Berlin Biennale 2016 Is The Present in Drag?

Cécile B. Evans, What the Heart Wants, 2016, HD-Video, Farbe, Ton; Wasser, Holzplattform HD video, color, sound, 40‘, water, wooden platform
Cécile B. Evans, What the Heart Wants, 2016, HD-Video, Farbe, Ton; Wasser, Holzplattform HD video, color, sound, 40‘, water, wooden platform | Foto: Timo Ohler

Bunte Perücken, Schauspieler mit übertriebenen Bewegungen, elektronische Musik, computergenerierte Stimmen und technologische Instrumente von zweifelhaftem Nutzen finden sich hier in einer surrealen, prophetischen Inszenierung vereint: Die (virtuelle oder reale?) Anwesenheit in der zeitgenössischen Welt muss als Travestie auftreten, um sich der Überwachungsgesellschaft zu entziehen.

Auf der IX. Berlin-Biennale von Ei Arakawa vorgestellt, scheint die Performance "How to DISappear in America: The Musical" die geeignete Metapher für eine Biennale zu sein, deren Themen die Travestie, die Egozentrik und das Verhältnis zur Technologie sind. "The Present in Drag" wird betreut von dem New Yorker Kollektiv DIS, das wegen seiner redaktionellen Tätigkeit auf der Plattform DIS Magazine zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Mithilfe des Blogs Fear of Content antizipiert DIS die Inhalte der Ausstellung und strukturiert dabei seine Überlegungen zu den Paradoxien, die die Welt im Jahr 2016 durchziehen: „das Virtuelle als das Reale, Nationen als brands, Personen als Daten, Kultur als Kapital, Wohlstand als Politik, Glück als BSP“ – so steht es in ihrem Katalogtext zu lesen.
DIS zufolge ist die Zukunft etwas Vertrautes, absehbar, unveränderbar wie die Vergangenheit, während die Gegenwart das Unbekannte, Unvorhersehbare und Unverständliche darstellt, „modelliert an einem fest verwurzelten Interesse an der Fiktion, der Vorspiegelung“. Unmöglich zu entschlüsseln, ist die Gegenwart nur akzeptabel in der Travestie (in drag) bzw. in der ständigen Projektion nach vorn, der Zukunft entgegen (ebenfalls in drag).

  • Eii Arakawa, How to DISappear in America: The Musical, 2016, Performance, ca. 70’. Courtesy Ei Arakawa; Dan Poston; Stefan Tcherepnin; Reena Spaulings Fine Art, New York; Taka Ishii Gallery, Tokyo Foto: Gayla Feierman
    Eii Arakawa, How to DISappear in America: The Musical, 2016, Performance, ca. 70’. Courtesy Ei Arakawa; Dan Poston; Stefan Tcherepnin; Reena Spaulings Fine Art, New York; Taka Ishii Gallery, Tokyo
  • Jon Rafman, View of Pariser Platz, 2016, Marmor, virtuelle Realität. Co-Regie Jon Rafman und aSamuel Walker. Courtesy Jon Rafman; Future Gallery, Berlin Foto: Timo Ohler
    Jon Rafman, View of Pariser Platz, 2016, Marmor, virtuelle Realität. Co-Regie Jon Rafman und aSamuel Walker. Courtesy Jon Rafman; Future Gallery, Berlin
  • Debora Delmar Corp., MINT, 2016, Juice bar, furniture, prints, Courtesy Debora Delmar Corp., Duve, Berlin Foto: Timo Ohler
    Debora Delmar Corp., MINT, 2016, Juice bar, furniture, prints, Courtesy Debora Delmar Corp., Duve, Berlin
Diese radikale Vorstellung über das Heute durchzieht alle fünf Schauplätze der Ausstellung und bezieht dabei Werbung und Kommunikation in die Biennale mit ein; es werden Strategien zur Umleitung der Touristenströme eingesetzt, und man nickt den Bereichen Business und der Mode augenzwinkernd zu. Mit Ausnahme des historischen KW Institute for Contemporary Art kondensieren die Schauplätze tatsächlich diese Dimensionen, sei es aufgrund ihrer Lage (wie im Fall der Akademie der Künste am Pariser Platz oder der Aussichtsfähre Blue Star, die den Routen der Touristenboote folgt), sei es wegen ihrer Alltagsfunktion (wie die Privatschule ESMT European School of Management and Technology, oder The Feuerle Collection, ein Bunker, der als kleines und von den Sammlern der Stadt eifrig besuchtes Museum gestaltet ist).
Aber die zentrale Lage der Biennale-Orte spiegelt auch jenen Wunsch nach Horizontalität, der die allgemeine Tendenz dieser Biennale verdeutlicht, nämlich Post-Internet, d. h. die sorgfältige Orientierung am digitalen Wortschatz, wie sie für die Künstler typisch ist, die nach dem Aufkommen des Internet die Szene betreten haben.
Bewusst in der Optik eines großen Lagerhauses gestaltet, stellt die Akademie der Künste die Widersprüche einer oberflächlichen, konsumorientierten Welt heraus, die gleichgültig Kulturprodukte verschlingt, darunter gesundheitsbewusste Smoothies an der Bar der Künstlerin Debora Delmar und Kleider der allerneuesten Mode des Stylisten TELFAR. Im Obergeschoss fokussieren die Videos von Lizzie Fitch und Ryan Trecartin die Aufmerksamkeit auf das Thema Identität und Selbstdarstellung im Reich des Internet, unter Hervorhebung von Trash und Narzissmus als Anzeichen eines Nihilismus, der sich längst in die Angst vor dem Nicht-Sein verwandelt hat.  The Tower (2015) und ExtraSpaceCraft (2016), beides Video-Installationen von Hito Steyerl, verdichten die kritischen Überlegungen des Künstlers über die digitale und neokapitalistische Epoche, in dem die Verbindungen zwischen wirtschaftlichen und militärischen Interessen aufzeigen. Auf der Aussichtsterrasse der Akademie stellt Jon Rafman eine postapokalyptische Erfahrung virtueller Realität aus, umgesetzt mithilfe der Datenbrille Oculus Rift, die das gesamte Gesichtsfeld abdeckt.
Im KW Institute for Contemporary Art beherbergt ein mit einem Laufsteg ausgestattetes Schwimmbecken die großformatige Videoprojektion What The Heart Wants (2016) von Cécile B. Evans, die das menschliche Element in der Zukunft untersucht und dabei Identitäten vorstellt, wie sie vom Fluss der neuen Technologien gespiegelt werden. Wu Tsang hingegen unternimmt in Duilian (2016) die Rekonstruktion der modernen Mythologien aus der queer-Perspektive heraus, wobei Qiu Jin, die so genannte Jeanne d’Arc Chinas, im Fokus steht. Im zweiten Stock schließlich ist Office of Unreplied Emails von Camille Henrot zu sehen, eine Sammlung von Zeichnungen, die sich dem Besucher als emotive Antwort auf etwa hundert E-Mails darstellen, die Henrot von Aktivisten verschiedener Couleur und Politikern erhalten hat, die so die Unterstützung der Künstlerin für ihre jeweilige Sache einfordern wollten.
Die IX. Berlin-Biennale institutionalisiert das Virtuelle als konkrete Realität, als DNS der zeitgenössischen Welt, und Business und Werbung als Prothesen einer Kunst, die die Sprache von heute ganz und gar reflektiert. Die von DIS erahnte Vision spricht von einer Welt in HD, vom Vergessensein der alten Ideologien, die durch neue, cool und kurzlebig, ersetzt sind. Die Wirklichkeit mit Photoshop zu behandeln scheint das vordringlichste Gesetz der Gegenwart zu sein. Aber ist eine solche „maskierte Gegenwart“ tatsächlich ein Produkt unserer Zeit oder nur eine elitäre, autoreferenzielle Strömung? Stellt "The Present in Drag" den Zeitgeist dar, oder nicht doch vielleicht nur den DIS-Geist?