Rom – Torpignattara Ein Museum der Gemeinschaft

Ecomuseo Casilino
Foto © Luisa Fabriziana

Das Ecomuseum Casilino Ad Duas Lauros ist nicht nur ein Ort innerhalb des archäologischen Parks von Centocelle, der von geografischen Grenzen wie auch von den theoretischen Grenzen einer akademischen Hypothese umschlossen wird, sondern es ist eine regelrechte Liebeserklärung der zu einer wahren Gemeinschaft vereinten alten wie neuen Bewohner des Viertels an ein einst am äußersten Stadtrand gelegenes Gebiet, das sich heute jedoch immer mehr dem Stadtzentrum nähert.

Pulsierendes Herz ist das Stadtviertel Tor Pignattara, wo viele Kulturen (mehr oder weniger) friedlich zusammenleben, einschließlich der italienischen Urbevölkerung, und wo man sich zwischen Asiaten in traditioneller Kleidung und Nachkommen der historischen nationalen Einwanderung des zwanzigsten Jahrhunderts leicht in Multikulti-Lobliedern verliert.

Ein Pakt der GEmeinschaft

Die Liebe und der Enthusiasmus, die hinter und in dieser wahrhaften Institution stecken, werden in den Worten Claudio Gnessis, künstlerischer Leiter des Projekts und Verantwortlicher für den Bereich Kunst und Kultur, greifbar. Sicherheit ausstrahlend, führt er uns geradezu physisch ins Innere des Ecomuseums.
„Die Theorie der Ecomuseen ist eine absolut zeitgenössische“, erklärt Gnessi. „Der Begriff Ecomuseum wurde von dem französischen Historiker und Museologen Hugues de Varine geprägt und bezeichnet eine ‚Repräsentation dessen, was ein Gebiet und seine Bewohner ausmacht, ausgehend von der gelebten Kultur der Menschen, ihrer Umwelt, was sie von der Vergangenheit geerbt haben, was sie lieben und ihren Gästen zeigen, was sie ihren Kindern überliefern möchten‘. Aus meiner Sicht wurde dieses Konzept allerdings im Laufe der Zeit – ausgerechnet von dessen Spezialisten – schlecht umgesetzt, weil es paradoxerweise in Widerspruch dazu trat, was das ursprüngliche Anliegen der Texte war. Es ist zu einer nostalgischen, das eigene Gebiet verteidigenden Position verkommen, bis zur Verteidigung der Identität. In Wahrheit dient ein Ecomuseum als Pakt der Gemeinschaft, sich um ihr Gebiet zu kümmern, es aufzuwerten und davon zu erzählen, nicht nur im konservativen Sinne. Und das ist ein Satz, dessen Begriffe sehr spezifische Bedeutungen haben. Pakt versteht sich nicht als Handschlag, um Regeln und Bündnisse zu besiegeln, sondern als das Teilen von Zielen und Strategien, was eine Beteiligung aller impliziert, abgesehen von den Individuen, die sie umsetzen. Das Wort Gemeinschaft wiederum steht zwar im Singular, bezeichnet aber eine Pluralität. Eigentlich wäre es treffender, von Gemeinschaften im Plural zu sprechen. Die Gemeinschaft wird so zu einem aus Einzelsubjekten bestehenden Ganzen, aus den ‚Untergemeinschaften‘, die in einem Gebiet ansässig sind, und aus den einzelnen Bürgern, die einen Dialog ins Leben rufen. Das Ecomuseum ist also ein Pakt, Frucht eines Dialogs, einer Vielzahl von Dialogen zwischen verschiedenen Subjekten, um ein Ziel zu erreichen. Und dieses Ziel ist, sich um ein Gebiet zu kümmern, nicht es zu verteidigen. Kümmern und Verteidigen haben sehr verschiedene Dynamiken, kümmern heißt einfach, rausgehen und die Straße fegen, es heißt, sich des Gebiets anzunehmen und es besser zu hinterlassen, als man es vorgefunden hat.“

Gemeinsam entwickeln die Bürger neue Ideen. Gemeinsam entwickeln die Bürger neue Ideen. | Foto © Luisa Fabriziana

Der Ort als Kulturelles Kapital

Der Begriff Museum bezieht sich also nicht auf etwas zum Anschauen, sondern auf etwas zum Bewahren. „Nein, es verhält sich noch etwas anders“, merkt Gnessi an. „Die Vorsilbe Eco kommt von oikos, griechisch für Haus, ein Ecomuseum ist also ein Museum des Hauses, das Museum der Hausgemeinschaft. Wenn du es in der Perspektive des Hauses betrachtest, erschließen sich dir eine Reihe sehr wichtiger Bedeutungen, denn das Museum macht den Ort, an dem du lebst, jedes Element, aus dem sich dieser Ort, an dem du lebst, zusammensetzt, zum Kapital: von der materiellen Komponente – den Denkmälern, den Straßen – zur immateriellen – den Geschichten, Erinnerungen, Beziehungen und Gefühlen. Alle werden zu kulturellen Ressourcen, die ‚zur Schau gestellt‘ werden, als wäre es die Vitrine deines Zuhauses, eine Vitrine, die immer zugänglich ist. Wenn du jemanden bei dir zuhause aufnimmst, zeigst du ihm sozusagen den kulturellen Wert, der dort ausgedrückt wird. Doch was passiert in dem Moment, und ich beziehe mich hierbei auf die Migranten, wenn dieses Haus nicht nur langjährige Einwohner aufnimmt, die das kulturelle Kapital im Laufe der Zeit aufgeschichtet haben, sondern auch Menschen, die aus anderen Welten kommen? Ganz sicher bleibt das Kapital nicht irgendwo stehen. De Varine zufolge ist das kulturelle Kapital eines Ecomuseums etwas Dynamisches, nichts, was sich in eine Vitrine schließen und dort konservieren ließe. Das Ecomuseum will die Idee, dass lokale Identität etwas Festgelegtes und über die Zeiten Fixes sei, umstürzen; und das Dynamische ist vor allem der immaterielle Teil des kulturellen Kapitals: Geschichte, Gedächtnis, Beziehungen. Im Kontext dieser Dynamik produziert die Tatsache, dass hier nicht-italophone Gemeinschaften mit ganz anderen kulturellen Bezügen leben, neue Kultur, denn auch sie bringen ihre Geschichten mit. Wir haben in der Via di Acqua Bullicante ein Wandgemälde realisiert, auf dem genau das dargestellt ist: die Verflechtung von Geschichten aus drei verschiedenen Orten – Rom, Dhaka, Peking. Die erzählten Geschichten ähneln einander, sie handeln alle von Leuten, die losgezogen sind, um einen besseren Ort zu finden, an dem sie ihr Leben aufbauen können, und denen es mühsam gelingt, diesen Traum zu verwirklichen, in katastrophalen Umständen aufgebrochen und hier in Tor Pignattara angekommen, das zu ihrem neuen Zuhause geworden ist. Ausgehend von unterschiedlichen Standpunkten, unterschiedlichen Religionen, unterschiedlicher Spiritualität kreuzen sich die Geschichten hier und finden in diesem Kontext neue Möglichkeiten der Integration.“
 
  • Conoscere il territorio Foto © Luisa Fabriziana
    Conoscere il territorio
  • Pietra d'inciampo a Torpignattara Foto © Luisa Fabriziana
    L'artista tedesco Gunter Demnig posa una pietra d'inciampo a Torpignattara in memoria dei partigiani uccisi dalle truppe naziste nel 1944
  • Tour guidato a Torpignattara Foto © Luisa Fabriziana
    Alla scoperta dell'antica Roma a Torpignattara

Mit Leib und Seele

Torpignattara wurde 1927 in das Stadtgebiet Roms eingemeindet, aber bis vor wenigen Jahren wurde es noch als minderwertige Peripherie betrachtet. „Wir als Ecomuseum sind von der Notwendigkeit ausgegangen, genau diesen, auch in offiziellen Akten der Stadtverwaltung bestätigten Gemeinplatz zu bekämpfen, dass Torpignattara ein Gebiet sei, wo es nichts gebe, ein belangloses Randgebiet. Der Ecomuseumsverein entstand 2012, um möglichen Bauspekulationen entgegenzuwirken, die von diesen Voraussetzungen ausgehen könnten. So nach dem Motto: ‚Da gibt es ja nichts, also bauen wir ein paar neue Mietshäuser und Einkaufszentren.‘ Wir haben das gesamte Gebiet erforscht und gezeigt, dass es hier im Gegenteil sehr viel gibt. Wir begannen mit einer Analyse des materiellen Erbes, angefangen im archäologischen Bezirk Ad Duas Lauros. Gerade auf archäologischer Ebene entdeckten wir sehr viel Neues: christliche Mausoleen im Inneren des heutige Vannini-Krankenhauses, jüdische Katakomben, ein vermutlich dem Gott Mitra geweihter unterirdischer Grabbau – und schon sieht man die Vielfalt der Religionen, die dieses Gebiet schon immer durchzogen hat. Dann sind wir zu allem übergegangen, was sich aus historischen Quellen ziehen lässt, haben mit dem Kartographieren der Gemeinschaften weitergemacht, mit den Geschichten, Erzählungen und Darstellungen aller aktuellen Bewohner. Wir haben ein Netz materieller und immaterieller kultureller Ressourcen erstellt. 165 kulturelle Ressourcen haben wir identifiziert und georeferenziert. Der nächste Schritt wird sein, Kapital aus dem kulturellen Erbe der migrantischen Gemeinschaften zu ziehen. Anders gesagt: Worin besteht das Vermögen des Gebiets, dass zum Beispiel auch Menschen bengalischer oder chinesischer Herkunft es als ihr Zuhause definieren? Denn auch sie haben es zu Kapital gemacht, auch sie haben hier ihre Territorien der Seele, und wir wollen nachsehen, ob es da Überlagerungen geben könnte.“

Als Museum raus aus dem Museum

Jedenfalls ist das Projekt des Ecomuseums Casilino Ad Duas Lauros, das aus der Erfahrung der Bürgerinitiative von Torpignattara entstanden ist, einzigartig und äußerst innovativ. „Wir haben ein sehr kompetentes wissenschaftliches Kollegium, das die Aktivitäten selbst leitet, was zu stark besuchten Werkstätten führt. In diesen sechs Jahren haben zwischen 4000 und 4500 Menschen teilgenommen. Der Innovationsanteil ist in jedem Fall sehr hoch im Vergleich zu anderen Ecomuseen“, schließt Gnessi. „Wahrscheinlich sind wir als einziges Ecomuseum vollständig digitalisiert. Alles, was wir hervorbringen, sei es als Ergebnis von Grundlagenforschung, sei es in den Werkstätten, wird in digitale Inhalte umgewandelt und frei zur Verfügung gestellt, geolokalisiert und georeferenziert. Das Beteiligungsniveau und die Verbreitung des Wissens übertragen wir so vom analogen Moment des Zusammentreffens hin zum digitalen Moment, in dem die Information gestreut wird. Kurz, wer immer das möchte, kann aus unseren Erkenntnissen schöpfen und daraus sein eigenes kulturelles Artefakt machen. So treiben wir de Varines Theorien voran, mit einem Museum, das nicht nur sein Museum verlässt, sondern dazu noch sein zugehöriges Gebiet.“