Born in Berlin Fotograf und Sopranistin mit drei italienisch-japanischen Kindern in Berlin

Fotograf und Sopranistin mit drei italienisch-japanischen Kindern in Berlin
Fotograf und Sopranistin mit drei italienisch-japanischen Kindern in Berlin | © Guido Castagnoli

„Ich habe mich bisher nie einem Ort zugehörig gefühlt. Vielleicht, weil ich in Turin geboren, aber in Genua aufgewachsen bin, wohin mein Vater zum Arbeiten versetzt wurde. Die nachmittäglichen Spaziergänge auf Genuas Strandpromenade habe ich immer geliebt, aber es war ein ständiges Hin und Her zwischen dem Piemont und Ligurien. Es fiel mir schon immer schwer, eine Stadt als mein Zuhause zu betrachten. Deshalb überrascht mich auch meine aktuelle Situation nicht – und zwar, mit einer Frau aus Shizuoka verheiratet zu sein und mit unseren drei Kindern in Berlin zu leben, die, indem sie dort aufwachsen, fließend Italienisch, Japanisch und Deutsch lernen.“

Guido Castagnoli, Jahrgang 1976, ist einer der bekanntesten und im Ausland anerkanntesten italienischen Fotografen. 2011 wurde er mit einer Arbeit über Tokio, Tokios Bewohner und die Nutzung der städtischen Flüsse und Kanäle Zweiter in der Kategorie landscape bei den Sony Photography Awards, einem der bedeutendsten Fotowettbewerbe der Welt. Doch schon seit 2008 tauchte sein Name in internationalen Zeitschriften wie der New York Times, der Financial Times, Monocole, Vogue, Elle und vielen anderen auf. Ob für Porträts mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten, Landschaften oder Werbefotografien, sein Objektiv ist in den unterschiedlichsten Teilen der Welt gefragt.

Der Umzug nach Berlin geht auf das Jahr 2013 zurück. „Es ist ein guter Ausgangspunkt, um überall hinzukommen, wo ich Aufträge habe, aber das ist nicht der Hauptgrund, warum ich hier lebe. In Berlin kann meine Familie in einer Unbeschwertheit leben, die sie in Italien, und vielleicht auch anderswo in der Welt, nicht finden könnte.“

Genua, Mailand und schließlich Berlin

Ich habe Seiko, meine Frau, auf der Vernissage einer befreundeten Malerin in Genua kennengelernt. Das war 2006. Kurz zuvor hatte ich meinen Job als Grafiker und Creative Consultant bei einer Kommunikationsagentur in Mailand aufgegeben, um mich Vollzeit der Fotografie zu widmen. So war ich wieder nach Ligurien gezogen, um als Fotograf das Festival della Scienza zu verfolgen. Sie dagegen war in Italien, um ihre Italienischkenntnisse zu verbessern. Sie ist Opernsängerin, Sopranistin. Mir war ziemlich schnell klar, dass sie die richtige Frau für mich ist, dass ich nicht die Neugier oder die Kraft haben würde, andere nach ihr kennenzulernen. Wir haben dann bald geheiratet, nur ein Jahr später, auch um eventuelle Visumsfragen zu vereinfachen und um dafür zu sorgen, dass ihre Familie in Japan, die recht traditionsbewusst ist, unserer Beziehung positiv gegenübersteht.“
  • Regierender Bürgermeister von Berlin Michael Müller, für Monocle Magazine, Berlin Januar 2016 © Guido Castagnoli
    Regierender Bürgermeister von Berlin Michael Müller, für Monocle Magazine, Berlin Januar 2016
  • Kids © Guido Castagnoli
    Kids
  • Links: Elena, Berlin, Februar 2016. Rechts: Konzerthaus im Gendarmenmarkt, Berlin, 2016. © Guido Castagnoli
    Links: Elena, Berlin, Februar 2016. Rechts: Konzerthaus im Gendarmenmarkt, Berlin, 2016.
  • Carmelo Leotta, Musiker. Berlin, Januar 2016 © Guido Castagnoli
    Carmelo Leotta, Musiker. Berlin, Januar 2016
  • Freunde von Freunden für Scanorama Magazine, Berlin 2015 © Guido Castagnoli
    Freunde von Freunden für Scanorama Magazine, Berlin 2015
2008 war dann unter vielen Gesichtspunkten ein Jahr des Umschwungs. „Ich habe einen Agenten für meine Fotografien gefunden. Er hatte seine Basis in Berlin, weshalb ich die Stadt nun häufig besuchte. In der Zwischenzeit kam unsere erste Tochter Mei [M2] zur Welt. Die Ideogramme, mit denen man ihren Namen schreibt, bedeuten ‚goldener Spross‘.“ Zwei Jahre später war die Reihe dann an Emi. „In ihrem Fall hat der Name keine besondere Bedeutung, uns gefiel, dass es ein Anagramm von Mei ist. Die Idee, ins Ausland zu ziehen, blitzte in dieser Zeit in uns auf. Wir verspürten langsam das Bedürfnis, unsere Kinder in einer Stadt großzuziehen, die so groß wäre wie Genua, aber von der Mentalität her weniger provinziell. Es ist zwar nicht der einzige Grund, aber sicher war für die Entscheidung auch die Tatsache ausschlaggebend, dass meine Töchter beide asiatische Züge tragen. Regelmäßig wurde Mei von ihren Altersgenossen geringschätzend ‚die Chinesin‘ genannt.“

Warum ausgerechnet Berlin? „Die anderen Optionen waren Paris oder New York. Seiko mag aber die Vereinigten Staaten nicht, und Paris kam uns extrem teuer und hektisch vor. Berlin schien uns ein guter Kompromiss.“

Der Umzug, zwei Jahre später

„Von Italien vermissen wir, wie leicht sich Eltern und Kinder zu einem Fest oder auch zu Plaudereien im Park zusammenfinden. Hier sind alle verschlossener, es ist schwieriger, einen ersten Kontakt herzustellen. Außerdem wundert mich, dass die Eltern ihre Kinder außerhalb der Schulzeiten lieber zu zweit verabreden, statt ein schönes Grüppchen Gleichaltriger zu bilden und sie alle zusammen spielen zu lassen.“ Die Eingliederung von Mei und Emi in der deutschen Schule ist aber gut verlaufen. „Sie sind noch klein, aber beide sprechen für ihr Alter schon gut Deutsch. 2015 kam dann Ao, was auf Japanisch ‚blau‘ heißt. Er ist der Einzige in unserer Familie, der in Berlin geboren wurde, auch wenn man von ihm logischerweise noch nicht behaupten kann, dass er Deutsch sprechen würde.“

Was findet man in Berlin, was es anderswo nicht gibt? „Eine Ruhe und eine Vielzahl kultureller Anreize, die auf der Welt kaum ihresgleichen haben. Außerdem, wie schon gesagt, die Internationalität, die wir suchten. Hier sind die anderen Kinder, wenn sie unsere Kinder treffen, neugierig, ihre Geschichte zu hören, es gibt keinen Rassismus, nicht mal in naiver Form.“ Stellt ihr euch vor, für immer hier zu leben? „Sicher wollen wir hier einen längeren Abschnitt unseres Lebens verbringen. Später, wer weiß, vielleicht ziehen Seiko und ich, wenn die Kinder groß sind, raus aus der Stadt an irgendeinen ruhigen Ort auf dem Land. Ob in Italien oder Japan ist nicht wichtig – wichtig ist, dass er am Meer liegt. Das Meer ist nämlich doch ein Ort, dem ich mich zugehörig fühle.“