Berlin Biennale 2016 Berlin, zwischen Hightech-Architektur und Klassizismus: Eine Reise zum Ende der Stadt

Das Humboldtforum, von der Spree aus gesehen.
© Förderverein Berliner Schloss / eldaco, Berlin

So wie man beim Bearbeiten von Texten mithilfe von „Kopieren und Einfügen“ mehr oder weniger große Textabschnitte hin und her schiebt, so scheinen in Berlin Städteplaner, Architekten und Politiker diese Funktion genutzt zu haben, um die großen Löcher zu stopfen, die die Geschichte gerissen hat: Kopiert und eingefügt wurden historische Fragmente, bis ein Patchwork entstanden ist, das zugleich mehrteilig und unzusammenhängend ist.
Das architektonische Panorama der deutschen Hauptstadt zeigt eine Schichtung, die sozusagen den genetischen Aufbau der Geschichte beleuchtet, in der der ursprünglich in eine Richtung verlaufende Strom unterbrochen, umgeleitet und zusammengeflickt  wurde, um dann neu geschaffen zu werden von Mächten und Entscheidungen, die eindeutig ideologische Inhalte erkennen lassen. Anhand zweier Schauplätze der von dem New Yorker Kollektiv kuratierten IX. Berlin-Berlinale lässt sich diese post-historische Gegebenheit erfahren, ebenso wie die symbolische und historische Erbschaft einer Gegenwart, die das Ergebnis der geschichtlichen Wechselfälle, oft aber unfähig ist, ihre eigene Genealogie zu erkennen.
Am Ufer der Spree stehen die Gebäude, die die heutige Skyline Berlins ausmachen, von der klassizistischen Museumsinsel über die Plattenbauten am Alexanderplatz, das Paul-Löbe-Haus und das Bundeskanzleramt bis zum Haus der Kulturen der Welt – ein sehr vielfältiges Profil.

Diesen architektonischen Spaziergang kann man dieses Jahr direkt von einem Biennale-Schauplatz aus unternehmen, nämlich dem Flussboot, das die Installation von Korakrit Arunanondchai und Alex Gvojic beherbergt (There’s a word I’m trying to remember, for a feeling I’m about to have (a distracted path toward extinction, 2016): Man erlebt die Stadt vom Fluss aus, mit all ihren Rissen, Flickstellen und Bemühungen um Wiederaufbau. Vom Bootsinnern aus, das mithilfe von zerlöcherten Segeln im Halbdunkel gehalten ist, lassen sich die Umrisse der historischen Gebäude erahnen, die sich den Platz mit hypermodernen Hightech-Bauten teilen. Die Installation der beiden Künstler reflektiert über die Auslöschung der menschlichen Rasse, und das gleichzeitig erlebte Panorama der Stadt und ihrer Wiedergeburt stellt den Kontrast zu dieser postapokalyptischen Vision dar.
Im Gefolge der großen tabula rasa des 2. Weltkriegs, der  erst vor kurzen geheilten klaffenden Wunde der Berliner Mauer und der aus ihr entstandenen Reibung zwischen den beiden deutschen Regierungen, war Berlin Gegenstand einer Lücke in Raum und Zeit, die in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten künstlich und uneinheitlich gefüllt wurde, durch eine groß angelegte architektonische und städteplanerische Aktion, in der die Geschichte mehr als ein die Gegenwart gestaltendes Element herangezogen wurde  denn als Zeugnis, Souvenir oder Warnung aus der Vergangenheit.


Korakrit Arunanondchai, Alex Gvojic, There’s a word I’m trying to remember, for a feeling I’m about to have (a distracted path toward extinction), 2016, installation view. Korakrit Arunanondchai, Alex Gvojic, There’s a word I’m trying to remember, for a feeling I’m about to have (a distracted path toward extinction), 2016, installation view. | Courtesy by the artists and the 9th Berlin Biennale for Contemporary Art

Auch die European School of Management and Technology im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude ist solch ein symbolischer Ort für das von der Zeit Ausgesonderte: In seine Architektur wurde ein Teil der ursprünglichen Fassade des Berliner Stadtschlosses eingearbeitet, darunter der Balkon, von dem aus Karl Liebknecht 1918 die sozialistische Räterepublik ausrief. Gerade wegen dieser Eigenheiten wählte das DIS-Kollektiv dieses Gebäude – die Quintessenz des Semiokapitalismus – als einen der Schauplätze der Berlin-Biennale aus. Hier ist unter anderen Werken Blockchain Visionaries (2016) von Simon Denny zu sehen, und der Saal, den der neuseeländische Künstler für seine Installation ausgewählt hat, blickt direkt auf die Baustelle des Humboldtforums hinaus, des Mehrzweck-Zentrums der Stiftung, das eben dort errichtet wird, wo einst das königliche Palais der Hohenzollern stand; bei der Eröffnung 2018 werden drei der vier Seiten des Bauwerks detailgetreu das alte Stadtschloss reproduzieren.
Die Reflexion über die Bitcoin-Währung und die zunehmende wirtschaftliche Abstraktion im Werk Dennys treten also in Dialog mit dem symbolischen Gewicht des Ortes, aber auch mit den spezifischen Gründen, warum die IX. Berlin-Biennale in genau dieser Gegend stattfindet.  Die Beziehung der European School of Management zu den umliegenden Gebäuden vermittelt eine Idee von dem Zusammenprall zwischen Neoklassizismus, modernistischem Rationalismus und Hightech-Architektur, die das Stadtbild hier kennzeichnen.


Analog zu dem heute mit dem Humboldtforum praktizierten Wiederaufbau wurde auch das durch die Bombardements im November 1944 stark beschädigte gelegene Charlottenburger Schloss in den Jahren von 1957 bis 1970 wieder aufgebaut, wobei zeitgenössische Beiträge wie die Malereien des Künstlers Hann Trier in den Bau integriert wurden (1972-1974 schuf Trier die zerstörten Deckengemälde von Antoine Pesne nach). Solche Entscheidungen spiegeln den Ansatz, den Deutschland für die Auseinandersetzung mit seinem historischen materiellen und immateriellen Erbe gewählt hat. In direktem Gegensatz dazu wurde das (auf DDR-Gebiet gelegene) Stadtschloss (dessen Ruinen als Kulissen für Kriegsfilme verwendet wurden) 1950 vollkommen demoliert, galt es doch als Symbol für den preußischen Imperialismus/Militarismus, der mit der alles erneuernden sozialistischen Ideologie ausgelöscht werden sollte. Anstelle des Stadtschlosses entstand also 1973-1976 der Palast der Republik als Sitz des Parlaments, der seinerseits in den Jahren 2006-2008 abgerissen wurde, um Platz für das Humboldtforum zu schaffen, für das der italienische Architekt Franco Stella den Entwurf lieferte.      

Ein solches Wiederzusammenfügen von städtebaulichen Elementen und die stilistischen Entscheidungen nach Art des Patchwork-Systems lassen notwendigerweise so manchen Punkt offen und bezeugen die sehr bewusste Absicht, ausgewählte historische Zusammenhänge herauszustellen. Die entsprechenden ideologischen und politischen Implikationen zeigen deutlich das Bild, das Deutschland von sich vermitteln will, indem manche Episoden und Ereignisse hervorgehoben und andere vernachlässigt werden. In der Tat hat Deutschland zwar klar und deutlich Stellung bezogen, was den Holocaust und dessen Bewusstmachung und Diskussion auf breiter Basis anbelangt, aber das gilt kaum für andere historische Phänomene wie beispielsweise die koloniale Vergangenheit des Landes (1884-1918) oder die Lebensbedingungen der Menschen in der DDR.

Die genannten architektonischen Entscheidungen sind viel mehr als nur Stilfragen. Sie sind ein Statement: „Arm, aber sexy“ war gestern, heute strebt die Stadt nach einer umfassenderen, aus vielen Teilen zusammengesetzten, allerdings auch weniger authentischen Identität, die besser zu einer Metropole des 21. Jahrhunderts passt, sich aber ihrer historischen Vergangenheit weniger bewusst ist. Das bedeutet eine Überwindung der Geschichte, wo einzelne Phasen und Ereignisse eine virtuelle, aber gleichzeitig auch äußerst konkrete und materielle Manipulation erfahren, wie die genannten Beispiele zeigen: Hier wird erkennbar, um wieviel besser die Plastizität der Geschichte in einer Werkstatt als in einem Museum aufgehoben ist.