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Ausgesprochen … gesellig
Blumen und Fragen

Graffito auf einer kleinen Mauer: „Bring deiner Frau Blumen!“
Vor einem riesigen Verwaltungsgebäude, auf einem kleinen Mäuerchen steht in steiler und großer Handschrift: „Bring deiner Frau Blumen!“ | Foto (Detail): Maximilian Buddenbohm

„Bring deiner Frau Blumen!“ – eine klare Aufforderung irgendwo an einer Mauer. Möchte da jemand die Welt verbessern? – Und ist es überhaupt noch zeitgemäß, seiner Frau Blumen schenken?

Von Maximilian Buddenbohm

Vor dem riesigen Verwaltungsgebäude einer ebenso riesigen Versicherung steht auf einem kleinen Mäuerchen, das dort die pflegeleichten immergrünen Rabatten und den selbstverständlich perfekten Rasen umgrenzt, in steiler und großer Handschrift: „Bring deiner Frau Blumen!“ Ich kann nicht genau erkennen, ob es tatsächlich geschrieben oder ob es nicht eher in den zentimeterdicken Straßenschmutz an der Wand geritzt wurde. Letzteres wäre, wenn ich da richtig informiert bin, in Deutschland nicht strafbar.
 
In das Gebäude gehen täglich viele hundert Menschen, vielleicht sind es sogar mehr als tausend. Ob wohl einer von denen tatsächlich, nachdem er zum wer weiß wievielten Mal dieses Mäuerchen nach der Arbeit passiert hat, endlich einmal diese Aufforderung beherzigt und vom Büro aus direkt zu einem Blumengeschäft eilt, wobei er freudig murmelt: „Gute Idee eigentlich!“ – man weiß es natürlich nicht. Ob das schon vorkam? Doch, man möchte es wetten. In einem Film könnte man hier etliche Szenen zusammenschneiden, in denen Männer oder Frauen ihren Frauen Blumen mitbringen, immer ausgelöst durch diesen Satz an der Mauer, das wäre doch eine nette Sequenz, immer wieder das Überreichen und meistens dann auch die Freude. 

Im Einsatz für eine bessere Welt? 

Aber ob dieser Satz da überhaupt von einer Frau hingeschrieben wurde, die ihren längst verstetigten Mangel an Blumen als so eklatant empfand, dass da einfach irgendetwas getan werden musste? Oder schrieb es vielleicht ein Mann, der andere Männer motivieren wollte, im Einsatz für eine bessere Welt? Auch das weiß man wieder nicht. Auf das Gebäude passt tagsüber ein akribisch wachsamer Hausmeisterservice auf, da kann man nicht so einfach die Mauern beschriften, das wird sofort registriert und verfolgt. Man muss also schon die Dunkelheit oder einen Sonntag abwarten, wenn man dort Botschaften anbringen möchte, das erfordert durchaus etwas Aufwand. Wer betrieb diesen Aufwand wohl in dieser Art und ausgerechnet für diese Botschaft, man möchte doch die Geschichte kennenlernen, nicht wahr. Aber keine Chance, da wird nichts erklärt. Rätsel des Alltags.
 
Ist das vielleicht nur eine von vielen Botschaften, die hier und da zu freundlichem Verhalten drängen, verteilt über die ganze Stadt? Wird man anderswo gebeten, Kindern ein Eis auszugeben oder mit Senioren durch Parks zu spazieren und Enten zu füttern oder nur bei Grün über die Ampel zu gehen oder was weiß ich? Ich habe bisher keine weiteren Botschaften entdecken können, aber das beweist gar nichts. Die Stadt ist groß und mein Revier ist klein. 

„Ich habe der Wohnung Blumen mitgebracht!“

„Bring deiner Frau Blumen!“ Der Satz geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Ist das überhaupt noch zeitgemäß? Bringt man in Zeiten völlig gleichberechtigter Beziehungen, in denen auch Frauen Vollzeit arbeiten und auch Männer längst Blumen mögen dürfen, bringt man da überhaupt noch dem jeweils anderen Blumen? Kauft man sie nicht eher einfach so, weil sie nun einmal dekorativ sind, ganz ohne jede gestrige Galanterie?
 
„Schatz, ich habe der Wohnung Blumen mitgebracht!“
„Ach schön, wie süß von dir.“
 
Aber nein, das ist Unsinn. Selbstverständlich macht man mit Blumen noch eine Freude, und sei der Brauch auch noch so sehr aus einer anderen Zeit. Ich selbst brauche solche expliziten Aufforderungen aus dem Stadtbild heraus übrigens nicht. Ich habe für diese immer noch romantische und stets betont spontane Geste einen automatisierten Reminder in einer App. Der entsprechende Hinweis erscheint jeden Sonnabend um zehn Uhr auf dem Handy, das läuft bei mir. 
 
Ganz ohne Graffiti.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.

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