt: Kampf gegen Rassismus und Vorurteile, das Recht auf Staatsbürgerschaft für die zweite Generation.

Amir Der Rapper Amir | © Mariella Nocenzi „Meine Mama war Italienerin, und darum auch ihre ganze Familie. Um es kurz zu machen, ich bin in Trastevere geboren, aufgewachsen in den Vierteln Garbatella und vor allem Torpigattara, und wenn ich mal nach Ägypten müsste, würde ich mich überhaupt nicht zurechtfinden. Als kleiner Junge bin ich in Testaccio in eine Nonnenschule gegangen und obwohl mein Vater Ägypter ist, bin ich kein Moslem.“ So lautete kürzlich eine Selbstbeschreibung des Rappers und Plattenproduzenten Amir Issaa, der fast seit seiner Geburt in dem stigmatisierten römischen Stadtviertel lebt und zu einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens geworden ist, auf einem Weg, den ihm angesichts seiner Herkunft niemand je prophezeit hätte. Ja, denn sie klingt eher wie ein Märchen, diese Geschichte des Sohnes eines gemischten Paares, das sich im armen Teil Roms während der ersten großen Einwanderungswelle der Achtzigerjahre fand; heute singt er gegen die Vorurteile, die er aufgrund der Herkunft seiner Eltern von klein auf erfahren hat und die sich bis heute halten.

Eine Persönlichkeit, die alle Widersprüche auflöst

Es gibt mehr als nur einen Widerspruch in der Geschichte des 38-jährigen Amir und vielleicht ist es genau das, was ihn zu einer „wichtigen Persönlichkeit“ macht, nämlich unmögliche Dinge mithilfe künstlerischer Kreativität wahr werden zu lassen. So hat er zum Beispiel seit seinem ersten Album Uomo di prestigio im Jahr 2005 bis zum neuesten, an dem er in den letzten Monaten feilt, fast ein Album pro Jahr geschrieben, komponiert und selbst produziert, inspiriert von dem Leben in Torpignattara – Szenen seiner Videos sind zwischen den Häusern und mit den Menschen von dort gedreht. Ein Rapper aus einem geografischen und sozialen Randbezirk Roms, der mit seinen Erfolgstiteln die mächtige Etikette der internationalen Plattenindustrie herausfordert, indem er auch anderen Künstlern dieselben Chancen gibt. Seine unabhängige Plattenfirma Red Carpet, „Roter Teppich“, ist zudem noch Ergebnis einer weiteren scheinbaren Unmöglichkeit: Amir hat tatsächlich einen roten Teppich betreten, nämlich 2012, als ihn seine Filmmusik für Scialla! Stai sereno von Francesco Bruni auf das Filmfestival in Venedig führte, und später sogar nochmal bei seiner Nominierung für den Filmpreis David di Donatello und bei der Nominierung für den Nastro d’argento, der Staatspräsident Giorgio Napolitano beiwohnte.

Die soziale Funktion der Musik und der Künstler für Amir

Zu seiner künstlerischen Aktivität hat Amir aus Überzeugung vielfältige Initiativen mit sozialem Hintergrund übernommen, die dazu beigetragen haben, die Widersprüche seiner Biografie in ein nachahmenswertes Beispiel für alle Italiener zu verwandeln, die keine volle Staatsbürgerschaft besitzen, wie etwa diejenigen, die wie er Sohn ausländischer Bürger, aber in Italien geboren sind.

In seinem Videoappell Caro Presidente, „Lieber Präsident“, wendet er sich dezidiert an Giorgio Napoletano und fordert, die Staatsbürgerschaft solle nach dem Prinzip des ius soli vergeben werden, also nach dem Geburtsland. In dieser Kampagne, die Amir zusammen mit seiner Kollegin Karima auch zum Ratspräsidenten und in das Abgeordnetenhaus gebracht hat, nahm er Themen wieder auf, die er bereits 2006 in seinem Song Straniero nella mia nazione, „Fremder im eigenen Land“, behandelt hatte.

Es erzählt von seinen Schwierigkeiten, als italienischer Bürger dennoch für einen Einwanderer gehalten zu werden. Keine leichte Aufgabe, die Amir sich gestellt hat: Als er 2014 den Song Ius Music aufnahm, in dem er hitzig und gewollt provokant das Recht der zweiten Generationen einfordert und dessen Musikvideo er unter Teilnahme des Abgeordneten der Demokratischen Partei, Khalid Chaouki,– auch er Sohn von Einwanderern – just in einer Schule in Torpignattara drehte, unter Teilnahme des Abgeordeneten der Demokratischen Partei, Khalid Chaouki – auch er Sohn von Einwanderern –, löste er viele Kontroversen aus.

Das hat Amir nicht überrascht. Seine direkten Erfahrungen als Kind auf den Straßen von Torpignattara und heute in den Schulen und Gefängnissen, als Botschafter für Save the children oder für das Ministerium für Gleichstellung haben ihn gelehrt, dass es noch viel Widerstand gibt gegen andere Hautfarben und Kulturen. Doch er selbst ist ein Beispiel – nicht die Ausnahme – wie dieser Widerstand überwunden werden kann. Ausgehend von Torpignattara erzählt er davon in den Schulen des angrenzenden San Basilio, aber auch auf einem amerikanischen Campus in Massachusetts, wodurch er seine Botschaft stolz auf den Seiten einer bedeutenden Zeitung wie The Guardian präsentieren konnte: Er ist schon einen langen Weg gegangen, und ein langer Weg liegt noch vor ihm.