Kulinarisches & Kultur Fotograf, Musiker und einer der besten Gastwirte der Stadt

Ristorante Bosco – Adler Fisch, Risotto, Makrele
Ristorante Bosco – Adler Fisch, Risotto, Makrele | © Goethe-Institut Italien – Foto: Bosco

In Berlin bekommt man Lust, etwas zu wagen

„Du fotografierst nicht nur mit der Kamera. Ins Fotografieren legst du alle Bilder, die du gesehen hast, die Bücher, die du gelesen hast, die Musik, die du gehört hast, und die Menschen, die du geliebt hast“, sagte einst Ansel Adams, einer der größten Fotografen des zwanzigsten Jahrhunderts.
 

Mit eben diesem Ansatz, nur in Bezug auf das Kochen, führt auch der aus Bologna stammende Federico Testa, Jahrgang 1982, seit 2010 sein Restaurant in Berlin. Besser gesagt, seine beiden Restaurants: von 2010 bis 2014 das Da Baffi im Wedding und heute das Bosco, das er 2014 in Kreuzberg aufmachte und das heute dem Stadtmagazin Tip Berlin zufolge „der coolste, beste, neueste Italiener der Stadt“ ist. Bevor er sich täglich der Auswahl des Menüs und der Führung seines Lokals widmete, beschäftigte sich Federico übrigens tatsächlich mit Fotografie. Und Adams war und ist einer seiner Lieblingsfotografen. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Umzug nach Berlin darauf hinausliefe, Restaurantbesitzer zu werden. Ich war aufgebrochen, um Musik zu machen, und doch bin ich glücklich und stolz auf mein Geschöpf.“

Wie kommt es, dass ein Fotograf und Musiker schließlich ein Restaurant im Herzen Kreuzbergs aufmacht?

Um das herauszufinden, müssen wir sowohl zeitlich als auch geografisch einen Schritt zurücktreten. Los ging es im November 2008 in Bologna. „Ich war 25 und hatte die letzten Jahre in einem Fotoatelier verbracht. Außerdem spielte ich in einer Band. Der Schlagzeuger war ein alter Freund von mir, Francesco, ebenfalls aus Bologna. Beide hatten wir das Bedürfnis, unsere Musikkarriere anzukurbeln. Wir dachten, Berlin könnte für unsere Musik empfänglicher sein. Also gingen wir dorthin. Wir übernachteten bei einer italienischen Freundin. Eines Abends rief sie mich an, ich solle schnell runter in die Kneipe kommen, wo sie gerade mit zwei Deutschen Bier trank. Die suchten noch einen Fotografen für ein von ihnen organisiertes Event, den Design Mai. Ich ging runter, wir plauderten und tranken ziemlich viel, aber am nächsten Tag erschien ich pünktlich um 9 Uhr morgens zum Vorstellungsgespräch bei ihnen im Büro. Eine Stunde später war ich angeheuert.“ So wurde er zum freien Mitarbeiter, der dann auch Modefestivals wie die Bread & Butter und andere Berliner Kulturveranstaltungen verfolgte. „Doch manchmal blieben die Aufträge aus, sodass ich als Tellerwäscher in dem italienischen Restaurant arbeitete, in dem Francesco als Koch angestellt worden war.“ Das Kochen trat nach und nach in sein Leben. „Mehr zum Spaß als aus Überzeugung fingen Francesco und ich irgendwann an, einmal pro Woche einen Abend mit italienischem Essen in einer Galerie in Kreuzberg zu organisieren. Nach dem Essen legten wir bis fünf Uhr morgens auf. Trotz des Erfolgs haben die Nachbarn nach einigen Malen logischerweise darum gebeten, das sein zu lassen.“

Von Kreuzberg in den Wedding und zurück

„Wedding ist ein Stadtteil im Nordosten Berlins, in dem vor allem Leute aus der Türkei, dem Nahen Osten und Afrika leben. 2010 glaubte niemand daran, dass es ein neuer In-Bezirk werden könnte. Dort stießen wir jedoch auf den Laden eines Friseurs, der einen Nachmieter suchte. Die Miete betrug 250 Euro im Monat. Das konnten wir uns leisten. Die Renovierung übernahmen wir komplett selbst. Als wir eröffneten, hatten wir noch keinen Dunstabzug, und die Kochplatte hatten wir für zehn Euro auf dem Flohmarkt im Mauerpark gekauft. Die Behörden drückten ein Auge zu – sie waren froh, dass jemand im Wedding ein anderes Restaurant als eine Kebab- oder Pizza-Pasta-Salat-Bude aufmachen wollte. Sie gaben uns Zeit, alles was wir nun im Lokal selbst verdienten, in die Erfüllung der Vorschriften zu investieren. Wir servierten die typische Küche der Region Emilia, also das, was unsere Großmütter kochten. Nach und nach kam das Restaurant in Gang. Wir nannten es Da Baffi. Erst hatten wir nämlich die Idee, es ‚Da leccarsi i baffi‘ zu nennen – das bedeutet auf Deutsch so viel wie ‚danach kann man sich die Lippen (wörtlich: den Schnurrbart) lecken‘ –, aber so viele italienische Wörter waren für Deutsche zu lang und zu schwierig zu merken. Das Abenteuer dauerte vier Jahre. Überall Rezensionen und immer nur positive. Wir wurden zu einem Symbol für den Wandel des Stadtteils. Aus der ganzen Stadt kamen Gäste. 2014 entschlossen wir uns dann, für ein größeres und noch ambitionierteres Lokal nach Kreuzberg umzuziehen. Hier entstand das Bosco. Diesmal bildete ‚Großmutters Küche‘ die Basis für neue Rezepte und Kombinationen. Innovativ? In jedem Fall originell. Alle Gerichte sind das Ergebnis einer ständigen Suche nach Zutaten und Zusammenstellungen, die unsere Gäste überraschen – natürlich auf erfreuliche Art. Vor einigen Monaten ist Francesco aus dem Unternehmen ausgestiegen, um nach Italien zurückzugehen und mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Jetzt schmeiße ich den Laden alleine.“ Bist du zufrieden damit? „Sehr, auch wenn ich vielleicht nicht mehr mit jenem Berlin Schritt halte, das weiterhin junge Leute aus der ganzen Welt anzieht. Mein typischer Tagesablauf ist sehr einfach: zu Hause, Lokal, ein Bier mit Freunden, hin und wieder ein Konzert. Das könnte ich an einem x-beliebigen Ort der Welt tun. Was mir Berlin gegeben hat, ist ein Gefühl der Ruhe und den Wunsch, mich ins Spiel zu bringen und etwas zu wagen. Das hätte ich andernorts vermutlich so nicht gefunden.“ Und die Musik? „Die habe ich nicht aufgegeben. Derzeit komponiere ich einige Songs für ein Soloprojekt. In Berlin kann man ohne Leistungsdruck auch zwei oder drei Leben parallel führen. Die Stadt richtet sich nach dir und nicht umgekehrt. Und vielleicht bindet mich das am meisten an diesen Ort“.