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Gesellschaftlicher Wandel
Die Frankfurter Buchmesse und das Anthropozän

Frankfurter Buchmesse
16.10.2019, Hessen, Frankfurt/Main: Blick über eine Ausstellungshalle der Frankfurter Buchmesse | © picture alliance / Jens Kalaene / dpa-Zentralbild / ZB

Auf der größten Buchmesse der Welt stehen 2019 alle Zeichen auf Wandel: Sie geht neue – digitale – Wege und erklärt sich als Forum für freie Meinungsäußerung und Kulturaustausch. Geladen sind künstliche Intelligenzen, Cosplayer und Aktivisten aus aller Welt.

Von Sabine Oberpriller

Mit einem italienischen Zitat bringt Messedirektor Juergen Boos es in der Eröffnungsrede auf den Punkt: „Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist“, schrieb Giuseppe Tomasi di Lampedusa im Gattopardo. Das gilt auch für die Verlagsbranche und die Frankfurter Buchmesse. Die Digitalisierung und der gesellschaftliche Wandel machen aus der einst geschlossenen Fachveranstaltung ein riesiges Medienevent.

Die Frankfurter Buchmesse ist mehr als Buch – weil der Buchmarkt sich längst nicht mehr auf gedruckte Texte beschränkt. 2018 wurden laut einem Bericht der Deutschen Welle in Deutschland 10.000 Titel weniger veröffentlicht, von diesen die meisten kein zweites Mal aufgelegt. Die Ebook-Verkäufe stagnierten bei einem Marktanteil zwischen 4 und 5 Prozent. Insgesamt habe der Buchmarkt seit 2013 rund 6,4 Millionen Leser verloren. Der Trend in Italien geht in die gleiche Richtung.

Blogger, Influencer und Socialmedia-Spezialisten

Auch Meinungsäußerung beschränkt sich nicht mehr auf das gedruckte Wort. Es gibt Blogger, Influencer, Socialmedia-Spezialisten, Aktivisten. Für das Erzählen von Geschichten gibt es neue Techniken, die Text, Bild, Video und Audio kreativ verbinden. Dementsprechend öffnet sich die Messe auch anderen Darstellungsformen. Erstmals widmet sich ein ganzes Areal dem Thema Audio. „Hörbuch“ kann man es nicht mehr nennen, denn während die Buchbranche noch dabei war, sich in den Hörbuchmarkt einzufinden, hat der Trend sich schon weiterentwickelt: Deutsche Hörer folgen Podcasts oder streamen das online, was sie hören wollen, zum Beispiel auf Spotify und Audible.

Die Buchmesse als freie Bühne für Meinungsaustausch

Dass sich die Buchmesse dem breiten Publikum geöffnet hat, ist wahrscheinlich eine ihrer größten Errungenschaften. Sie durchdringt heute ganz Frankfurt am Main. Passend dazu gibt es in der Messe-App ein neues Tool, mit dem sich alle Veranstaltungen finden lassen. Unter anderem beteiligen sich das Hessische Landesmuseum in Wiesbaden und das Filmmuseum in Frankfurt. Beide konzentrieren sich in Ausstellungen, Vorführungen und Themenabenden vor allem auf Künstler und Filme aus dem Gastland Norwegen. Drei Italiener geben sich in Frankfurt die Ehre: Der Mafiaspezialist Gianrico Carofiglio, der Sizilianer Giosuè Calaciura und Andrea Molesini aus Venedig. Die Buchmesse ist auch eine Diskussionsplattform. Zahlreiche Thinktanks und Themen-Festivals sind angesetzt mit Größen aus der Welt der Literatur, Kultur und Politik. Pressesprecherin Katja Böhne erläutert, dass es in vielen Ländern nicht einfach sei, kritisch, – oder überhaupt – zu publizieren. Gleichzeitig sei zu beobachten, dass es international immer weniger freie Bühnen für Meinungsaustausch gebe. Das verstehen die Messeorganisatoren als Appell an sich. Böhne sagt: „Damit hat die Frankfurter Buchmesse als größte der Welt eine wichtige Rolle inne.“

Fridays for Future und andere Aktivisten

Die Gästeliste verrät, dass hier Aktivisten und Aktivistinnen das Wort haben, die sich weltweit für Gleichberechtigung einsetzen und gegen Korruption und Klimaerwärmung kämpfen. Neben „alten“ Größen wie Ai Weiwei und der frischgekürten Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, sind viele junge Gesichter zu Gast: die Mitorganisatorin der deutschen „Friday for Future“-Bewegung Luisa Neubauer, die malawische Kämpferin gegen Kinderehen Memory Banda, die kenianische Umweltaktivistin Phyllis Omido und der Pianist Igor Levit. Der Frage, wie es mit Mensch und Welt weitergeht, ist eine eigene Bühne gewidmet. Dort kann man auch mehr über Plastiksparen und nachhaltiges Leben lernen, ein Thementrend der sich nach einer Umfrage 2019 auch in Italien durchzusetzen scheint. Die Leitfragen formulierte Messedirektor Juergen Boos bei der Eröffnungsrede: „Ist das Anthropozän am Ende?“ Und: „Wie kann die Kultur als Rückgrat der Gesellschaft wieder ihren Einfluss zurückgewinnen?“ Das Steckenpferd der Organisatoren sind die Festivals „Create your Revolution“ und „Future of Culture“. Dort werden Fragen wie die der Ethik der künstlichen Intelligenz und die der virtuellen Technologie in der Kunst diskutiert. Diskussionsgegenstand ist unter anderem das erste digitale Supermodel Shudu, das auf Instagram 190.000 Follower hat. Für Diskussionen sorgt auch die Software LiSA, die auf der Basis von künstlicher Intelligenz Texte verbessern kann. Sie hat schon jetzt den Beinamen „Bestsellermaschine“ und kann von Besuchern getestet werden.

Cosplay-Figuren sollen das junge Publikum für die Buchmesse begeistern

Die Frankfurter Buchmesse ist Buch, ist Austausch,… ist Film. Stichwort: „A book is a film is a game”. In mehreren Arealen diskutiert man international über mögliche Formen der Verschränkung und über die Rolle der Gaming-Industrie für Buch und Film. Videospiele gehören neuerdings zur Buchmesse wie die Krimis. Die Vermutung liegt nahe, dass das zum Teil auch für den Entertaining-Effekt geschieht. Dieses Jahr gibt es eine Cosplay-Bühne, die Figuren durchstreifen das ganze Gelände, ein Cosplay-Cup wird verliehen. Das zieht vor allem jüngeres Publikum an, bei dem Cosplay-Events wie das Lucca Comic immer beliebter werden. Der Innovationen noch nicht genug hat die Presseabteilung bereits ein neues Konzept für 2020 angekündet. Zum Teil ergibt es sich aus längst fälligen Renovierungsarbeiten, durch die eine Halle unbenutzbar wird. Aber wer weiß, was für Neuerungen das bringt: Vielleicht tritt dann im Zuge des digitalen Wandels auch die asiatische, virtuelle Popsängerin Hatsune Miku auf?

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