Berlin Biennale 2016 Eine Alternative: Savvy Contemporary. The Laboratory of Form-Ideas

Jelili Atiku, Alaagba, Performance auf den Straßen des Berliner Stadtteils Neukölln, im Rahmen von Giving Contours to Shadows.
Jelili Atiku, Alaagba, Performance auf den Straßen des Berliner Stadtteils Neukölln, im Rahmen von Giving Contours to Shadows. | Foto: Emma Haug

In dem vielteiligen Berliner Mosaik, das der Kunst und der Kultur gewidmet ist, hat Savvy Contemporary seit 2009 seinen Platz als alternativer Erfahrungsraum. Seit 2013 residiert die Organisation in den Räumen des ehemaligen Krematoriums im Wedding, im Herzen Berlins. Hier haben wir The Incantation of Disquieting Muse besichtigt, eine Ausstellung, an der sich die Stellung dieser Non-Profit-Organisation im Panorama der Stadt festmachen lässt. Die Ausstellung – ein Gemeinschaftsprojekt von Savvy und dem Goethe-Institut Südafrika – ist bis zum 7. August 2016 zu sehen und sucht die westlichen Vorurteile zu überwinden, die sich um die Thematiken des Übernatürlichen herum gebildet haben. Dazu werden die Phänomene und Praktiken der Hexerei aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet und in ihrem jeweiligen kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Kontext in Afrika und anderswo  vorgestellt. Dies ist ein neues Kapitel in der Entwicklung von Projekten, die dieser Raum seit seiner Gründung vorantreibt, in gegenläufiger Tendenz zu dem Ansatz des Berliner Kunstsystems, in dem Europa und die USA den zentralen Raum einnehmen. Durch die Konzentration auf ein Thema, das scheinbar weitab von den Interessen der westlichen Kultur liegt, nutzt die Ausstellung diesen Rahmen, um die heutigen kognitiven Prozesse infrage zu stellen.

Es war die Absicht des Gründers und künstlerischen Leiters Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und seiner Ko-Direktorin Elena Agudio, mit Savvy Contemporary eine Plattform für den Austausch zwischen verschiedenen Kulturen zu schaffen, ein laboratory of form-ideas, das durch Ausstellungen, Performance-Kunst und Gespräche zu einem Ort der disziplinübergreifenden Interaktion wird, wo Kunst, Naturwissenschaft, Soziologie, Anthropologie und Philosophie nebeneinander existieren. Im Lauf der Jahre gelangte Savvy zu einer Position der Offenheit und Zusammenarbeit mit den Berliner Institutionen, den Kulturschaffenden, der lokalen Community und den diversen Vereinigungen, die sich auf dem Sektor bewegen. Seit 2014 kondensiert sich im Projekt Colonial Neighbours die Philosophie von Savvy: Ein Archiv in progress, gefüllt mit Beiträgen von Künstlern, Aktivisten, Forschern und den Einwohnern des Wedding und gerichtet auf die Erarbeitung einer neuen Form des kollektiven Gedächtnisses. Dazu werden private Dokumente, Fotografien und andere Spuren gesammelt, die die koloniale Vergangenheit Deutschlands dokumentieren. Giving Contour to Shadows  ist ein weiteres Beispiel für die von Savvy praktizierte Politik der Zusammenarbeit: 2014 auf den Weg gebracht, handelt es sich um ein Ausstellungs- und Forschungsprojekt, das den traditionellen eurozentrierten Ansatz der Geschichte gegenüber thematisiert und in Zusammenarbeit mit einer Reihe Institutionen realisiert wurde, darunter  der Neue Berliner Kunstverein, die Gemäldegalerie Berlin und das Centre for Contemporary Art of East Africa (CCAEA, Nairobi, Kenya).

Eines von Savvys besonderen Interessengebieten ist die Performance-Kunst, nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Ausstellung, sondern auch unter dem des Lernens und der Vertiefung durch Workshops, Konferenzen und Runde Tische, die zuerst in Neukölln abgehalten wurden, wo Savvy vorher seinen Sitz hatte. Das vielfältige Angebot der Non-Profit-Organisation umfasst ein im Februar 2014 initiiertes Residentschaft-Programm für KünstlerInnen, KuratorInnen, KritikerInnen und angehende SchriftstellerInnen mit dem gemeinsamen Ziel, die in der westlichen Welt überkommenen Grenzen von Kunst und Kultur zu erfassen und neu zu definieren. Unverzichtbar für diese Auseinandersetzung ist die Arbeitsform der Werkstatt; es wird regelmäßig und auf Einladung der künstlerischen Leitung ein/e Kurator/in von außen hinzugezogen, der/die zwei KünstlerInnen auswählen soll (eine/r aus Europa oder Nordamerika, der/die andere aus Südamerika, Afrika, Asien oder Ozeanien). Damit soll eine Verbindung zwischen weit voneinander entfernte und sehr unterschiedlichen Kulturen geschaffen werden, die dann in ein Ausstellungsprojekt münden soll. Die Absicht ist also, aus dem Herzen des Westens heraus eine nicht westliche Perspektive zu formulieren, bei der Fragen im Zusammenhang mit Postkolonialismus, Identität, dem digitalen Zeitalter, Wissenschaft und Technologie mithilfe der Kommunikationssysteme der Kunst angegangen werden.   

  • Kiluanji Kia Henda, The bad guys and the good guys; Georges Senga, Purification, in The Incantation of the Disquieting Muse, Savvy Contemporary, 2016. Foto: India Roper-Evans
    Kiluanji Kia Henda, The bad guys and the good guys; Georges Senga, Purification, in The Incantation of the Disquieting Muse, Savvy Contemporary, 2016.
  • Colonial Neighbours, 2014, Projekt Savvy Contemporary; Blick auf die Ausstellung The Incantation of the Disquieting Muse, Savvy Contemporary, 2016. Fot:, India Roper-Evans
    Colonial Neighbours, 2014, Projekt Savvy Contemporary; Blick auf die Ausstellung The Incantation of the Disquieting Muse, Savvy Contemporary, 2016.
  • Ayrson Héraclito, Buruburu; Priscila Rezende Re-education, Performances in: The Incantation of the Disquieting Muse, Savvy Contemporary, 2016. Foto: India Roper-Evans
    Ayrson Héraclito, Buruburu; Priscila Rezende Re-education, Performances in: The Incantation of the Disquieting Muse, Savvy Contemporary, 2016.