7 Fragen an... Andrea D’Addio

Andrea D’Addio ist Journalist. Seit 2009 wohnt er in Berlin und arbeitet mit verschiedenen italienischen und deutschen Zeitungen und Zeitschriften zusammen. Er ist Gründer und Direktor des „Berlino Magazine“, der Website für Italiener in Deutschland, sowie Autor des Reiseführers „Berlino Low Cost. Guida anticrisi alla città più alternativa d’Europa“. Wir haben ihm als Italo-Berliner sieben Fragen gestellt.

Wie geht es den Italienern in Berlin?
Es sind wirklich viele, man könnte es eine eigene Stadt in der Stadt nennen. Und wie in allen Städten geht es einigen gut, anderen schlecht, manche haben sich gut integriert, manche weniger gut. Das hängt vor allem von den Erwartungen ab, mit denen man hergekommen ist, wie gut man sich vor der Abreise vorbereitet hat und wie viel Zeit man einkalkuliert hat, um eine zufriedenstellende Arbeit zu finden. Allgemein kann man sagen, dass die Stadt der Italiener in Berlin im Durchschnitt glücklicher ist als eine Stadt von Italienern in Italien.

Warum Berlin?
Warum die Italiener, die hier sind, sich für Berlin entschieden haben? Im Vergleich zu den anderen großen Ländern der Europäischen Union (Frankreich, Italien, Spanien), d. h. zu den Ländern, bei denen die bürokratischen Hürden für einen Umzug am niedrigsten sind, ist Berlin die Hauptstadt des Landes mit der niedrigsten Arbeitslosenquote. Was das Sozialleben angeht: Zwar mit abnehmender Tendenz, aber noch ist Berlin die Stadt, in der viele Freiheiten Normalität sind, man braucht sich eine Anerkennung als Künstler, Schwuler, Lesbe oder Transgender nicht erst zu erkämpfen, Berlin nimmt alles auf, weil gerade die Verbindung der Gegensätze das Besondere an Berlin ist. Mieten und Vergnügungskosten sind niedrig im Vergleich zu Hauptstädten wie Paris und London, einem anderen beliebten Ziel der Italiener „auf der Flucht“. Außerdem gibt es eine hohe Konzentration junger Unternehmen, Start-ups, die Arbeitskräfte anziehen.

Was war bei dir der Grund wegzugehen?
Ich schreibe seit 2003 für Print- und Online-Zeitschriften, seit ich 21 bin, immer als Freelancer. Ich wollte freier Journalist sein und dachte, wenn ich von einer Stadt im Ausland aus schriebe, würden sich mir mehr Wege eröffnen. Die originellen Geschichten, auf die man in einer Stadt außerhalb Italiens stößt, sind medial weniger abgedeckt. 2008 dachte ich, Berlin würde die Stadt der Zukunft, sowohl in geopolitischer (die Osterweiterung der EU war noch recht jung) als auch in künstlerischer Hinsicht (man hörte immer öfter von Berlin als Hauptstadt neuer Trends). Niedrige Mieten, niedrige Lebenshaltungskosten, wenig konkurrierende Journalisten: Es schien mir eine kluge Wahl ohne allzu großes Risiko. Es war eine gute Wahl.

Seit 2009 lebst du nicht mehr in Italien, hast gerade aber die gesamte Halbinsel auf den berühmten Spuren Goethes bereist. Was hat sich verändert? Was empfindest du?
Was sich verändert hat, weiß ich nicht… Wenn man von Ort zu Ort reist, und vor allem, wenn man sich in jeder Stadt nur ein, zwei Tage aufhält – wir sind in zwei Wochen von Trient bis nach Catania –, nimmt man immer die Highlights mit… Ich habe so viel Zuneigung und Achtung für alle engagierten Italiener empfunden, die sich mit ihren jeweiligen Aktivitäten, sei es ein Restaurant, ein Hotel, ein Musikprojekt oder eine freiberufliche Arbeit, mit viel Schweiß und ohne Klagen ein eigenes Leben in Italien aufbauen. Für diese Italiener, die ich nun direkter erleben konnte, hege ich Respekt, ihretwegen blicke ich optimistisch auf Italiens Zukunft.
 
Deine Sicht auf die Berliner?

Von anderen Deutschen unterscheiden sie sich am meisten durch ihren Humor, der, wenn man sich nicht gut kennt, zuweilen etwas schroff ist, sie sagen einem relativ ungefiltert, was sie denken… viele sind sehr offen, sie sind stolz, die authentischen Einwohner der Stadt des Augenblicks zu sein. Es sind offene Menschen, aber gleichzeitig spüre ich zunehmend auch eine gewisse Unduldsamkeit dagegen, wie das neue Kapital, das aus anderen Teilen Deutschlands oder Europas in die Stadt fließt, das Gesicht der Stadtviertel verändert. Vor ein paar Jahren freuten sich die Berliner noch über die europäische Zuwanderung, heute weniger.

Die italienische Community in Berlin ist sehr stark. Mit wem triffst du dich so?
Ich versuche eine Balance zu finden. Die Leute, die mit mir beim Berlino Magazine arbeiten, sind alle Italiener, und wir kommen so gut miteinander aus, dass wir uns auch außerhalb der Bürozeiten treffen. Ich bin aber auch Spielertrainer einer 5er-Fußballmannschaft, Rotation Prenzlauer Berg, die ich häufig sehe: Die ist zur Hälfte deutsch, zu einem Viertel italienisch und stammt zu einem weiteren Viertel aus anderen Ländern. Eines ist klar: Wie in jeder Stadt der Welt ist es für einen Ausländer leichter, sich mit anderen Ausländern anzufreunden, als mit Einheimischen. Man kann mit anderen Zugezogenen eher die Integrationsprobleme und -erfolge teilen, die jemand, der in dem Land lebt, in dem er aufgewachsen ist, gar nicht kennt.

Wo siehst du deine Zukunft, auch auf lange Sicht? In Italien, in Deutschland?
In Deutschland, mit häufigen Reisen nach Italien.