Rom – Torpignattara Kultur schaffen in Torpignattara

Schneidemaschine, Else Edizioni
Schneidemaschine, Else Edizioni | © Else srl

Torpignattara ist nicht nur urrömisch und multikulti, Torpignattara ist auch voller Ideen. Viele Kulturschaffende haben sich in den letzten Jahren hier angesiedelt. Auch weil Torpignattara im Gegensatz zum historischen Zentrum ein Plus an Möglichkeiten aufweist, das in anderen Teilen Roms nur noch schwer zu finden ist.

Dieses Viertel liegt eigentlich direkt vor den Toren Roms, das heißt, es befindet sich im ersten Außenbezirk und besticht durch Mieten, von denen man anderswo nur träumen kann. Das zieht junge Kreative und Einwanderer aus Italien und der ganzen Welt an. Torpignattara bietet heute kulturelle Nischen von hohem Niveau, die sich in den Innenhöfen und Seitenstraßen des Viertels zwar ein bisschen verstecken, von dort aus aber eine große Wirkung und Reichweite entwickeln.

Die Entstehung eines außergewöhnlichen Verlags

In einem der Innenhöfe der Via di Torpignattara treffen wir Marco Carsetti und Chiara Mammarella des Verlags Else Edizioni, beide ursprünglich Sozialarbeiter in einem Verein für die Integration von Asylbewerbern. Durch die Begegnung mit Menschen aus den verschiedensten Teilen der Welt, die ihre Erlebnisse und Geschichten am besten durch Bilder und Illustrationen verarbeiten konnten, und das Zusammentreffen mit dem Verlag Orecchio Acerbo, die das grafische Know-How mitbrachten, realisierten sie 2010 das erste Buch: Radici. Nach dieser und weiteren Erfahrungen wird Else 2012 zu einem eigenständigen Verlag, welcher sich auf die Fahnen schreibt, pro Jahr wenige Bücher von hoher handwerklicher, künstlerischer und literarischer Qualität herzustellen.
 
  • Else Edizioni © Else srl
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  • Else Edizioni © Else srl
  • Else Edizioni © Goethe-Institut Italien
  • Else Edizioni © Else srl
  • Else Edizioni © Goethe-Institut Italien
  • Else Edizioni © Else srl
  • Else Edizioni © Goethe-Institut Italien
  • Illustrationen von Gabriella Giandelli © Else srl | Illustrationen: Gabriella Giandelli
  • Illustrationen von Gabriella Giandelli © Else srl | Illustrationen: Gabriella Giandelli
Alle Bücher sind durch und durch Handarbeit, in der verlagseigenen Druckerei angefertigt und von Hand gebunden. Sie verstehen sich als ein Verlag für Erwachsene, auch wenn es in vielen ihrer Bücher um Kindheit geht. Es geht ihnen im Kern um eine Wiederentdeckung der Kindheit von Seiten der Erwachsenen. 

Deutschland und Italien für die Erstellung universeller Kunstwerke

Wir sind vor allem durch ihre Affinität zur nordeuropäischen und deutschen Kultur auf Else Edizioni aufmerksam geworden. Ihr reges Interesse daran speist sich daraus, dass Deutschland traditionell eine ausgeprägte Kultur an Drucktechniken aufweist, mit denen die Illustratoren schon in ihrer Ausbildung vertraut gemacht werden. Bis April 2017 hängt in der Galerie in der Via di Torpignattara 142 noch die Ausstellung von Anke Feuchtenberger mit den Illustrationen aus dem Buch Memorie della menta piperita. Der Text des Buches stammt von Elena Morando, einer italienischen Schriftstellerin, die ihre Kindheit auf dem sardischen Land erzählt. Else Edizioni war für diesen Text auf der Suche nach einer Bildsprache, die weit weg von der Bilder- und Phantasiewelt des Mittelmeerraums war. Die beiden Kunstsprachen sollten sich voneinander unterscheiden. Eine Synergie aus dem italienischem Text einer Kindheit und den dazu gestalteten Illustrationen einer Anke Feuchtenberger sollten dem Gesamtwerk eine Allgemeingültigkeit geben. Eine mögliche Kindheit an einem Ort, der überall sein kann. Zur Internationalen Kinderbuchmesse in Bologna kommt nun ein weiteres Kunstwerk heraus. Diesmal sind die Texte deutschen Ursprungs und die Illustrationen von italienischer Hand:Vergrößerungen von Walter Benjamin mit Zeichnungen von Gabriella Giandelli.

Else in Torpignattara

Torpignattara ist traditionell ein Viertel, das schon immer Einwanderer aus Italien und der ganzen Welt anzog. Hat Torpignattara noch immer ein Stigma? Marco sagt nein. „Ein Stigma kann auch zum Boomerang werden, man sollte sich dessen nicht annehmen und es vor allem nicht ausnutzen, um es zu einer Marke zu machen. Manchmal kommt ein Stigma gar nicht von außen, sondern von innen. Denn in Torpignattara passiert gar nicht viel. Else Edizioni möchte nicht berühmt dafür sein, dass wir in Torpignattara sitzen, als wäre es die Bronx. Wir schöpfen unseren Wert nicht daraus, wo wir herkommen. Natürlich gibt es in Torpignattara Probleme, aber es sind dieselben wie in der ganzen Stadt und sie haben nichts mit den Migranten oder der Migration zu tun.“ Und wie integriert sich Else Edizioni ins Viertel? „Else Edizioni arbeitet viel mit den Schulen zusammen. Wir machen Leseförderung, fertigen gemeinsam Bücher und Illustrationen an. Das machen wir in ganz Italien, aber natürlich hat es einen Mehrwert, wenn wir es direkt in unserem Viertel machen.“ Außerdem öffnet der Verlag seine Werkstatt den Bewohnern bei jeder Gelegenheit, die sich ihnen bietet, wie z.B. für Workshops mit Kindern zum bengalischen Frühlingsfest. Die Erwachsenen hingegen haben diesen Ort als Galerie und Buchhandlung sehr gut angenommen und kommen zahlreich, um sich die Ausstellungen anzuschauen oder Bücher zu kaufen. Else Edizioni ist zu einem Begegnungspunkt für das ganze Viertel geworden. Hier trifft man auf neue Bücher, auf Italien, Europa und die Welt. Während des Interviews hört man im Hintergrund Verkehr, Kinder, Gespräche.
Torpignattara ist ein lebendiges Viertel in Bewegung, das von sich hören lässt und viel erreichen kann. Wenn Stadt und Bewohner es gemeinsam angehen.