Born in Berlin Meine Frau, meine vier Kinder und ich – Berlin ist unser Zuhause

Berlin ist unser Zuhause
Berlin ist unser Zuhause | © Fabio Esposito

„2009 fuhren meine Frau und ich mit dem Auto nach Helsinki. Wir wollten herausfinden, ob das für unsere Zukunft die richtige Stadt sein könnte. Dort lebte eine Freundin von uns, die davon geschwärmt hatte. Neapel ist wunderschön, aber wenn man Kinder hat, einfach zu chaotisch. Und wir hatten damals zwei Kinder: den siebenjährige Simone und den sechsjährigen Lorenzo. Auf der Rückreise machten wir Station in Berlin und verliebten uns sofort in die Stadt. Mehr als es bei Helsinki der Fall gewesen war. Und so haben wir in den folgenden Monaten nicht nur unseren Umzug nach Deutschland geplant, sondern auch entschieden, dass unser drittes Kind dort geboren werden sollte. Meine Frau Alessandra war damals nämlich schwanger.“

Fabio Esposito gehört zu einer besonderen Kategorie von Italienern in Berlin: zu denjenigen, die mit ihrer gesamten italienischen Familie umgezogen sind. Alessandra und er, beide aus Neapel und beide Jahrgang 1973, haben in Berlin noch zwei Kinder in die Welt gesetzt: 2011 Caterina und 2013 Elena. Sie sind nun also zu sechst, und auch ohne deutsche Familienangehörige [M2] fühlen sie sich bereits stark mit Deutschland verbunden. Simone, der Älteste, ist mittlerweile 14 und hat sich vor kurzem entschieden, kein zweisprachiges Gymnasium zu besuchen, sondern ein rein deutschsprachiges. „Er denkt, dass zu Hause schon genug Italienisch gesprochen wird. Da braucht er das nicht auch noch in der Schule zu tun.“ Der ein Jahr jüngere Lorenzo hat so gute Schulnoten, dass er ein Jahr früher aufs Gymnasium konnte. Für Caterina (5 Jahre) und Elena (3) ist es noch zu früh, über die Schulwahl zu sprechen, aber wie Fabio Esposito bestätigt: „Sie wachsen zweisprachig auf. Zuhause Italienisch, im Kindergarten [M3] Deutsch. Manchmal vermischen sie beides, ohne sich der Unterschiede bewusst zu werden.“

Warum eine italienische Familie sich entschließt, umzuziehen und ihre Kinder in Berlin aufwachsen und zur Welt kommen zu lassen

In Italien war Fabio Fotograf und Grafiker und hatte diverse Kunden und Projekte. Auf Standfotografie spezialisiert, gehörte er zu den Fotografen des Vertrauens von Toni Servillo, dem großen italienischen Schauspieler. „Aber die Zahlungen gingen immer später ein, wenn überhaupt gezahlt wurde. Mahnungen für Rechnungen längst ausgeführter Aufträge zu schreiben war ein eigener Job geworden. Außerdem ist das Leben mit Kindern in Neapel sehr anstrengend. Wir wollten unsere Kinder in einer gesünderen und ruhigeren Umgebung aufwachsen lassen.“

Der Anfang war nicht leicht

Es war ein Wettrennen gegen die Zeit. Im Mai 2010, als wir noch in Neapel wohnten, hatten wir bei einer italienisch-deutschen Schule in Berlin angefragt, ob es dort ab September Plätze für Lorenzo und Simone gäbe. Sie sagten Nein. Also dachten wir, dass wir unseren Umzug nach Berlin um ein Jahr verschieben müssten. Doch ein paar Wochen vor Schuljahresbeginn rief die Schule uns an und sagte, dass zwei Plätze frei geworden seien. Wir mussten uns sofort entscheiden. Und wir entschieden uns dafür. Alessandra war damals im Organisationsteam eines Literaturpreises in Neapel und konnte nicht vor Dezember weg, also bin ich allein mit den beiden Kindern los. Wir schliefen alle zusammen in einer Einzimmerwohnung. Für sie war es die schönste Wohnung, die wir in Berlin je hatten, ihnen hat diese Kameradschaft unter Männern gefallen. Wir waren vier Monate allein, dann ist meine Frau nachgekommen. Kurz darauf wurde Caterina geboren. Ich arbeitete derweil weiter als Freelancer für Italien, kümmerte ich mich vor allem um Websites und Social-Media-Kanäle für Unternehmen. So entstand die Idee, mich auf Wein zu spezialisieren.“
Berlin ist unser Zuhause © Fabio Esposito Heute ist Fabio Esposito einer der bekanntesten Vertreter italienischer Weine in Berlin. „Das ist eine spannende Welt, in die ich mich gut eingearbeitet habe. Die Aufmerksamkeit für qualitativ hochwertiges Essen und Trinken hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Zum Glück kann man auf diesem Markt arbeiten.“ Alessandra ist inzwischen Italienischlehrerin an der Volkshochschule. „Wir sind seit zwanzig Jahren zusammen, und wenn man die erste Zeit unserer Beziehung ausnimmt, als wir noch kaum Verantwortung und Sorgen hatten, genießen wir jetzt eine wirtschaftliche Stabilität und Lebensrhythmen, wie wir sie in Neapel wahrscheinlich nie erreicht hätten.“

Die Eingewöhnung der Kinder

„Das ging schnell. Die Finowschule, bei der wir Lorenzo und Simone angemeldet hatten, ist ein sehr guter Ausgangspunkt, um italienische Kinder nach und nach ins deutsche Schulsystem zu integrieren. Da sind viele Kinder italienischer Familien, die wie wir hergezogen sind, als die Kinder schon auf der Welt waren.“ Wird es für immer Berlin sein? „Das glaube ich nicht. Im Moment ist es die einzig mögliche Lösung. Die Lebensqualität ist hoch, Alessandra und ich können hier viel mehr tun, als wir es in Neapel im selben Zeitraum könnten. Aber nichts hindert uns daran, in Zukunft noch eine andere Stadt auszuprobieren. Berlin werden wir in uns tragen, wo immer wir auch hingehen. Unsere älteren Kinder sind von der Mentalität her schon Berliner. Sie haben schon gesagt, dass sie mit 18 von zu Hause ausziehen und anderswo Erfahrungen sammeln werden, um dann, wer weiß, vielleicht wieder zurückzukommen. Unabhängig und mutig: Mit genau diesen Adjektiven haben wir einst diese wunderbare Stadt beschrieben.“