Italiener mit Italienern in Berlin Berlin: Problem oder Lösung?

Stefano e le sue figlie
Stefano e le sue figlie | © Stefano Carpani

„Manche sind gerade erst nach Berlin gekommen, andere schon vor längerer Zeit. Es handelt sich um mutige Leute, denen bewusst geworden ist, dass sie Hilfe brauchen. Sie fühlen sich verloren. Stress und Angst gewinnen die Oberhand über ihr Leben. Sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört, um nach und nach zu verstehen, was für sie im Leben wirklich zählt.“

Der 38-jährige Stefano Carpani aus Mailand macht eine Weiterbildung zum Psychoanalytiker beim namhaften C.G. Jung-Institut in Zürich. Seit 2013 lebt er mit seiner seiner Frau und seinen drei Töchtern in Berlin und pendelt in die Schweiz. In der deutschen Hauptstadt bietet er vielen Italienern und anderen Ausländern Beratung an und greift dabei auf psychoanalytische Methoden zurück, insbesondere die Jung’sche.

Berlin liebt man entweder oder man hasst es

„Psychoanalytiker kann man sich erst nach Abschluss der Qualifizierung nennen. Ich bin noch in der Ausbildung, aber ich kann schon als counsel arbeiten. Meine Klienten sind sowohl Italiener als auch andere Ausländer. Ich arbeite auch auf Englisch. Sie erzählen mir ihre Träume, Nachtträume wie Tagträume. Berlin liebt man entweder oder man hasst es. Hier können deine Ambitionen Realität werden, aber nur, wenn du wirklich daran glaubst. Die Phase, in der man sich an die Stadt und die deutsche Kultur gewöhnt, ist sehr wichtig. Man muss mit der Einsamkeit umgehen lernen. Der Winter ist lang und kalt und es wird früh dunkel. Es ist nicht einfach, stabile, echte Beziehungen aufzubauen, ob es nun um Freundschaft oder um Liebe geht. Dienste wie Tinder dominieren.“

Warum ziehen dann so viele Italiener nach Berlin, dass sie mittlerweile 0,8% der Bevölkerung ausmachen? „Berlin ist eine Stadt, wie es sie in Italien so nicht gibt. Vielmehr auf der ganzen Welt nicht. Wir sollten nicht denken, dass sie perfekt wäre. Wenn wir etwas idealisieren, stehen wir nicht mit beiden Beinen auf dem Boden, aber wenn man Opfer bringt und etwas Eigenes einbringt, kann man seinen Platz finden.“ Kann sich Berlin als Illusion herausstellen? „Wenn man hierher kommt, weil man vor einer belastenden Wirklichkeit flieht, riskiert man auf lange Sicht, sich früher oder später wieder am selben Punkt zu befinden. Man muss in sich schauen, um weiterzukommen. Wo man das tut, ist zweitrangig. Berlin wird erst für die darauffolgende Phase wichtig. Es ist die Stadt, in der wir alle die Möglichkeit haben, wieder Kinder zu werden, alles zu löschen, was wir meinten, über uns zu wissen, und uns die richtigen Fragen zu stellen, um unsere Zukunft neu zu bestimmen, wie es Wim Wenders in Der Himmel über Berlin treffend erzählt.“

Stefano Carpani und Berlin

„Meine Studienlaufbahn war lang und vielfältig. Ich habe mein Studium der Neueren Literatur an der Università Cattolica mit Bestnote abgeschlossen. Dann machte ich erst einen Master in ‚Arts in Globalisation, Culture and Society‘ an der Uni Manchester, anschließend einen in ‚Philosophy in Global Transformation and Modern Societies‘ in Cambridge. 2002 fand ich eine Anstellung bei einer bedeutenden Werbeagentur in Mailand. Ich hatte das Bedürfnis nach einem festen Gehalt, aber ich war nicht glücklich. Ich hatte meine Träume verdrängt. Ich suchte Hilfe bei dem Psychoanalytiker Alessandro Albizzati. 2012 machte ich mich auf die Suche nach einer anderen Arbeit, aber je mehr Vorstellungsgespräche ich in ganz Europa absolvierte, desto bewusster wurde mir, dass es an der Zeit war, etwas zu ändern. Meine Frau, Spanierin aus Madrid, war mit unserer dritten Tochter schwanger. Sie hatte ein Vorstellungsgespräch bei einem Unternehmen in Berlin. In der deutschen Hauptstadt waren wir schon gewesen und hatten uns in sie verliebt. Nach zwei Vorstellungsgesprächen via Skype teilten sie ihr mit, dass sie die Stelle bekomme.

Stefano mit seiner Familie Stefano mit seiner Familie | © Stefano Carpani Wir haben unsere Koffer gepackt und sind umgezogen. Das war im Oktober 2013. Am Anfang war es vielleicht eher ein Experiment, es hat den Zusammenhalt unserer Familie auf eine harte Probe gestellt. Niemand von uns sprach damals Deutsch. Ich machte mich weiter im Bereich Marketing auf Stellensuche. Beinahe wurde ich von einem Unternehmen angestellt, das sich aber im letzten Moment wieder zurückzog, ähnlich wie man es aus Italien kennt. Da verstand ich, dass ich mein Leben erneut ändern wollte, und ich bewarb mich um die Zulassung am Carl Gustav Jung-Institut in Zürich.“

Wird es nun für immer Berlin sein? „Hier wächst gerade die erste Generation europäischer Kinder heran. Ich bin sehr glücklich, dass meine Töchter fließend Italienisch, Spanisch, Englisch und Deutsch sprechen und in der Schule mit Lehrern und Mitschülern aus allen Teilen der Welt, mit unterschiedlichen Religionen, Traditionen und Bräuchen in einer Klasse sein können. Ich glaube, das ist das größte Geschenk, das wir ihnen machen können, sie zu Vielfalt und Kreativität zu erziehen. Und zum Neugierig sein. Ich würde gerne sagen: Ja, Berlin ist die Stadt unserer Zukunft, aber wir sind eine Familie, und wir werden das immer gemeinsam entscheiden müssen.“