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Berlinale-Blogger 2019
Genderrollen im Alltag

Normal, Adele Tulli – Berlinale 2019
Normal, Adele Tulli – Berlinale 2019 | Foto (Zuschnitt): © FilmAffair

Was gilt in Italien, beziehungsweise allgemein in der westlichen Welt, als normal? Diese Frage stellt sich die anerkannte Dokumentarfilmerin Adele Tulli, die es geschafft hat, in den vergangenen Jahren auch gleich noch ein PhD-Studium in England, zu Theorie und Praxis des Dokumentarfilms zu absolvieren. Das Thema ihrer Abschlussarbeit: Untersuchung von Geschlechterkonventionen durch das Medium Film.

Von Andrea D’Addio

Vor diesem Hintergrund entstand auch ihre jüngste filmische Arbeit Normal, die sie nun auf der Berlinale 2019 präsentiert. Normal zeigt eine Art Collage unterschiedlicher Alltagsszenen, die zunächst scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Dennoch wird im Laufe des Films deutlich, wie sehr das Leben eines jeden Einzelnen von uns von Beginn an durch Geschlechterkonventionen geprägt wird.

Von der Wiege bis zur Bahre

Die erste Szene zeigt eine Gruppe schwangerer Frauen bei Aqua-Gymnastik-Übungen in einem Schwimmbecken. Die Kamera bleibt dabei unter der Wasseroberfläche, die Köpfe der Frauen sind nicht zu sehen. Das ist kein Zufall. Im gesamten Film wird darauf geachtet, keine Protagonisten zu kreieren, sondern vielmehr Details zu zeigen, um durch sie das Universelle abzubilden. Es gibt keinen Erzähler, die Bilder müssen für sich selbst sprechen. Dasselbe gilt für die nächste Einstellung. Jetzt sehen wir ein Mädchen, wenige Augenblicke bevor ihm Ohrlöcher gestochen werden. Ein Initiationsritus, der den gleichaltrigen Jungs erspart bleibt, die hingegen mit ihren Vätern an Motocross-Bewerben teilnehmen. Die Wege beider Geschlechter sind bereits vorgezeichnet: Schönheit und Körperpflege auf der einen, Wettbewerb und Aggressivität auf der anderen Seite. Im Laufe der Zeit scheinen sich die beiden Pole wieder anzunähern, um sich bei der Hochzeit beinahe zu berühren und kurz darauf wieder zu trennen. Dann nämlich, wenn – wie im kirchlichen Ehevorbereitungskurs zu hören ist – die anfängliche Leidenschaft nachlässt und „es Aufgabe der Frau ist, sich um ihren Mann zu kümmern und die Beziehung zu pflegen“.

Normal erzählt von allen diesen Dingen, überlässt es aber dem Zuseher, eigene Schlüsse aus dieser einzigartigen Collage zu ziehen, die kein ausdrückliches Urteil fällt und zugleich Ironie in auf den ersten Blick konventionelle Szenen bringt. Das Ergebnis ist ein ebenso intelligenter wie origineller Film von außergewöhnlicher Qualität.

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