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Stadtkonturen
München ist konservativ? Traditionell? Feuchtfröhlich?

Ja, was denn nun eigentlich? Erkundet mit uns die bayerische Hauptstadt – auch gegen den Strich. Wir skizzieren die klassischen Orte, Gruppen und Events, die nicht aus dem Stadtbild wegzudenken sind – und ziehen neue Konturen, indem wir das ein oder andere Klischee ins Wanken bringen.

Von Manon Hopf und Elisa Jochum

In München steht ein Hofbräuhaus

Musiker*innen im Hofbräuhaus Musiker*innen im Hofbräuhaus | Foto (Detail): © picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo

In der Münchener Altstadt, am Platzl, steht das über 400 Jahre alte Staatliche Hofbräuhaus. Der wohl bekannteste Teil des Hofbräuhauses ist die Schwemme, eine große Bierhalle, wo rund 1.000 Gäste an den Holztischen Platz finden. Dort stehen auch die berühmten Maßkrugtresore, in denen Stammgäste ihre Bierkrüge einschließen können. Die Münchner*innen lieben ihr Bier, das ihnen auch in schweren Zeiten zur Seite steht: Als im Winter 1823 das Münchner Opernhaus in Flammen stand, war das Löschwasser eingefroren – und so wurde mit Bier gelöscht. Das Hofbräuhaus ist nicht nur für Blaskapellenliebhaber interessant, sondern auch etwas für Geschichtsinteressierte. Hier riefen 1919 Betriebs- und Soldatenräte die kommunistische Räterepublik aus, die sich jedoch nur weniger als einen Monat halten konnte. Kaum ein Jahr später wurde am selben Ort die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) gegründet und Adolf Hitler stellte ihr Parteiprogramm vor. Heute ist das Staatliche Hofbräuhaus am Platzl jedoch vor allem als Touristenattraktion bekannt, und das auf der ganzen Welt: Es steht sogar eine Replik des Gebäudes in Las Vegas.

Von Ochsen und Karotten 

Inges Karotte Inges Karotte | Foto (Detail): © picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo

Das Münchener Glockenbachviertel und das benachbarte Gärtnerviertel sind bekannt für ihre Lesben- und Schwulenszene. Seit den Fünfzigerjahren entwickelte sich München zu einem Zentrum der deutschen Schwulenbewegung. Später galt das Glockenbachviertel als Mittelpunkt der Rock’n’Roll- und Twist-Szene: sogar Freddie Mercury soll sich hier die eine oder andere Nacht um die Ohren geschlagen haben, unter anderem auch im Ochsengarten. Die Bar gilt als die erste Leder- und Fetischbar Deutschlands. Auch Inges Karotte war als älteste Lesbenbar Münchens eine Institution – doch es schließen immer mehr der Szenekneipen Münchens. Das könnte mitunter an der starken Konkurrenz durch Dating-Apps liegen.

Hirschgeweih trifft Speckbirne

Maibaum auf dem Viktualienmarkt Maibaum auf dem Viktualienmarkt | Foto (Detail): © picture alliance/imageBROKER

Kaum jemand nutzt heute noch den altmodischen Ausdruck „Viktualien“ für alltägliche Lebensmittel. Den Viktualienmarkt kennt dagegen jede*r Münchner*in. Sechs Tage die Woche trifft man hier offene Stände an – oder „Standl“, wie es auf bayerisch heißt. Sie beherbergen zwischen Gemüse und Blumen unzählige Spezialitäten von Honigwein bis hin zu Eisbein in Aspik. Auf dem Markt mit seiner jahrhundertelangen Tradition stehen überdies die Jahreszeiten Kopf: Über den Budendächern thront auch die elf anderen Monate des Jahres der Maibaum und, kurios, die Dekoration für den Weihnachtsbaum gibt es auch im Sommer.

Sozial und Multikulturell

Bellevue di Monaco Bellevue di Monaco | Foto (Detail): © Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

München hat den Ruf, eine von Wohlstand geprägte Stadt zu sein. Die sogenannte Schickeria, die exklusive und exzentrische Upperclass, treibt dieses Bild bereitwillig auf die Spitze. Das Bellevue di Monaco – multikulturelles Wohn- und Kulturzentrum und Bündnis für Geflüchtete und Münchner*innen – bricht mit dem Klischee. Im dazugehörigen Café krempeln sich Geflüchtete und Ehrenamtliche gemeinsam die Ärmel hoch und sorgen dafür, dass der Betrieb wirtschaftlich rentabel ist. Das Café betont die soziale und inklusive Idee hinter den erschwinglichen Preisen an diesem „Ort für alle“. Für das Zentrum ist sein eigener Erfolg ein Beweis, dass es in Bayerns Hauptstadt nicht (immer) ums Geld geht: Münchner*innen seien sich bewusst, dass der Geburtsort Glückssache ist, und engagieren sich für die, die aus Krieg und Elend flüchten mussten – mitten im Stadtkern, dessen Fläche gewerblich heiß umkämpft ist. Passenderweise soll der italienisch-französische Name „Bellevue di Monaco“, der wie ein internationaler Hotelname anmutet, auf eine Schere in unserer Gesellschaft verweisen: die Schere zwischen zwanglosen Urlaubsreisen in die herrlichsten Hotels auf der einen Seite und die notgedrungene Migration und fremdbestimmte Unterbringung vieler Geflüchteter auf der anderen. Die Verantwortlichen des Bellevue di Monaco sind überzeugt: Jede*r verdient einen „Schönen Ausblick“.

Wollt Ihr mehr über das Bellevue di Monaco erfahren? Schaut Euch Rahels Besuch vor Ort an.

Perfekte Welle

Surferin an der Eisbachwelle Surferin an der Eisbachwelle | Foto (Detail): © picture alliance / Mika

Der Englische Garten in München ist etwas fürs Auge. Am Chinesischen Turm knipsen sich Touristen gerne die Finger wund und blicken vom Monopteros, dem kleinen Tempel auf einer Anhöhe des Gartens, über weite Teile der Stadt. Einheimische wie Touristen drängen sich am Ufer des Eisbaches, um einen Blick auf die Surfer zu erhaschen. Denn die Eisbachwelle, eine stehende Welle an der Austrittsstelle des Eisbachs in der Nähe der Prinzregentenstraße, ist nicht nur unter Surfer*innen bekannt. Auch weltweit bekannte Surfer*innen waren schon hier, unter anderem Jack Johnson. Und wer sich nicht an die große Welle traut, kann sich an der kleineren etwa einen Kilometer flussabwärts versuchen. Lange Zeit war das Wellenreiten im Eisbach illegal, doch auch mit offizieller Duldung ist noch Vorsicht geboten: Es kommt immer wieder zu Stürzen und Verletzungen. Wer auf die Welle geht, riskiert etwas – und selbst wer dabei zusieht, wird eventuell nass.

Nackte Tatsachen

FFK im Englischen Garten FFK im Englischen Garten | Foto (Detail): © picture alliance / Martina Hellmann

München sei bieder? Nicht, wenn es um Freie Körperkultur – kurz FKK – geht. Denn FKK und Nacktbaden sind hier erlaubt. Und das mitten in der Stadt – zumindest in ausgewiesenen Arealen. Dazu gehören Abschnitte des Isarufers und Teile des Englischen Gartens. Auch in vielen Freibädern gibt es FKK-Zonen und Oben-Ohne-Baden darf man an der Isar ganz offiziell. Es wird sogar gemunkelt, die FKK-Badenden, die sich den Eisbach entlang treiben ließen, durften splitternackt und ohne Fahrschein zurück zu ihren Sachen mit der Tram fahren. Bereits um 1900 entwickelte sich in Deutschland eine Freikörperkultur, auch wenn man heute eher die Bilder aus der DDR kennt, wo Nacktbaden gemeinhin zur Normalität gehörte. In Westdeutschland kam es vor allem mit der Achtundsechziger-Generation und dem Fitnessboom der Achtziger- und Neunzigerjahre in Mode. Doch werden die Nacktbadenden immer weniger – zumindest in der Tram sind sie eher eine Seltenheit.

Wo sich Hase, Igel und Ludwig „Gute Nacht“ sagen

Brunnhaus im Park Nymphenburg Brunnhaus im Park Nymphenburg | Foto (Detail): © Bayerische Schlösserverwaltung www.schloesser.bayern.de / Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

Eine Nymphe ist eine Naturgöttin aus der antiken griechischen Kultur. Natur und Kultur – die beiden Schlagwörter bringen Schloss und Park Nymphenburg auf den Punkt. Erbaut im 17. und 18. Jahrhundert, sind die ehemals königlichen Anlagen heute in jedem Reiseführer der Stadt zu finden. Hier wurde Ludwig II. geboren, der legendäre bayerische König, der später das noch berühmtere Schloss Neuschwanstein errichten ließ. Hinter dem Schloss Nymphenburg erstreckt sich das Grün des Parks auf etwa 180 Hektar Fläche – mal abenteuerlich wild mit bunter Tierwelt, mal auf den Zentimeter genau kultiviert und kuratiert. Das Grüne Brunnhaus erinnert mit seinem Bettzeug auf den Fensterbänken an das Märchen von Frau Holle. Sein Zweck ist aber weniger fantastisch als visionär: Die Pumpen, die eine Fontäne im Park zum Laufen bringen, waren im 19. Jahrhundert Inbegriff der Fortschrittlichkeit. So ergibt sich ein drittes, nur auf den ersten Blick verblüffendes Schlagwort für das Naturidyll aus einer früheren Zeit: Hightech.

Schöner wohnen

Stattpark Olga Stattpark Olga | Foto (Detail): picture alliance / Sueddeutsche Zeitung Photo

München gilt als traditionell. Dagegen wirkt der Stattpark Olga wie ein Rummelplatz. Und tatsächlich: Olga räumt auf mit Vorurteilen und Klischees. Als alternativer Wohn- und Kulturraum schaffen die Bewohner des Wagenplatzes einen Ort der Begegnung und des Miteinanders. So organisieren sie ihr Leben basisdemokratisch, gemeinschaftlich und umweltbewusst, nutzen Solarstrom und Regenwasser, bauen Gemüse an, beleben Brachflächen der Stadt. Hier überschneiden sich privater und öffentlicher Raum, denn als Kulturzentrum ist der Wagenplatz offen für Gäste und bietet ein vielseitiges Programm: Filmabende, Gesprächsrunden, Konzerte und Projekte zum Thema Nachhaltigkeit – wie beispielsweise das Nähcafé.

Kunstkreise ziehen

Joseph Karl Stielers "Johann Wolfgang von Goethe" in der Neuen Pinakothek Joseph Karl Stielers "Johann Wolfgang von Goethe" in der Neuen Pinakothek | Foto (Detail): © picture alliance / Daniel Kalker

Münchens Museumsquartier, das Kunstareal, liegt im Herzen der Stadt. Rund um den Königsplatz versammeln sich zahlreiche Museen, Galerien, Ausstellungshäuser und Hochschulen. Darunter auch die Pinakotheken, bestehend aus der Alten und der Neuen Pinakothek, der Pinakothek der Moderne, dem Museum Brandhorst und der Sammlung Schack. Während in der Alten Pinakothek Kunst vom Mittelalter über Renaissance und Barock bis hin zum Rokoko zu bewundern ist, befinden sich in der Neuen Pinakothek, dem ältesten Museum für zeitgenössische Kunst in Europa, Hauptwerke des Klassizismus, der Romantik, des Jugendstils, des Impressionismus und Wegbereiter der Moderne. Fast gegenüber versammeln sich vier Museen zu Kunst, Grafik, Architektur und Design des 20. und 21. Jahrhunderts unter einem Dach – das der Pinakothek der Moderne. Hier hat auch der künstlerische Nachwuchs einen Ort: Sonntags sind Kinder eingeladen, zusammen zu zeichnen, basteln und malen. Zudem sind die Museen durch Schnitzeljagd-Entdeckertouren zu erschließen. Nicht nur Kinder, sondern auch die Erwachsenen regt die Sammlung Schack zum Träumen und Versinken an: gezeigt werden bekannte Gemälde von Sagen und Märchen. Dagegen ist das Museum Brandhorst vor allem für seine Architektur und Werkeausstellungen von Andy Warhol bekannt. Die Pinakotheken sind nicht nur ein Aufbewahrungsort, ein Ort der Geschichte – sondern gelebte, begehbare Orte der Kunst. Wer in ihren Bann gerät, wird schwer wieder herausfinden – und seine Kreise ziehen durch Jahrhunderte der Kunstgeschichte.

Vom Lesen und Demonstrieren

Lillemors Frauenbuchladen Lillemors Frauenbuchladen | Foto (Detail): © Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

Widerstand, Jugend, Lesben – so lauten nur einige der Rubriken, die frau in Lillemors, dem ältesten Frauenbuchladen Deutschlands, findet. Sechs Gründerinnen machten es sich 1975 im Zuge der feministischen Bewegung zur Aufgabe, Frauen einen selbstbestimmten Platz im Stadtbild und der Gesellschaft zu erkämpfen. So hatte eine Zeit lang nur „sie“ Zutritt: ein Ort von Frauen für Frauen, ein Treffpunkt des kulturellen Austauschs und der politischen Aktion. Das preisgekrönte Lillemors ist nicht mehr aus München wegzudenken – und heißt heute auch Männer willkommen. Die Buchhandlung tritt nicht nur für die Sichtbarkeit von Schriftstellerinnen, sondern auch von bildenden Künstlerinnen ein. Zwar werden hier keine Demonstrationen mehr organisiert wie noch in der Anfangszeit, doch das Sortiment verrät: Auch im 21. Jahrhundert sehen die Betreiberinnen noch reichlich feministischen Handlungsbedarf.
 

Stadtkonturen

Schrebergärten in Berlin oder Nacktbaden in München: Wir erkunden mit Euch deutsche Städte – auch gegen den Strich. Wir skizzieren klassische Orte, Gruppen und Events, die nicht aus dem Stadtbild wegzudenken sind – und ziehen neue Konturen, indem wir das ein oder andere Klischee ins Wanken bringen.

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