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Buchmesse
Gianrico Carofiglio - Die Frankfurter Buchmesse als ein „positives Babel“

Gianrico Carofiglio
Gianrico Carofiglio | Foto: © Roberta Lovreglio

Wir haben Gianrico Carofiglio unmittelbar nach seiner Rückkehr von der Internationalen Buchmesse in Frankfurt getroffen. Er hat uns erzählt, wie es ist, diese bunte Vielfalt an Kulturen und Sprachen aus nächster Nähe zu erleben, und wie er zu literarischen Übersetzungen steht.

Von Lucia Pappalardo

Der Autor aus Bari liebt es, von Büchern umgeben zu sein, in ihnen zu stöbern und sich mit Lesern aus aller Welt auszutauschen. Und aus eben diesen Gründen fühlte er sich auf der rennomiertesten Buchmesse Europas durchaus wohl: „Ich war auf der Messe unterwegs, als sie noch nicht für die Öffentlichkeit, sondern nur für Fachbesucher geöffnet war. Es war zwar einiges los, aber es war nicht dasselbe Gefühl, wie auf der Buchmesse in Turin, die durchgehend für alle geöffnet ist und auf der beeindruckende Mengen an Menschen unterwegs sind. Ich glaube aber, dass am Samstag und am Sonntag noch viele Leute gekommen sind und das lässt den allgemeinen Adrenalinspiegel dann natürlich ansteigen.“
 
Sie sind gerade erst von der Messe in Frankfurt zurückgekommen. Wie ist es gelaufen, hat es Spaß gemacht?

Spaß gemacht ist hier vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn es war ja doch eine hektische Woche. Vor Frankfurt habe ich noch einige andere deutsche Städte besucht (München, Augsburg und Darmstadt), um dort die Übersetzung meines Romans Le tre del mattino zu präsentieren (Die Illusion der Weisheit: Erzählungen, erschienen bei Goldmann). Das war anstrengend, aber es hat sich gelohnt. Die Hallen waren jedes Mal voll und die Leser interessiert. Das hat mich gefreut.
 
Wie viele Ihrer Bücher wurden bisher ins Deutsche übersetzt?


Insgesamt? Vielleicht etwa zehn.
 
Sie sind bei den Deutschen sehr beliebt …

Ja, schon. Sagen wir so: Ich kann nicht darüber klagen, wie ich hier aufgenommen werde.

Zur Buchmesse

Was war Ihr erster Eindruck von der Messe in Frankfurt?

Diese Vielfalt an Büchern und Kulturen zu erleben, ist immer lehrreich. Es eröffnet Perspektiven. Für mich ist es immer schön, von Büchern umgeben zu sein. Es gab nur einen Wermutstropfen: Bei so vielen Verlegern und so vielen Sprachen, von denen ich viele nicht verstehe, konnte ich nicht so gut in den Büchern stöbern, wie ich das gerne mache, wenn ich die Sprachen spreche, in denen sie verfasst sind. Das kann ich, außer auf Italienisch, nur in drei weiteren Sprachen, nicht mehr.
 
Welche Sprachen sprechen Sie?

Englisch, Französisch und Spanisch.
 
Was ist für Sie der spannendste Aspekt dieser Messe?

Für mich als Schriftsteller ist das sicher, zu sehen, dass meine Bücher auch in anderen Ländern gelesen werden. Mich mit Menschen aus anderen Kulturen über diese Bücher auszutauschen. Und zu sehen, welche Wirkung meine Texte auf Menschen auch aus weiter entfernten Ländern und Kulturen haben. Als Leser hingegen würde ich am liebsten alles mitnehmen und lesen. Die Folge ist eine Art positiver Frust darüber, dass man das alles gar nicht bewältigen kann. Gleichzeitig ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass es noch viele Dinge zu tun und zu lesen gibt und einem daher nie langweilig werden wird. Ja, das ist es, was die Messe in mir auslöst.

Die Vervielfachung eines Erfolgserlebnisses

Was bedeutet es für Sie, zu sehen, dass Ihre Bücher übersetzt werden, und sie im Ausland zu präsentieren?

Es bedeutet eine Vervielfachung des Erfolgserlebnisses, das ich habe, wenn ich in Italien publiziere. Und dann ist da ja auch noch die Sprache. Wenn ich die Übersetzungen meiner Texte lese, soweit meine Sprachkenntnisse eben reichen, ist das immer schön und befremdlich zugleich. Denn ich weiß, dass dieser Text von mir ist und gleichzeitig nicht mehr von mir ist. Eine Übersetzung ist in gewisser Hinsicht eine neue Fassung des Buchs. Wenn ich also übersetzte Texte von mir lese, entdecke ich immer auch Bedeutungsebenen, deren ich mir zuvor nicht zur Gänze bewusst war und die durch die Übertragung in eine andere Sprache deutlicher hervortreten.
 
Aber im Deutschen müssen Sie der Übersetzerin vertrauen?

Ja. Da muss ich der Übersetzerin vertrauen.
 
Haben Sie nie Zweifel? Also stellen Sie sich nie die Frage: Wie wird wohl „mein Wort“ in eine andere Sprache übersetzt, die sich vielleicht stark vom Italienischen unterscheidet?

Ich glaube, meine Bücher wurden in 28–29 Sprachen übersetzt. Die alle zu lernen und alles zu kontrollieren, wäre wohl recht aufwändig. Aber natürlich stelle ich mir diese Frage implizit.
 
Spürt man auf der Messe in Frankfurt auch eine Atmosphäre des kulturellen Austauschs?

Es sind ja alle da, einer direkt neben dem anderen. Man fühlt sich also unweigerlich im Herzen einer Art „positiven Babels“.
 
Inwieweit reagiert das Publikum im Ausland anders als das in Italien?

In Deutschland ist es üblich, bei Präsentationen längere Stücke vorzutragen. Das funktioniert in Italien nicht. Aber aus meiner Perspektive sind Leser einander überall sehr ähnlich.

Wie kann man erreichen, dass mehr gelesen wird?

Was müsste man Ihres Erachtens tun, um die Zahl der verkauften Bücher zu steigern und zu erreichen, dass mehr Literatur, aber auch allgemein mehr gelesen wird?

Ich denke, da gibt es viele Möglichkeiten und nicht alles lässt sich strategisch planen. Aber ein wichtiger Schritt wäre meiner Meinung nach, die Eröffnung und den Erhalt unabhängiger Buchläden in gering versorgten Gebieten zu fördern. Denn ein unabhängiger Buchhändler, der Bücher liebt, ist ein „Autor des Lesens“, nicht nur ein Händler. Das ist für mich ein strategisch zentraler Punkt. Allgemein sind aber in Italien in diesem Jahr die Verkaufszahlen gestiegen. Nicht so stark, wie sie sollten, aber sie sind gestiegen. Das ist eine sehr gute Nachricht.

Der neueste Carofiglio

Neue Bücher, die bald herauskommen?

Am 5. November erscheint La misura del tempo bei Einaudi.

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